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Laura
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Anzahl der Antworten 24
heute 14:27

Autismus bei Hunden

Hallo zusammen, ich habe mit meinem Hund schon einiges ausprobiert an Sachen Training komme aber immer wieder zu den gleichen Symptomen/Problemen zurück. Ich mag das jetzt auch gar nicht so viel breit treten, aber mir wurde jetzt von mehreren Menschen schon gesagt, dass es wirkt als hätte meine Hündin Autismus. Ich wusste bis zu dieser Äußerung gar nicht, dass Hunde auch Autismus haben können und war erstmal baff. Zum Kontext: ich war schon beim Tierarzt und habe das Thema angesprochen, aber leider wird da nicht so viel Wert auf die Psychologie eines Hundes bzw. innere Krankheiten nenne ich es mal, gelegt. Da kam also nicht wirklich was heraus weil wir nicht ernst genommen worden sind. Wer sich aber besser damit auskennt, war unser Hundetrainer und er hat sich diesbezüglich auch eingelesen und bestätigt dass die Symptome dazu passen würden. Das Problem ist, dass es keinen Test für uns „Normalsterbliche“ gibt um das herauszufinden. Es wurden bereits Autismus Gene beim Hund nachgewiesen, somit ist die Krankheit auch wirklich beim Hund nachweisbar aber eben nicht für uns. Nur durch Verhaltensanalyse. Leider habe ich im Internet kaum etwas dazu gefunden und ich wollte mich erkundigen, ob vielleicht jemand von euch gute Bücher, Websites oder Ähnliches zu diesem Thema empfehlen kann. Ich würde mich wirklich gerne dazu einlesen, damit ich mich besser damit auseinander setzen kann. Danke an alle, die sich die Mühe machen, das hier zu lesen und eventuell ein Kommentar hinterlassen! 😊
 
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SandrA
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heute 08:54
Ich kann deine Gedanken ehrlich gesagt gut nachvollziehen.
Zwar wüsste ich nicht dass Autismus bei Hunden als natürlich vorkommende Diagnose belegt ist, aber bei meiner Hündin habe ich anfangs auch kurz in diese Richtung gedacht.

Als sie aus der Tötung (in der sie auch geboren wurde) zu uns kam, wirkte sie überwiegend wirklich komplett „weg“. Sie reagierte kaum bis gar nicht auf Ansprache, nahm Außenreize scheinbar überhaupt nicht wahr und klebte wirklich permanent mit der Nase am Boden. Ob Rufen, Gebell, Händeklatschen, Quietschgeräusche - nichts führte auch nur im mindesten zu Orientierung. Wir haben damals tatsächlich überlegt, ob sie taub sein könnte und hatten bereits Kontakt zum Tierarzt deswegen. Sie ist es nicht.

Später wurde immer deutlicher, dass hinter ihrem Verhalten vermutlich nicht „fehlende“ Wahrnehmung, sondern eher das Gegenteil - eine extreme Reizoffenheit und Überflutung - steckt. Auf Spaziergängen fuhr sie unglaublich schnell extrem hoch, schrie, hing in der Leine, konnte Reize anfangs kaum filtern oder priorisieren und war dadurch oft gar nicht mehr ansprechbar. Beruhigt hat sie sich erst Minuten später, nachdem der auslösende Reiz schon längst außer Sicht war. Selbst das Verlassen der Wohnung führte zu Stress - Fiepen, Anspannung, lospreschen.

Von außen hätte man dieses Verhalten vielleicht auch mit Begriffen wie „autistisch“ beschreiben können. Es zeigte sich aber im Verlauf, dass es eher um massive Überforderung, fehlende Regulation und ein Nervensystem ging, das kaum in der Lage war (und teilweise auch noch ist), Reize sinnvoll zu sortieren.

Wie es RL schreibt fragten auch wir nach dem „wie“ - also zunächst, was diesem Hund hilft überhaupt erstmal aufnahmefähig und ansprechbar zu werden - und das war u. a. wenig Reize, viel Struktur, Ruhe lernen, Vorhersagbarkeit, Wiederholung, viel, viel, viel Regulationsarbeit, sehr kleinschrittige Gewöhnung.

Und trotzdem merken wir bis heute, dass sie in einigen Bereichen deutlich eingeschränkter lernt als andere Hunde.
Aber es hat geholfen (und hilft noch)
zu schauen, wie sie im besonderen Reize wahrnimmt, verarbeitet, wie und wann sie ansprechbar und regulierbar ist und was ihr hilft runterkommen.
 
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Tanja
heute 07:08
Ich kenne mich jetzt gar nicht damit aus und es ist ja auch noch gar kein altes Thema. Dass Hunde autistische Züge haben können und es eine genetische Disposition gibt, ist erst jetzt wirklich in den Medien aufgetaucht.
Autismus ist beim Menschen ja in unterschiedlichsten Ausprägungen vorhanden. Es gibt Menschen, die ihren Alltag gut auf die Reihe bekommen und denen man das gar nicht oder kaum anmerkt, andere brauchen lebenslang Unterstützung, um den Alltag zu bewältigen.
Welche autistischen Züge haben andere Menschen denn bei deinem Hund bemerkt? Und wie schätzt du das selbst ein? Was gibt es denn für wiederkehrende Probleme?
 
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R
heute 07:20
Manchmal ist das "was" vlt auch weniger entscheidend als das " wie" .
Also wie geht man damit um, wie geht Hund damit um.
Nun gibt es im Bereich Verhaltenspsychologie von Hunden sehr viele gut studierte Menschen - und ich glaube fast allen die Kompetenz für das "was" . Aber das "wie" wird wahrscheinlich der häusliche Umgang und der Alltag am besten bestimmen.
Wie gesagt, es gibt spezielle Trainer nur für den Bereich Verhaltenspsychologie. Ich glaube aber auch, bestmöglich hundenormaler Umgang und dann nur auf die "Knackpunkte" eingehen lernen, über die normale Hundekommunikation, ist der beste Weg. Eine komplett eigene Haltungsform mit dem Stigma, würde dem Hund sicher keine Vorteile bringen.
Als hundemama verstehe ich es, aber man interpretiert manche Dinge, die dem Hund selbst kaum auffallen oder merkwürdig erscheinen, manchmal zu hoch in den Prioritäten.
Allerdings spannendes Thema ! 😊
Gibt es denn Sachen, die euch, oder dem Hund direkt Probleme im Alltag machen ?
 
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Jay
heute 07:49
Bei Menschen (und Labortieren an denen autistische Züge untersucht werden) ist ein "normaler Umgang" nicht zielführend. Das Gehirn gewöhnt sich nicht um. Bei Hunden ist das ja wirklich noch sehr neu, aber es sind auch nur Säugetiere eigentlich.
 
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Jay
heute 07:56
Mir sind da noch keine Bücher oder ähnliches zu bekannt. Bücher zu Autismus generell wären vielleicht eine Anlaufstelle (ich fand die sehr hilfreich), oder, wenn dir das nicht so den Magen umdreht wie mir: Es werden ständig neue Studien zu Autismus mit Labormäusen und auch Minigehirnen veröffentlicht.
 
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Laura
heute 07:56
Ich kenne mich jetzt gar nicht damit aus und es ist ja auch noch gar kein altes Thema. Dass Hunde autistische Züge haben können und es eine genetische Disposition gibt, ist erst jetzt wirklich in den Medien aufgetaucht. Autismus ist beim Menschen ja in unterschiedlichsten Ausprägungen vorhanden. Es gibt Menschen, die ihren Alltag gut auf die Reihe bekommen und denen man das gar nicht oder kaum anmerkt, andere brauchen lebenslang Unterstützung, um den Alltag zu bewältigen. Welche autistischen Züge haben andere Menschen denn bei deinem Hund bemerkt? Und wie schätzt du das selbst ein? Was gibt es denn für wiederkehrende Probleme?
Ja das stimmt. Das Thema ist noch relativ neu.
Ein Hauptsymptom ist, dass wenn Reize kommen die sie triggern (und das ist trotz Training sehr schnell der Fall), kommt sie teilweise in diese Starre bzw. Tranceartigen Zustand, dass sie den Reiz fixiert und sie kann nicht davon ablassen. Es ist aber nicht so, dass sie auf diesen Reiz anderweitig reagiert. Sie ist dann komplett starr und bewegt sich nicht, ist nicht ansprechbar. Reagiert auf keine Interaktion (egal ob Leckerli, rufen, spielen etc). Und der Rückruf sitzt gut, aber in solchen Situationen bringt das nichts.
Sie vermeidet komplett den Blickkontakt, ich merke auch immer dass sie mich wahrnimmt aber ich hab den Eindruck sie kann in dem Moment nicht anders.

Andere Menschen mag sie nicht wirklich und meidet diese. Männer und Kinder sind am schlimmsten aber auch bei Frauen die sie gar nicht kennt geht sie auf Abstand. Sie braucht immer erst eine persönliche kennenlernphase bis sie auftaut und das aber auch nicht bei jedem dann. Sie ist eig nur zu uns total anders und lässt sich ganz viel streicheln und hört normalerweise sehr gut bis auf eben wenn sie diese Sachen macht.

Sie reagiert sehr überempfindlich auf viele Reize. Sie nimmt alles sehr stark wahr und das merkt man sofort wenn man aus der Tür raus geht.

Die Differenzierung zwischen Autismus oder eventuell anderes Spektrum mit Angsthund/unsicherer Hund ist halt schwierig. Aber ich denke mittlerweile könnte wirklich etwas anderes dahinter stecken.
 
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Laura
heute 07:58
Mir sind da noch keine Bücher oder ähnliches zu bekannt. Bücher zu Autismus generell wären vielleicht eine Anlaufstelle (ich fand die sehr hilfreich), oder, wenn dir das nicht so den Magen umdreht wie mir: Es werden ständig neue Studien zu Autismus mit Labormäusen und auch Minigehirnen veröffentlicht.
Interessant - danke für die tipps
 
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Laura
heute 08:01
Bei Menschen (und Labortieren an denen autistische Züge untersucht werden) ist ein "normaler Umgang" nicht zielführend. Das Gehirn gewöhnt sich nicht um. Bei Hunden ist das ja wirklich noch sehr neu, aber es sind auch nur Säugetiere eigentlich.
Einen „normalen“ Umgang haben wir auch schon durch und klar probieren wir den Alltag so zu gestalten aber da ich merke dass es nicht so funktioniert und wir irgendwas ändern müssen, unabhängig ob sie das vielleicht hat. Bestätigen kann ich es eh nicht. 😅 daher suche ich Ideen oder wege, wie ich sie besser verstehen kann. Es haben wirklich schon mehrere Leute gesagt, dass ihr Verhalten auch von so typischen angsthunden oder unsicheren Hunden abweicht. Weil diese sich im Normalfall zumindest irgendwie ansprechen lassen.
 
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Laura
heute 08:02
Manchmal ist das "was" vlt auch weniger entscheidend als das " wie" . Also wie geht man damit um, wie geht Hund damit um. Nun gibt es im Bereich Verhaltenspsychologie von Hunden sehr viele gut studierte Menschen - und ich glaube fast allen die Kompetenz für das "was" . Aber das "wie" wird wahrscheinlich der häusliche Umgang und der Alltag am besten bestimmen. Wie gesagt, es gibt spezielle Trainer nur für den Bereich Verhaltenspsychologie. Ich glaube aber auch, bestmöglich hundenormaler Umgang und dann nur auf die "Knackpunkte" eingehen lernen, über die normale Hundekommunikation, ist der beste Weg. Eine komplett eigene Haltungsform mit dem Stigma, würde dem Hund sicher keine Vorteile bringen. Als hundemama verstehe ich es, aber man interpretiert manche Dinge, die dem Hund selbst kaum auffallen oder merkwürdig erscheinen, manchmal zu hoch in den Prioritäten. Allerdings spannendes Thema ! 😊 Gibt es denn Sachen, die euch, oder dem Hund direkt Probleme im Alltag machen ?
So jemanden der spezialisiert ist in diese Richtung haben wir uns auch schon mal überlegt. Es ist dann doch ein unterschied zum „normalen Hundetraining“.
 
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Claudia
heute 08:25
Ja das stimmt. Das Thema ist noch relativ neu. Ein Hauptsymptom ist, dass wenn Reize kommen die sie triggern (und das ist trotz Training sehr schnell der Fall), kommt sie teilweise in diese Starre bzw. Tranceartigen Zustand, dass sie den Reiz fixiert und sie kann nicht davon ablassen. Es ist aber nicht so, dass sie auf diesen Reiz anderweitig reagiert. Sie ist dann komplett starr und bewegt sich nicht, ist nicht ansprechbar. Reagiert auf keine Interaktion (egal ob Leckerli, rufen, spielen etc). Und der Rückruf sitzt gut, aber in solchen Situationen bringt das nichts. Sie vermeidet komplett den Blickkontakt, ich merke auch immer dass sie mich wahrnimmt aber ich hab den Eindruck sie kann in dem Moment nicht anders. Andere Menschen mag sie nicht wirklich und meidet diese. Männer und Kinder sind am schlimmsten aber auch bei Frauen die sie gar nicht kennt geht sie auf Abstand. Sie braucht immer erst eine persönliche kennenlernphase bis sie auftaut und das aber auch nicht bei jedem dann. Sie ist eig nur zu uns total anders und lässt sich ganz viel streicheln und hört normalerweise sehr gut bis auf eben wenn sie diese Sachen macht. Sie reagiert sehr überempfindlich auf viele Reize. Sie nimmt alles sehr stark wahr und das merkt man sofort wenn man aus der Tür raus geht. Die Differenzierung zwischen Autismus oder eventuell anderes Spektrum mit Angsthund/unsicherer Hund ist halt schwierig. Aber ich denke mittlerweile könnte wirklich etwas anderes dahinter stecken.
Wie ist denn der Umgang mit anderen Hunden?
 
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SandrA
heute 08:54
Ich kann deine Gedanken ehrlich gesagt gut nachvollziehen.
Zwar wüsste ich nicht dass Autismus bei Hunden als natürlich vorkommende Diagnose belegt ist, aber bei meiner Hündin habe ich anfangs auch kurz in diese Richtung gedacht.

Als sie aus der Tötung (in der sie auch geboren wurde) zu uns kam, wirkte sie überwiegend wirklich komplett „weg“. Sie reagierte kaum bis gar nicht auf Ansprache, nahm Außenreize scheinbar überhaupt nicht wahr und klebte wirklich permanent mit der Nase am Boden. Ob Rufen, Gebell, Händeklatschen, Quietschgeräusche - nichts führte auch nur im mindesten zu Orientierung. Wir haben damals tatsächlich überlegt, ob sie taub sein könnte und hatten bereits Kontakt zum Tierarzt deswegen. Sie ist es nicht.

Später wurde immer deutlicher, dass hinter ihrem Verhalten vermutlich nicht „fehlende“ Wahrnehmung, sondern eher das Gegenteil - eine extreme Reizoffenheit und Überflutung - steckt. Auf Spaziergängen fuhr sie unglaublich schnell extrem hoch, schrie, hing in der Leine, konnte Reize anfangs kaum filtern oder priorisieren und war dadurch oft gar nicht mehr ansprechbar. Beruhigt hat sie sich erst Minuten später, nachdem der auslösende Reiz schon längst außer Sicht war. Selbst das Verlassen der Wohnung führte zu Stress - Fiepen, Anspannung, lospreschen.

Von außen hätte man dieses Verhalten vielleicht auch mit Begriffen wie „autistisch“ beschreiben können. Es zeigte sich aber im Verlauf, dass es eher um massive Überforderung, fehlende Regulation und ein Nervensystem ging, das kaum in der Lage war (und teilweise auch noch ist), Reize sinnvoll zu sortieren.

Wie es RL schreibt fragten auch wir nach dem „wie“ - also zunächst, was diesem Hund hilft überhaupt erstmal aufnahmefähig und ansprechbar zu werden - und das war u. a. wenig Reize, viel Struktur, Ruhe lernen, Vorhersagbarkeit, Wiederholung, viel, viel, viel Regulationsarbeit, sehr kleinschrittige Gewöhnung.

Und trotzdem merken wir bis heute, dass sie in einigen Bereichen deutlich eingeschränkter lernt als andere Hunde.
Aber es hat geholfen (und hilft noch)
zu schauen, wie sie im besonderen Reize wahrnimmt, verarbeitet, wie und wann sie ansprechbar und regulierbar ist und was ihr hilft runterkommen.