Home / Forum / Zucht / Was haben wir aus dem Hund gemacht?

Verfasser-Bild
Dogorama
Einleitungs-Beitrag
Anzahl der Antworten 537
heute 19:40

Was haben wir aus dem Hund gemacht?

Stell dir vor, Menschen würden wie Hunde gezüchtet. Manche wären 3 Meter groß und 360 kg schwer – andere gerade mal 86 cm mit 13 kg. Klingt absurd? Genau das haben wir mit unseren Hunden gemacht – in nur 150 bis 200 Jahren. Aus Sicht der Evolution ein bloßer Wimpernschlag. 😱 Wir sind auf dieses unglaubliche Gedankenexperiment bei @wissen_macht_wau (Instagram) aufmerksam geworden. In der Natur entscheidet natürliche Selektion, welche Merkmale sich durchsetzen. Bei Hunden entscheidet der Mensch, wer sich fortpflanzen darf. So können einzelne Merkmale innerhalb weniger Generationen extrem verstärkt werden. Das Problem: Der Körper passt sich nicht immer genauso schnell an wie das Aussehen. Folgende Zahlen zeigt wissen_macht_wau: 🐾 Großwüchsige Rassen wie die Deutsche Dogge leben durchschnittlich 3,5 Jahre kürzer und haben ein bis zu 114-fach erhöhtes Risiko für eine Magendrehung. 🐾 Bei 92 % der untersuchten Chihuahuas hat sich der Schädel nicht vollständig geschlossen – dem Gehirn fehlt schlicht der Platz. Und das ist nur die Größe – Falten, Plattnasen und überlange Rücken kommen noch dazu. 👉 Welche Gedanken gehen dir dabei durch den Kopf? 👉 Wie stehst du zur „modernen“ Hundezucht?
 
Beitrag-Verfasser-Bild
SandrA
heute 18:08
Für einen Jäger sind aber neben der Jagdmotivation eben genau die Selbstregulierung, und die Frustrationstoleranz enorm wichtig. Kein Jäger braucht einen Hund der nicht kontrollierbar ist.
Ich denke kontrollierbar heisst nicht immer gut reguliert.
Aber ja, ein guter Jagdhund braucht Selbstregulation. Und eben deshalb interessiert mich doch die züchterische Frage, ob bei einem Hund mit enormer Jagdmotivation, genauso darauf geachtet wird, dass gleichzeitig ausreichend Regulationsfähigkeit mitgegeben wird? Und wenn der Hund zB nur durch starke Kontrolle oder auch aversive Einwirkung davon abgehalten werden kann, seinem Jagdverhalten nachzugehen, ist das dann wirklich ein Beleg für gute Selbstregulation oder nur dafür, dass wir das Verhalten unter Kontrolle bekommen haben?
 
Beitrag-Verfasser-Bild
SandrA
heute 18:13
Zumindest bei den Züchtern die ich kenne ja. Dort wird je nach Zuchtziel geschaut das es im Endergebnis für den Hund passt so das die gewünschte Leistungsfähigkeit nicht zu anderen Problemen führt zumindest soweit wie das für den Züchter möglich ist. Ob das jeder Züchter macht kann ich nicht beurteilen aber denke eher nein denn schwarze Schafe gibt es überall. Da liegt es am zukünftigen Halter eben jene herauszufinden nicht zu unterstützen.
Japp - ebenda sehe ich bisher eine Wissenslücke, nicht unbedingt bei jedem einzelnen guten Züchter, sondern ganz grundsätzlich in der Diskussion über Zucht und Verhalten.
Deshalb möchte ich das auch nicht einfach als Problem der „schwarzen Schafe“ abtun. Denn wenn wir diese Fragen wissenschaftlich noch gar nicht ausreichend beantworten können, kann auch der sehr engagierte Züchter sie nur begrenzt beantworten.

Da liegt mMn auch Verantwortung der Zucht: nicht nur das Wissen zu nutzen, das wir bereits haben, sondern auch die Fragen zu stellen, auf die wir noch keine ausreichenden Antworten haben.

Und eine davon ist für mich ganz klar: Wie viel einer gewünschten Leistungs- oder Verhaltenseigenschaft ist für den Hund selbst noch gut und ab wann wird aus Fähigkeit eine Belastung?
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Kirsten
heute 18:50
Du meinst nicht „ursprünglich = besser“, sondern welcher Selektionsprozess steckt hinter Zucht? Also nicht als Qualitätsmerkmal im Sinne von „ursprünglich ist automatisch besser“, sondern als Hinweis auf eine andere Art von Selektion.
Ich hab’s bewusst ein wenig offen formuliert, weil ich gespannt war, ob und welche Gedanken es anwirft.

Einer meiner Gedanken war:
Eine Rasse kann sich sehr lange einigermaßen funktional entwickelt haben, bei den ursprünglichen vielleicht funktional in dem Sinne, dass sie gut an ihr Leben angepasst waren und und der Körper sehr gut das leistet, was sie zum Überleben benötigen.
Ab dem Zeitpunkt, an dem der Mensch nun beschließt, dass bestimmte Merkmale extremer gefördert werden müssen, können im Rahmen der Zucht Probleme bis hin zu Defektzuchtmerkmalen (sei es jetzt körperlich oder physisch) entstehen.
Da hilft dann auch das Label Urtyp nicht mehr weiter. Der Mensch ist mittlerweile in der Lage in sehr kurzen Zeiträumen diese Veränderungen durchzuführen.
Mir geht es genau um den Punkt, den du ja auch immer wieder ansprichst:
Wer züchtet sollte Verantwortung tragen, das das Leben auch für den Hund im späteren Umfeld Lebensqualität hat und nicht nur die gewünschte Leistung (Optik, Arbeitsleistung) erbracht wird.

Andreas Kommentar hat mir klar gemacht, dass Urtümlichkeit oder wie man es auch immer bezeichnet unterschiedliche Aspekte hat.
- Wie früh hat sich dieser Typ Hund getrennt von anderen entwickelt?
- Zuchtgeschichte, also das was ich oben im Kommentar beschrieben habe
- Ursprünglichkeit im Verhaltenssinne, was, wie Carola ja auch ansprach, häufig nicht gewollt ist, weil der Hund eigene Ansprüche mitbringt und sich weniger unkompliziert einfügt, usw.
(Ich glaube, aber es täte uns gut wieder mehr Richtung Urtyp zu schauen, eben um bei der Art, wie wir Hunde zu unseren Gunsten verändern zukünftig wieder mehr Demut an den Tag zu legen. Nicht um Terrier, Labrador, Boxer in einen wolfsnahen oder pariaähnlichen Hund zu transformieren. Ich denke, das ist offensichtlich 😁)
- Ursprünglichkeit im ökologischen Sinne (Umwelt, Nahrung, Artgenossen, Gefahren, usw.) also eher das was Andreas in seinen Kommentaren besonders beschreibt.

Ich denke, die Diskussion hat sich schon wieder ein wenig vom Thema Ursprünglichkeit weg entwickelt, aber ich wollte deine Frage nicht unbeantwortet lassen ☺️
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Kirsten
heute 19:06
Für einen Jäger sind aber neben der Jagdmotivation eben genau die Selbstregulierung, und die Frustrationstoleranz enorm wichtig. Kein Jäger braucht einen Hund der nicht kontrollierbar ist.
Naja, in der Jagdszene wurde (und wird in Teilen noch) mit entsprechenden Maßnahmen zur Hemmung gearbeitet, die mit dem Tierschutzgesetz nicht vereinbar sind.

Um die Form der Aktivierung in den Griff zu bekommen, die zuvor züchterisch hervorgehoben wurde.
(Edit: Hatte Sandra schon erwähnt, hier ist soviel geschrieben worden, ich kam kaum hinterher 🥵)
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Carola
heute 19:27
Ich hab’s bewusst ein wenig offen formuliert, weil ich gespannt war, ob und welche Gedanken es anwirft. Einer meiner Gedanken war: Eine Rasse kann sich sehr lange einigermaßen funktional entwickelt haben, bei den ursprünglichen vielleicht funktional in dem Sinne, dass sie gut an ihr Leben angepasst waren und und der Körper sehr gut das leistet, was sie zum Überleben benötigen. Ab dem Zeitpunkt, an dem der Mensch nun beschließt, dass bestimmte Merkmale extremer gefördert werden müssen, können im Rahmen der Zucht Probleme bis hin zu Defektzuchtmerkmalen (sei es jetzt körperlich oder physisch) entstehen. Da hilft dann auch das Label Urtyp nicht mehr weiter. Der Mensch ist mittlerweile in der Lage in sehr kurzen Zeiträumen diese Veränderungen durchzuführen. Mir geht es genau um den Punkt, den du ja auch immer wieder ansprichst: Wer züchtet sollte Verantwortung tragen, das das Leben auch für den Hund im späteren Umfeld Lebensqualität hat und nicht nur die gewünschte Leistung (Optik, Arbeitsleistung) erbracht wird. Andreas Kommentar hat mir klar gemacht, dass Urtümlichkeit oder wie man es auch immer bezeichnet unterschiedliche Aspekte hat. - Wie früh hat sich dieser Typ Hund getrennt von anderen entwickelt? - Zuchtgeschichte, also das was ich oben im Kommentar beschrieben habe - Ursprünglichkeit im Verhaltenssinne, was, wie Carola ja auch ansprach, häufig nicht gewollt ist, weil der Hund eigene Ansprüche mitbringt und sich weniger unkompliziert einfügt, usw. (Ich glaube, aber es täte uns gut wieder mehr Richtung Urtyp zu schauen, eben um bei der Art, wie wir Hunde zu unseren Gunsten verändern zukünftig wieder mehr Demut an den Tag zu legen. Nicht um Terrier, Labrador, Boxer in einen wolfsnahen oder pariaähnlichen Hund zu transformieren. Ich denke, das ist offensichtlich 😁) - Ursprünglichkeit im ökologischen Sinne (Umwelt, Nahrung, Artgenossen, Gefahren, usw.) also eher das was Andreas in seinen Kommentaren besonders beschreibt. Ich denke, die Diskussion hat sich schon wieder ein wenig vom Thema Ursprünglichkeit weg entwickelt, aber ich wollte deine Frage nicht unbeantwortet lassen ☺️
Um noch einmal auf das Thema Urtümlichkeit/Ursprünglichkeit zurückzukommen:
Ursprünglichkeit macht Angst! Und ich glaube deshalb wollen Menschen lieber Hunde haben die"freundlich" aussehen und sich auch an den Menschen"anbiedern". Gerade heute habe ich wieder gehört dass meine Hunde gefährlich aussehen obwohl sie gegenüber Menschen absolut freundlich und mit 38 cm nicht mal besonders groß sind. Nicht dass sie aussehen wie Wölfe aber sie haben doch etwas"Wildes" in ihrem Blick. Und auch ihr Verhalten ist zwar kooperativ aber dennoch eigenständig. Damit kann auch nicht jeder umgehen.

Auf dem Foto sieht man ihr typisches Verhalten in einer fremden Umgebung- sie sind nicht gestresst aber sie positionieren sich so dass sie während einer Pause genau beide Seiten des Weges an dem wir saßen Blick haben. Und wenn ich mir das Bild so anschaue sehen sie wirklich nicht besonders freundlich aus😏
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Kirsten
heute 19:37
Um noch einmal auf das Thema Urtümlichkeit/Ursprünglichkeit zurückzukommen: Ursprünglichkeit macht Angst! Und ich glaube deshalb wollen Menschen lieber Hunde haben die"freundlich" aussehen und sich auch an den Menschen"anbiedern". Gerade heute habe ich wieder gehört dass meine Hunde gefährlich aussehen obwohl sie gegenüber Menschen absolut freundlich und mit 38 cm nicht mal besonders groß sind. Nicht dass sie aussehen wie Wölfe aber sie haben doch etwas"Wildes" in ihrem Blick. Und auch ihr Verhalten ist zwar kooperativ aber dennoch eigenständig. Damit kann auch nicht jeder umgehen. Auf dem Foto sieht man ihr typisches Verhalten in einer fremden Umgebung- sie sind nicht gestresst aber sie positionieren sich so dass sie während einer Pause genau beide Seiten des Weges an dem wir saßen Blick haben. Und wenn ich mir das Bild so anschaue sehen sie wirklich nicht besonders freundlich aus😏
Tolle Hunde mit absolut normalen Verhalten ☺️
Ich verstehe deinen Punkt.
Obwohl ich ja denke, dass ein wenig gesunder beidseitiger Respekt nicht unbedingt schädlich ist 😬🤭

Nicht nur beim Individuum, sondern auch allgemein was den gesellschaftlichen Blick auf „den Hund“ betrifft.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Carola
heute 19:40
Tolle Hunde mit absolut normalen Verhalten ☺️ Ich verstehe deinen Punkt. Obwohl ich ja denke, dass ein wenig gesunder beidseitiger Respekt nicht unbedingt schädlich ist 😬🤭 Nicht nur beim Individuum, sondern auch allgemein was den gesellschaftlichen Blick auf „den Hund“ betrifft.
Da gebe ich dir völlig recht und darum sage ich ja immer: liebt eure Hunde nicht nur sondern respektiert sie auch.
Natürlich ist nicht jeder Hund für jeden Menschen/Familie geeignet und man sollte doch größte Sorgfalt bei der Auswahl eines Hundes walten lassen. Wobei die Optik sicherlich eine Rolle spielt-bei mir auch- aber andere Eigenschaften sind halt wesentlich wichtiger.