Ich verstehe den Vorteil gegenüber der Reizangel nicht.
Im Endeffekt trainiert man ja das gleiche, nur auf einem einfacheren Niveau.
Der Hund ist bereits im Platz und es wird geradlinig eine "Beute" vorbeigezogen.
Das ist sicher eine gute Vorbereitung, aber in Realität liegt der Hund ja nicht bereits und die echte Beute rennt auch nicht geradlinig und im gleichen Tempo am Hund vorbei.
Die Steigerung und maximale Annäherung ist ja dann eh die Reizangel. Hund wird aus der eigenen Dynamik ins Platz gebracht, das erfordert schon eine sehr hohe Impulskontrolle und die Beute bewegt sich ebenfalls dynamisch, wird langsamer, schneller, "springt" usw.
Mir fällt schwer nachzuvollziehen, wieso die gleichen Leute, die die Reizangel kritisieren, diesen motorisierten Koffer toll finden.
Wenn man Bedenken hat den Hund als Belohnung in das Beute Objekt an der Reizangel beißen zu lassen, kann man das ja auch sehr einfach umgehen. Einfach eine Beißwurst in die Tasche packen und dann damit zergeln.
Mit dem Hund nie in hoher Erregung zu trainieren bedeutet in der Regel, den Hund auch nie in hoher Erregung unter Kontrolle zu haben.
Eigentlich ist es doch die Königsdisziplin einem Hund Erregung zu ermöglichen und "echte" Freizeit im Freilauf, in der er selbstständig und autark agieren kann, bis man ihn unterbricht. Genau das trainiert man mit der Reizangel.
Und das ist ja nicht nur im Jagdkontext von Vorteil. Man kann einen Hund so auch aus einem wilden Spiel, oder sogar einer eskalierenden Interaktion abrufen usw.
All die Nachteile, die hier der Reizangel zugesprochen werden, sind ja gerade die Vorteile.
Natürlich kann man den Hund auch ein Leben lang versuchen in niedriger Erregung und konstanter Orientierung zu halten, so dass der Freilauf am Ende eigentlich eine Freifolge ist.
Aber wieso soll man es kritisieren, wenn jemand einen Schritt weitergeht und seinem Hund maximalen Expressions und Handlungsspielraum ermöglichen möchte. Das erfodert allerdings Training in genau dieser Erregung.
Abgesehen davon, dass das Training den meisten Hunden ja auch großen Spaß macht. Kontrolliert hetzen lassen zu können, weil man den Hund jederzeit unterbrechen kann, ist doch das Nonplusultra.
Selbst wenn es am Ende "nur" Spaß, geistige und körperliche Auslastung wäre, ist das doch schon extrem viel Wert.
Das ist es aber eben nicht, denn die Reizangel ist ja nicht umsonst ein bewährtes Mittel in der Jagdhunde Ausbildung.
Und dient eben genau der Impulskontrolle, Ruhe, Festigung des Vorstehens, sowie Kontrolle des Hetztriebs.
Wenn man Hetzen, Dynamik und Erregung aber immer nur vermeidet, wird man sie auch nie kontrollieren können. Das ist natürlich auch ok, man kann Reize meiden oder Verhalten nie zulassen. Aber eigentlich ist Kontrolle des Verhaltens am Reiz das größte, was man mit seinem Hund erreichen kann.
Kann ja jeder machen und halten wie er will, solange es nicht tierschutzrelevant wird.
Aktivitäten, bei denen der Haltende komplett außen vor bleibt und der Hund alleine "sein Ding macht", würde ich mit meinem Hund nicht machen. Das Gemeinsamkeitsgefühl ist für mich das wichtigste. Die soziale Interaktion findet bei der Reizangel nicht statt. Und Hunde haben doch so ein großes soziales Potential!
Nur der Abbruch vom Spaß kommt vom Haltenden. Das fördert sicher nicht die Beziehung.
Dann sollte man auch mal überlegen, warum der Hund denn dann stoppt, wenn er es kann?
Nicht weil er belohnt wird, denn die eigentliche höchstwertige Belohnung wird ihm ja genommen, sondern weil der Hund sonst gehemmt werden würde, durch Blocken, durch in den Weg stellen, durch körperlich bedrohendes präsentes Zurückschicken.
Es fehlt also das eigentliche Lernverständnis des Hundes, weil es für ihn einfach keinen Sinn macht, selbst wenn er perfekt stoppt. Er stoppt aus Furcht.
Das wiederum heißt für mich als Konklusion, dass der Hund, sobald er weiß dass er frei ist und der Mensch nicht mehr hemmen kann (und das wissen die Hunde ganz genau) weiter ihr Ding machen und das sogar verstärkt, in diesem Fall das Hetzen.
Und jetzt weißt du auch, warum in der Jagdhundeausbildung (weil du die angesprochen hast) die Stomhalsbänder so "intensiv" eingesetzt worden sind (hoffentlich Präteritum).
Auch physiologisch halte ich das Rasen in engen Radien für nicht gerade optimal (das springt einem doch ins Auge?), auch wenn der Hund gesund sein sollte.