Ich sinniere sehr gern mit😅
Und eine Sache geht mir bei deinem Text gerade durch den Kopf, die, glaub ich, zu deinen Überlegungen zur Regulation passt.
Meine Hundetrainerin hat einmal in einem Kurs, als es darum ging, ob man einen Hund durch „Mäuseln“ lassen womöglich „zum Jäger erzieht“, sinngemäß gesagt: Einem „echten“ Jagdhund muss man das Jagen nicht beibringen, das kann der schon per se sehr gut. Es geht vielmehr darum, es zu rahmen.
Der Satz spukt mir oft im Kopf herum. Denn bei Ivy habe ich genau nicht das Gefühl, dass ich ihre Jagdmotovation irgendwie erzeugen könnte. Die ist voll da. 🙈🤭Die Frage ist für mich vielmehr, wie ich ihr Möglichkeiten geben kann, damit umzugehen, ohne dass ihre Aktivierung irgendwann womöglich auch in selbstschädigendes Verhalten kippt.
Und ja, ich frage mich inzwischen auch immer stärker, welche Rolle die Genetik spielt. Ivy wirkt auf mich wie ein extrem funktionaler Jagdhundtyp, entweder mit einem entsprechend hohen Anteil eines Jagdhundes oder eben mit einer langen Selektion auf eben solche Eigenschaften. Und wenn über Generationen Hunde darauf selektiert werden, bei hoher Aktivierung weiterzuarbeiten, dran zu bleiben und blitzschnell im Handeln zu sein, dann erscheint es mir zumindest plausibel, dass auch die Art, wie ein solcher Hund seine Aktivierung verarbeitet, davon geprägt ist.
Vor diesem Hintergrund würde ich nun auch nicht sagen, dass ihr bestimmte Regulationsmechanismen „fehlen“. Aber vielleicht bringt ihre genetische Disposition eben bestimmte Wege der Regulation mehr mit und andere weniger. Aktivierung in Handlung umzusetzen könnte für sie also viel natürlicher sein, als Aktivierung überlegt und „kreativ“ umzusetzen.
Als sie zB zu uns kam, hat sie bei hoher Erregung ihre Rute gejagt. Da mussten wir daran arbeiten, dass sie andere Wege findet, wieder runterzukommen, zu schlafen und zu ruhen. Hat zum Glück funktioniert.
Bis heute nimmt sie zum Einschlafen einen Kissenzipfel ins Maul, legt die Vorderpfoten darum und tretelt, bis sie einschläft. Das ist ja keine von uns vorgegebene Strategie. Sie hat sie selbst entwickelt. Und für mich zeigt das aber eigentlich ziemlich schön, dass sie Regulation sucht und Hilfen dafür annehmen kann.
Mir ist natürlich ein Hund, der zum Einschlafen einen Kissenzipfel bearbeitet, tausendmal lieber als einer, der seine eigene Rute jagt. 😅
Also ganz sicher ist nicht jede selbstgewählte Strategie etwas, das wir unterbinden müssen, aber wir sollten denk ich gut hinschauen, wohin sie den Hund führt.
Das erinnert mich auch an Neo. Bei ihm war Umrichten in hohen Stress- und Frustsituationen lange eine Bewältigungsstrategie. Auch da denk ich gerade, dass ihm gar nicht grundsätzlich die Fähigkeit, mit solchen Situationen umzugehen, fehlte, sondern einfach ein ausreichendes Spektrum an Möglichkeiten. Sein Köfferchen war ziemlich leer. 😅
Und inzwischen hat er verschiedene Strategien, auf die er zurückgreifen kann, wie Distanz herstellen, sich orientieren, mit mir in Kontakt gehen, suchen, Situationen anders bewerten usw. Dadurch muss er nicht mehr auf die eine Strategie zurückgreifen, die ihm offenbar als einzige greifbar erschien.
Und so ein Handwerksköfferchen wünsche ich mir für Ivy auch.
Ich möchte, dass sie mehr Möglichkeiten bekommt, mit hoher Aktivierung umzugehen, und dass sie dabei zunehmend Strategien findet, die sie nicht noch weiter hochschaukeln oder im schlimmsten Fall gegen sich selbst richten.
Und da denk ich auch, dass nicht jede Aktivierung oder Handlung verhindert werden muss. Aber der Hund sollte aus mehreren Optionen wählen können. (Das erinnert mich auch daran was du einmal in diesem Rassehundthread geschrieben hattest ☺️)
Soweit erstmal ☺️
So sehe ich das auch (:
Ich glaube, ich verstehe, was du meinst, im Bezug auf die unterschiedlichen Möglichkeiten.
Es ist schon gewaltig, was sich bei den beiden getan hat und gerade für Neo und auch für dich freue ich mich unheimlich mit, dass er in Begegnungen so viele Möglichkeiten zur Verfügung hat. Das liest sich geschrieben immer so ein bisschen nüchtern, als hätte sich einfach „nur“ die Strategie für ihn ein bisschen mehr verändert, aber was da alles wirklich dahintersteckt und ihr auf diesem Weg schon gemeinsam erreicht habt, damit sich das so verändert, und wieviel Blut, Schweiß und Gedanken dahinter stecken, ist enorm ☺️🙌🏻
Wir waren vor ein paar Wochen mit dem Jäger, mit dem ich befreundet bin, und seinem jungen Nachwuchshund in seinem Revier unterwegs. Ich habe von diesem Tag wieder enorm viel mitgenommen, vor allem wie lohnenswert es für die Hunde ist, wenn man gemeinsam mit dem gleichen Ziel unterwegs ist.
Nicht, dass mir das sonst nicht klar wäre. Aber normalerweise ist es so, dass einige Dinge leider immer ein wenig schlechter klappen, wenn wir mit anderen Personen oder Teams unterwegs sind. Ich habe das zum Teil auch immer ein Stück weit auf die geteilte Aufmerksamkeit geschoben. Mit Jäger und Jagdhund dabei, ist es aber überhaupt nicht der Fall, auch wenn wir mal Dinge besprachen und deswegen nicht mit voller Aufmerksamkeit bei den Hunden waren. Denn wenn die Hunde etwas Wichtiges anzeigten passten wir natürlich beide auf und waren gespannt darauf, was sie wahrnehmen. Das Gebiet, in dem wir unterwegs waren, hatten wir für komplett für uns (also keine Spaziergänger). Beide Hunde waren sehr aufmerksam, sowohl auf die Umgebung, als auch auf uns. Wir fanden unterschiedliche Fährten, eine Ricke mit Kitz stand sehr lange weit vor uns auf dem Weg, überquerte ihn schließlich. Mira war unglaublich aufmerksam, sehr gespannt, aber verhielt sich ruhig (kein Damwild! Reh!!!😳), die ganze Gruppe wartete mit Blick auf die Tiere, also wartete sie auch und ich hatte gar nicht so sehr den Eindruck, dass sie dabei mit sich kämpfte.
Wir entdeckten auch einen Bau aus dem Geräusche scheinbar sehr junger Bewohner kamen. Das Gras vor dem Bau war auffällig plattgeschliffen (Dachs?). Mira nahm die Geräusche wahr und zeigte sich sehr interessiert, aber zu meinem Erstaunen zeigte sie keine starke Eigeninitiative ohne weitere Rücksprache dort hineingehen zu wollen. Die junge Familie hätten wir ohnehin nicht verärgern wollen, aber ich war doch insgesamt überrascht, über Miras gemäßigte Reaktion. Bei einem bewohnten Bau hätte ich doch mit deutlich mehr Volt ihrerseits gerechnet.
Ich war insgesamt doch sehr verblüfft, wie leicht Mira auch anspruchsvollere Situationen in der Konstellation an dem Tag gelungen sind. Vielleicht lag es auch mit daran, dass ihre Anzeigen nicht nur von mir, sondern auch vom Jäger sehr geschätzt wurden.
Ich frage dem Jäger regelmäßig Löcher in den Bauch was die Ausbildung seines Junghundes angeht. Ich finde das soooo unheimlich spannend. Sämtliche vorbereitende Aufgaben für den Jagdhund sind stark belohnend für den Hund und mit viel Freude gemeinsam mit dem Jäger verbunden. (Ich rede im Kontext einer modernen Ausbildung, nicht von veralteten Methoden. Die beiden machen das echt stark zusammen.) Da geht es, anders als privaten Haltern ja nie darum, dass der Hund möglichst gar nicht jagen soll, sondern es wird von Anfang an ganz gezielt gefördert. Der Hund kann lernen sich angepasst an die Arbeitsaufgabe zu regulieren. Zurücknehmen wird, so wie ich es verstehe, stark im Kontext der freudigen Aufgaben gelernt. Es wird also anschließend enorm mit Dingen verstärkt, die dem Hund ohnehin große Freude bereiten. Vielleicht ist die Zurücknahme für den Hund damit auch zum Teil deutlich sinnvoller, als wenn die Konsequenz nur das Aushalten der Jagdreize oder eben die komplette Abkehr davon ist, wie es bei Nichtjägern/ manchem Anti-Jagd-Training oft der Fall ist?
Nun mag ich selbst nicht illegal Wildern gehen, oder gar alternativ eine jagdliche Ausbildung machen, aber vielleicht kann ich trotzdem Wege finden, wie Mira ein bisschen was von ihrer Betriebstemperatur umsetzen kann, wenn nur Schauen und Wegatmen von der Aktivierung her nicht drin ist. Danach fällt es ihr häufig leichter, wieder gemeinsam ein bisschen herunter zu kommen, als wenn wir nur frustriert dem Wild hinterherblicken, wie es aus unserem Sichtfeld verschwindet.
Ein paar Wege dazu gibts ja auch in den Ullibüchern:
- das Ansetzen auf die Rückspur,
- „Wir holen uns das Wild von der anderen Seite“, d.h. Richtungswechsel weg vom Tier, und anschließend dafür mit offenem Herzen die Spuren untersuchen, wenn man an der Stelle ist, weil man durchs den Umweg das Wild leider verpasst hat)
Wenn das nicht möglich ist laufen wir stattdessen ohne Ziel etwas die Energie ab. Das scheint zwar nicht ganz so hilfreich zu sein, wie die Spur, aber besser als die Flucht nichtstuend ertragen zu müssen. Falls die Aktivierung zuvor heftig ausgefallen ist, läuft ihr Radar dann allerdings beim Laufen auf Maximum, was Geräusche und Bewegungen betrifft.
Beim Richtungswechsel, wie oben beschrieben, ist das nicht so stark, da habe zumindest ich ja dann ein konkretes Ziel vor Augen, wo ich mit ihr hinmöchte, sodass Mira dabei nicht ganz so stark selbst sucht, als wenn wir „ziellos“ dem Weg folgen.
Manchmal lasse ich sie auch einzelne Leckerchen oder den Beutel hetzen, sodass sie beim Laufen ein Ziel hat. Lieber wären mir eigentlich Möglichkeiten, die Mira selbst zu Verfügung hat oder zumindest vorschlagen kann, um die Energie umzusetzen.
Wenn mir in der Situation eine interessante Stelle in den Blick fällt die auch in den Kontext passt, welche Mira untersuchen könnte, zeige ich ihr die, dann geht es meist von dort aus weiter.
In Bewegung zu bleiben, oder etwas zu tun, wo es ein wenig schneller zu geht, scheint Mira unheimlich zu helfen.
Nun sind das alles eher Dinge, die in unterschiedlichen Situationen für Mira passen können. Was ist denn mit Ivy überhaupt möglich?
Wenn sie in so spannenden Situationen noch nicht so gut auf Angebote eingehen kann, meinst du es könnt ihr helfen, erstmal in weniger spektakulären Kontexten gute Vorschläge zu machen? Könnte ihr der Vertrauensvorschuss, in sehr wichtigen Situationen auf etwas anderes umzuschwenken, dann leichter fallen?
Was meinst du?