So ist es. Gestern hatten wir auch so eine Situation. Ein Reh springt auf und Cleo hängt in der Leine. Da brauche ich mit einem Abbruchkommando gar nicht zu kommen. Was machen? Ich warte bis das Reh verschwunden ist, der Hund langsam wieder ansprechbar wird und lenke den Fokus wieder auf mich. Wenn sie bei mir ist, schwanke ich zwischen ignorieren und loben, daß sie mir wieder Aufmerksamkeit schenkt. Wie würdet ihr hier handeln? Oder „reisst“ ihr den Hund aus der Situation raus. Hinterher jagen ist nicht möglich.
Wir hatten letztes Jahr die Situation, dass ein Reh auf (!) dem Weg unmittelbar neben Mira aufgesprungen ist. Es war ein Busch davor und dahinter in einer Einbuchtung hatte es sich hingelegt. Es war für sie zum greifen nah.
Mir ist innerlich die Kinnlade bis auf den Boden gefallen. Das Reh ist geflüchtet, die Mira stand, jeder Muskel auf Hochspannung, bereit zum hinterhersetzen und hat es fliehen lassen. Sobald es außer Sicht war, wollte sie Vollgas hinterher. Ich habe sie auf die Rückspur geschickt, und musste danach immer noch zusehen, wie wir den Adrenalinspiegel wieder runterbekommen.
Ich bin froh, dass sie in dem Moment von sich aus komplett starr stehen geblieben ist.
…
Andere Situation zuhause, vor ein paar Tagen.
Wir gehen auf dem Weg an einer Wiese lang. Vor Mira geht ein Kaninchen hoch und ist ratzfatz im Galopp weg, weit ins Gebüsch.
Ich sehe, dass sie getriggert durch Dynamik einen Satz nach vorne machen wird, bis das Hirn anspringt und sie beobachten kann. Ich lasse für diesen Satz die Leine soweit durch Zeigefinger und Daumen gleiten, dass sie keinen Ruck abbekommt und eigenständig ohne die Leine zum stehen kommen kann.
So einen Satz nach vorne macht sie dann, wenn sie ausnahmsweise mal nicht mitbekommt, dass vor ihr Wild ist, er ist dem Überraschungsmoment geschuldet. Wenn er das Wild nicht gefährdet und wir dadurch nicht zu nahe kommen, lasse ich das zu, denn ich finde es grandios, dass sie dann selbstständig ins Stehen kommt. Sie in die Leine gehen zu lassen, wäre für sie vermutlich mit mehr Frustration verbunden.
Auf jeden Fall lobe ich in solchen Momenten.
Früher hat sie vollkommen die Fassung verloren und es war natürlich nicht damit zu rechnen, dass sie gucken kann, stehen kann usw.
Da ging nur festhalten. Das kann auch immer noch mal vorkommen, besonders wenn es um Tiere geht, die wir nicht kennen (den Nutria neulich, den hätte sie sich wohl geholt, wenn sie gekonnt hätte).
Mira bekommt von mir eine Menge Zeit zum wahrnehmen.
Je intensiver der Reiz, desto mehr achte ich darauf, dass wir möglichst zeitnah etwas ruhiges/ Pause machen können. Also nicht erzwungen, aber eben dass sie Zeit zum Verarbeiten bekommt und direkt im Anschluss möglichst nicht wieder was On-Top kommt.
Ich lese immer wieder begeistert von Ullihunden, die nach einiger Zeit selbst entscheiden können, dass sie eine Pause benötigen und ihren Menschen sogar darauf aufmerksam machen.
Bei uns ist das nicht so. Ich muss gut hinsehen, aber zum Glück habe ich einen Hund, der körpersprachlich unheimlich leicht zu lesen ist.
Ich kenne es noch von früher, gab es nicht ausreichend Pause, dann reagiert sie sehr schnell auf alles.