Du darfst dabei aber auch nicht vergessen, dass es wiederholt und messbar belegt ist, dass Menschen in der Stadt höheren, chronischen Stress erfahren. Man kann sogar zeigen, dass bei Menschen in der Stadt Gehirnregionen für Stress und Gefahrenverafbeitung stärker aktiv sind.
Das wirkt sich alles auf Blutdruck, Cortisol usw aus, auch wenn man es nicht bewusst wahrnimmt.
Besonders belastend wird dabei Lärm eingestuft.
Wie stark dies bei anderen Säugetieren ausgeprägt ist lässt sich nur erahnen. Gerade Hunde, deren Wahrnehmung so viel sensibler ist, könnte das schon stark belasten. Wenn man dann noch reizoffene Rassen nimmt, die wortwörtlich dazu gezüchtet wurden weite Räume zu überblicken und auf kleinste Veränderungen in der Umwelt zu reagieren, dann kann man spekulieren, dass sie chronischen Stress erfahren.
Stadt ist aber natürlich auch nicht gleich Stadt. Wie du sagst, entscheidend ist der Lärmpegel, Zugang zu Grünflächen usw. Auch bei Menschen macht das messbare Unterschiede.
Allerdings muss man da glaube ich schon ein bisschen achtsamer und aktiver Erholungsräume aufsuchen und auch das Verhalten des Hundes richtig einsortieren.
Meiner ist in einem etwas urbanerem, aber ruhigen Wohngebiet zum Beispiel grundsätzlich entspannter, als in der schönen Waldrandlage. Aber Frankfurt City wäre auch nichts für ihn.
Ich habe in Frankfurt City sehr entspannte Hunde gesehen, allerdings war da der Übergang zur Apathie schwer zu differenzieren.
Ich würde zum Beispiel niemandem raten einen reizoffenen und vom Nervenkostüm zu Stress neigenden Hütehund in der City zu halten. Wenn man die Wahl hat einen Welpen beim Züchter auszuwählen, dann gibt es auf jeden Fall Rassen, bei denen die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass sie mit dem Trubel klar kommen. Am Ende geht es ja immer um Wahrscheinlichkeiten.
Komischerweise ist für viele ein HSH in der Stadt ein NoGo. Dabei empfinde ich HSH als so ziemlich die entspanntesten und gemütlichsten Hunde überhaupt, solange sie keine Gefahr vermuten. Wer ein großes Grundstück hat kann vielleicht einem HSH in der Stadt ein besseres Umfeld bieten, als jemand mit einer kleinen Wohnung ohne Balkon und Garten im Dorf.
Am Ende finde ich es aber immer wichtig, dass man das Individuum vor sich betrachtet und die beste Entscheidung trifft. Ich selber kenne Fälle, in denen sowohl Katzen, als auch Hunde aus der Stadt aufs Land vermittelt wurde, weil es den Tieren deutlich besser in ländlicher Umgebung ging. Das hat man gesehen, da musste man kein Cortisol messen, das war zweifelsfrei.
In anderen Fällen klappt das Leben in der Großstadt, wenn man vielleicht nicht direkt an der Hauptstraße wohnt, genügend Erholungsräume zur Verfügung stehen und man einen Hund hat, den Umweltreize nicht sonderlich interessieren.
Da sagst Du was: „achtsamer & aktiver“…😀
Ich wohne jetzt auch schon 30 Jahre in der Großstadt (vorher in Kleinstadt aufgewachsen) und ich merke am mir selber, wie mir die Stadt manchmal auf den Keks geht und ich dann wirklich aktiv dran arbeiten muss! Deswegen hab ich mir Rückzugsmöglichkeiten (Segelboot, Garten…) geschaffen, die dafür sorgen, dass ich mich in meiner Hinterhofwohnung (Innenhof mit 10m Durchmesser, Sonne nur im Sommerhalbjahr) denn doch richtig wohl fühle. Und es immer wieder genieße, dass ich alles (sämtliche Einkaufsmöglichkeiten, Theater, Kino etc.) in 10-15 Minuten LAUFweite habe.
Als Polli 2-jährig aus Spanien kam, lebte sie bei einer Pflegefamilie am Kotti… da wo Berlin so richtig laut & dreckig ist. Da war sie definitiv nahe der Apathie… siehe Foto vom Probespaziergang: einfach Motto „Ohren auf Durchzug und ich mach mein Ding“.
Aber mich hat da schon die Fähigkeit, auch mit solch einer Stressituation einen Weg zu finden, trotz neuem Umfeld, Lebensumständen usw., echt beeindruckt!
Nebenbei bemerkt: sie ist ein Mix aus 4 verschiedenen Hütehund-Rassen, davon 50% Aussi (bzw. Carea Leones, ein Vorläufer des Aussis).
Das Video ist der Hund aktuell in der Stadt, da is sie echt relaxt und auch an allem Möglichen interessiert.
Auf’m Ku’damm muss ich dann immer aufpassen, dass sie sich nicht irgendwo verschlumpft: wenn dann irgendwann mehr Menschen zwischen uns sind, kriegt sie dann Orientierungsprobleme („Mist, wo is meine Herde hin?“)… sie is dann aber mit nem Pfiff auch schnell wieder im Lot.😀
Klar, wenn man aussucht, sollte man schon nach der Rasse gehen. Aber ich möchte auch da ermutigen, genau nach dem jeweiligen Individuum und dessen Prägung zu schauen…
PS: HSH haben wir hier auch ne Handvoll, allerdings in Pollis 2. Heimat in Karlshorst, eher einem Randbezirk von Berlin. Die sind aber durchweg eher angespannt auf der Gassi-Runde und einer hat hier auch kürzlich einen anderen Hund getötet.
Ich glaube, die sind nur so entspannt, wenn sie IHR Areal haben, für das sie zuständig sind. Und das sollte mehr als ne Etagenwohnung sein. Gassi braucht’s dann wohl auch eher weniger…🥴