(Kleiner Disclaimer:
Ich habe ein bisschen mit der KI vor mich hin sinniert.
(Ist mit Vorsicht zu genießen, das ist mir bewusst.)
Ich kopiere mal ein paar interessante Ausschnitte hier rein, wer an dem KI-Zeugs nicht interessiert ist, kann den Post einfach komplett skippen, ich trenne das vom Rest meiner Überlegungen. Kommt später oder morgen, wenn ich Zeit habe. Aber vielleicht hilft es ja bis dahin einige meiner Gedanken besser nachzuvollziehen:)
Durch Zucht auf bestimmte Arbeitsleistungen können sich andere Bewältigungsstrategien herausbilden.
Was sich unterscheiden kann, ist wie Belastung verarbeitet und äußerlich gezeigt wird.
Gerade bei Arbeitshunden kann das problematisch sein, weil bestimmte Bewältigungsreaktionen – etwa Vermeidung – durch die Arbeitsaufgabe gar nicht möglich sind.
Bestimmte Selektionsrichtungen können dazu führen, dass Selbstregulation anders aussieht oder dass bestimmte Selbstkontrollmechanismen weniger im Vordergrund stehen.
Stell dir beispielsweise einen stark arbeitsorientierten Hund vor:
Reiz → Aktivierung → Aufgabe → Handlung
Ein Border Collie soll einen bewegten Reiz nicht einfach ignorieren.
Ein Vorstehhund soll Wild nicht einfach „wegregulieren“.
Bei einem stärker generalistischen, ursprünglicheren Hundetyp kann eine andere Strategie funktional sein. Seine Selbstregulation kann beispielsweise stärker darin bestehen, sich einer Situation selbst zu entziehen, während ein Gebrauchshund stärker darin trainiert bzw. selektiert sein kann, trotz Aktivierung weiterzuarbeiten.
Dadurch kann ein Hund in bestimmten Situationen weniger dazu tendieren, Aktivierung selbstständig herunterzufahren oder eine Handlung abzubrechen – nicht weil ihm grundsätzlich Selbstregulation fehlt, sondern weil andere Regulationsstrategien selektiert wurden.
Er kann sich möglicherweise kontrollieren, solange eine Aufgabe existiert – aber schlecht darin sein, keine Aufgabe (!) zu haben.
Ein interessante Frage wäre:
Ist der Hund gerade dabei, sich zu regulieren – oder verlangen wir von ihm, eine für seine Arbeitsweise hochfunktionale Aktivierung abzuschalten?
Frustrationstoleranz kann bedeuten: „Ich mache weiter“. Möglicherweise reguliert er seine Frustration gar nicht durch Herunterfahren. Er reguliert sie durch Handeln.
Ein Hund, der bei einem schwierigen Suchproblem immer wieder neu ansetzt, kann seine Aktivierung aufrechterhalten, indem er weiter sucht. Ein anderer Hund würde vielleicht Abstand nehmen, schnüffeln, sich schütteln, hinlegen oder die Situation verlassen.
Beide können mit der Situation zurechtkommen – aber über unterschiedliche Regulationswege.
Frustrationstoleranz
„Ich kann damit umgehen, dass mein Ziel gerade nicht erreichbar ist.“
Selbstregulation
„Ich kann meinen Aktivierungszustand wieder in einen für mich passenden Bereich bringen.“
Wenn ein Hund sehr häufig lernt:
hohe Aktivierung → Aufgabe → Belohnung
kann die Aufgabe selbst zum bevorzugten Regulationskanal werden.
Aber irgendwann kann die Fähigkeit fehlen, den Zustand ohne Aufgabe wieder zu verlassen.
Man kann ungewollt genau das trainieren, was man eigentlich reduzieren möchte: immer höhere Aktivierung und immer mehr Bedürfnis nach Aktivität.
„Welche Strategie benutzt er, um mit Frust umzugehen?“
Weiterarbeiten ist eine Bewältigungsstrategie.
Abstand nehmen ist eine Bewältigungsstrategie.
Sozialen Kontakt suchen ist eine Bewältigungsstrategie.
Schnüffeln / Erkunden kann eine Bewältigungsstrategie sein.
➖Am Ende für mich der Kernsatz, den ich versuche in meinen Umgang mit hohen Erregungslagen bei Mira einzubeziehen:
„Ein Hund, der hervorragend darin ist, Aktivierung in Handlung umzusetzen, muss nicht automatisch genauso gut darin sein, Aktivierung ohne Handlung wieder abzubauen.“
🔹Meine Frage ist die Folgende:
Machen wir es uns selbst und den Hunden unnötig schwer, wenn wir mit hoch jagdlich orientierten Hunden unter Vollstrom und extremster Erregungungslage uns von Bewältigungsstrategien distanzieren, die diese Aktivierung in Handlung umsetzen? Weil wir fürchten diese Bewältigungsstrategie durch häufiges Wiederholen zur bevorzugten Strategie werden zu lassen?
Ich glaube, mir ist das echt oft passiert.
Ich habe mich echt viel mit Erregungslage, Selbstregulation usw. befasst. Sorgt dieser theoretische Hintergrund in der ein oder anderen Situation dafür, dass ich wichtige Dinge übersehe, die für die akute Situation hilfreich sein könnten?
Kann ich davon ausgehen, dass die Lerntheorie, die ich gerade im Kopf habe, die Situation vollständig wiedergibt? Kann ich mich davon frei genug machen, um neutral auf alle möglichen Dinge zu schauen, die mir in der Situation zum Umgang mit einem hoch erregten Hund zur Verfügung stehen?
Ich mag mich sehr gern immer selbst hinterfragen, Sandra. Durch unsere Konversationen, weiß ich dass du auch Freude daran hast, sonst würde ich nicht so ausführlich werden 😊
Ich sinniere sehr gern mit😅
Und eine Sache geht mir bei deinem Text gerade durch den Kopf, die, glaub ich, zu deinen Überlegungen zur Regulation passt.
Meine Hundetrainerin hat einmal in einem Kurs, als es darum ging, ob man einen Hund durch „Mäuseln“ lassen womöglich „zum Jäger erzieht“, sinngemäß gesagt: Einem „echten“ Jagdhund muss man das Jagen nicht beibringen, das kann der schon per se sehr gut. Es geht vielmehr darum, es zu rahmen.
Der Satz spukt mir oft im Kopf herum. Denn bei Ivy habe ich genau nicht das Gefühl, dass ich ihre Jagdmotovation irgendwie erzeugen könnte. Die ist voll da. 🙈🤭Die Frage ist für mich vielmehr, wie ich ihr Möglichkeiten geben kann, damit umzugehen, ohne dass ihre Aktivierung irgendwann womöglich auch in selbstschädigendes Verhalten kippt.
Und ja, ich frage mich inzwischen auch immer stärker, welche Rolle die Genetik spielt. Ivy wirkt auf mich wie ein extrem funktionaler Jagdhundtyp, entweder mit einem entsprechend hohen Anteil eines Jagdhundes oder eben mit einer langen Selektion auf eben solche Eigenschaften. Und wenn über Generationen Hunde darauf selektiert werden, bei hoher Aktivierung weiterzuarbeiten, dran zu bleiben und blitzschnell im Handeln zu sein, dann erscheint es mir zumindest plausibel, dass auch die Art, wie ein solcher Hund seine Aktivierung verarbeitet, davon geprägt ist.
Vor diesem Hintergrund würde ich nun auch nicht sagen, dass ihr bestimmte Regulationsmechanismen „fehlen“. Aber vielleicht bringt ihre genetische Disposition eben bestimmte Wege der Regulation mehr mit und andere weniger. Aktivierung in Handlung umzusetzen könnte für sie also viel natürlicher sein, als Aktivierung überlegt und „kreativ“ umzusetzen.
Als sie zB zu uns kam, hat sie bei hoher Erregung ihre Rute gejagt. Da mussten wir daran arbeiten, dass sie andere Wege findet, wieder runterzukommen, zu schlafen und zu ruhen. Hat zum Glück funktioniert.
Bis heute nimmt sie zum Einschlafen einen Kissenzipfel ins Maul, legt die Vorderpfoten darum und tretelt, bis sie einschläft. Das ist ja keine von uns vorgegebene Strategie. Sie hat sie selbst entwickelt. Und für mich zeigt das aber eigentlich ziemlich schön, dass sie Regulation sucht und Hilfen dafür annehmen kann.
Mir ist natürlich ein Hund, der zum Einschlafen einen Kissenzipfel bearbeitet, tausendmal lieber als einer, der seine eigene Rute jagt. 😅
Also ganz sicher ist nicht jede selbstgewählte Strategie etwas, das wir unterbinden müssen, aber wir sollten denk ich gut hinschauen, wohin sie den Hund führt.
Das erinnert mich auch an Neo. Bei ihm war Umrichten in hohen Stress- und Frustsituationen lange eine Bewältigungsstrategie. Auch da denk ich gerade, dass ihm gar nicht grundsätzlich die Fähigkeit, mit solchen Situationen umzugehen, fehlte, sondern einfach ein ausreichendes Spektrum an Möglichkeiten. Sein Köfferchen war ziemlich leer. 😅
Und inzwischen hat er verschiedene Strategien, auf die er zurückgreifen kann, wie Distanz herstellen, sich orientieren, mit mir in Kontakt gehen, suchen, Situationen anders bewerten usw. Dadurch muss er nicht mehr auf die eine Strategie zurückgreifen, die ihm offenbar als einzige greifbar erschien.
Und so ein Handwerksköfferchen wünsche ich mir für Ivy auch.
Ich möchte, dass sie mehr Möglichkeiten bekommt, mit hoher Aktivierung umzugehen, und dass sie dabei zunehmend Strategien findet, die sie nicht noch weiter hochschaukeln oder im schlimmsten Fall gegen sich selbst richten.
Und da denk ich auch, dass nicht jede Aktivierung oder Handlung verhindert werden muss. Aber der Hund sollte aus mehreren Optionen wählen können. (Das erinnert mich auch daran was du einmal in diesem Rassehundthread geschrieben hattest ☺️)
Soweit erstmal ☺️