Wir dürfen gerne diskutieren -es rüttelt auch an meinem Weltbild- aber es ist zum großen Teil wissenschaftlich und evidenzbasiert hergeleitet (teilweise aber anhand anderer Säugetiere) und nicht eine Meinung oder Erfahrung.
Die Gentextur ist bei allen Hunden nahezu identisch. Sie hat sich über 10000 bis 30000 Jahre gebildet, Rassezucht gibt es erst seit 200 Jahren und hat bis auf ein paar äußere Merkmale keinen Einfluss.
Der Hund ist nicht die Summe seiner Gene.
Wir dürfen auch „angeboren“ und „genetisch fixiert“ nicht in einen Topf werfen, das sind zwei unterschiedliche Dinge.
Teile der epigenetischen Prägung gibt der Hund an die Nachkommen weiter.
Die Zellen eines jeden Lebewesens haben ein Gedächtnis.
Dh. Wesensmerkmale können typisch für eine Rasse sein, müssen aber darob nicht genetisch fixiert sein.
Epigenetik ist die Regulation der DNA. Dh. verschiedene Gene können ein-und ausgeblendet werden oder auch nur „gedimmt“. Es ist also die Frage, wie das Individuum die Gene abliest.
Zitat:
Dank der nebengenetischen Strukturen, die die Genetik bleibend programmieren und abhängig von äußeren Einflüssen sein können, erinnern sich Zellen an ihre Vergangenheit. Die Epigenetik prägt, beeinflusst von der individuellen Vergangenheit eines Lebewesens, das Verhalten seiner Zellen in der Zukunft. Sie verändert niemals den Code der DNA, sie lässt die Gene unberührt, aber sie bestimmt, welche Gene in Proteine übersetzt werden können und welche nicht.
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Damit ist die Epigenetik maßgeblich an der Ausprägung aller komplexen Merkmale von Mensch und Hund beteiligt. Das Wesen, die Gesundheit, die Intelligenz, die Trainierbarkeit, die elterliche Behutsamkeit, die Ausgeglichenheit, die Bindungsfähigkeit und sehr vieles mehr: All das sind Eigenschaften eines Hundes, die niemals durch seine Gene alleine bestimmt werden. Sie sind das Produkt dessen, was die Umwelt im Laufe des Lebens eines Tieres aus dem Potenzial in seinen Genen mit Hilfe der Epigenetik herausholt. Sie sind Phänotyp, nicht Genotyp.
Neun von zehn Wesensmerkmalen, die kennzeichnend für eine bestimmte Rasse sind, verdanken diese Tiere nicht dem Prinzip der Zuchtauswahl.
Zitatende
Ich fange jetzt nicht an über Metylisierung und weitere wissenschaftliche Begründungen, die auch Konsens sind in der Wissenschaft, zu dozieren, ich kann euch nur empfehlen das Buch zu lesen.
Vorsicht, die Aussage, dass Rassezucht erst seit 200 Jahren stattfindet und sich Verhalten in so kurzer Zeit nicht genetisch etablieren kann ist irreführend.
Die ersten spezialisierten Hütehunde gibt es seit 6000 bis 8000 Jahren!
Eine passendere Aussage wäre, dass seit 200 Jahren eine Standardisierung von Rassen stattfindet.
Wissenschaftlich und Evidenzbasiert sollte Hinterfragung nie ausschließen, sondern immer begrüßen. Das ist gute wissenschaftliche Praxis. Denn die Qualität und die Gewichtung von Evidenz variieren stark. Eine kleine Halterumfrage ist genauso wissenschaftliche Evidenz, wie ein praktisches, doppel blindes Verhaltensexperiment. Das eine hat aber weniger Gewichtung, als das andere.
Ein Buch ist eine Zusammenstellung von wissenschaftlichen Evidenzen, die eine Hypothese bekräftigen, die Meinung des Autors entspricht. Quellen die dagegen sprechen werden ausgelassen, Aussagen aus den Quellen, die angeführt werden, sind selektiert und oft auch interpretiert. Es werden also häufig Aussagen getroffen, die in der Quelle selber so schwarz weiß eigentlich nicht erfolgen.
Es gibt genauso viele wissenschaftliche Quellen die eine genetische Verankerung und Vererbung von Verhalten bei Tieren belegt. Richtig zusammengetragen und umformuliert und schon hat man ein Buch, dass genau das Gegenteil behauptet.
Und das ist gar keine Kritik, denn das ist nun mal die Standardpraxis. Es ist eher ein Hinweis.
Ich hoffe das kommt nicht konfrontativ rüber, denn so meine ich es überhaupt nicht. Ich finde es ist eine tolle und spannende Diskussion.
"Rassezucht hat bis auf ein paar äußere Merkmale keinen Einfluss" ist zu 100% eine Wertung des Buchautor und fällt daher unter Meinung.
Wobei der Autor immer ein bisschen hin und her springt zwischen "Eigenschaften sind nicht *alleine* durch Gene bestimmt" und "Zucht hat keinen Einfluss bis auf Optik".
Abschließend findet aber wieder eine Vermischung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und rassespezifischen Verhalten wie Hüten oder Jagen statt. Ersteres wird untersucht und dann zweiteres dadurch widerlegt. Das funktioniert so nicht. Zumdest wenn die Quelle für diese Aussage diese eine häufig zitierte Studie ist, die behauptet, dass der Unterschied innerhalb einer Rasse größer ist, als zwischen Rassen. 1) Halterumfrage -> schwache Evidenz und 2) es wurden eher Persönlichkeitsmerkmale untersucht und nicht spezialisiertes Verhalten wie Hüten, Jagen, Schützen.
Epigenetik ist die Regulation von DNA, das ist richtig. Aber was nicht da ist, kann auch nicht ein- oder ausgeblendet werden. Siehe das Gen für Fettleibigkeit bei Mäusen.
Und auch das Experiment mit den Mäusen ist wenn man es genau betrachtet nicht so schwarz weiß, wie die Zusammenfassung.
Denn in Wahrheit werden nicht alle Embryos der fettleibigen Maus, die in die schlanke Maus transplantert werden normalgewichtig (so wird es aber zur Vereinfachung und zur Erklärung des Prinzips zitiert). Es findet eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeit in Richtung Normalgewicht statt (das tatsächliche wisssenschftliche Ergebnis. Zeigt, dass Epigenetik nicht in allen Individuen das Gen gleich stark ausgeblendet hat und wieso man mit genetisch aggressiven Hunden besser nicht züchten sollte).
PS: Epigenetik durch DNA Methylierung ist kein Konzept, dass ich anzweifle. Das ist wissenschaftlicher Konsens.
Dessen Bedeutung für rassespezifisches Verhalten und Hundezucht hingegen ist unklar und bei weitem nichts, was einem Konsens gleicht. Wenige, wackelige Studien und sehr viel Interpretation und subjektive Gewichtung/Meinung einiger weniger.