Hi, ich will ehrlich sein. Mit starken angstzuständen, gerade zu Beginn und noch Jahre, hatten beide meiner Hunde aus dem Tierschutz zu tun. Auch ich habe Schlagbegriffe wie Deprivation und co "ergooglet" und völlig fachidiotisch für zutreffend empfunden...
Ich wurde zum Glück belehrt. Einerseits - bei Ängsten hilft symptomatisieren nichts. Das was Mensch seinem Hund ggü ausdrückt - sorge, Zweifel,Anpassung zu diesem zustand- ist absolut nicht hilfreich oder anzuraten.
Zweitens - Deprivation ist für mich ein Todesurteil in der Verhaltenspsychologie. Deprivationssyndrom ist etwas das irreversible Nervenverbindungen ausdrückt. Dieser hund ist dann neurologisch aus Angst und Depression in einigen Teilen des Gehirns ein Zombie und helfen kann man da nicht. Depression ist vollkommen ausreichend schlimm. Deprivation selten, bei bspw 10jahren Kettenhund, der niemals wieder begreift, dass die Kette ab ist. Da kann keinerlei verhaltensänderung mehr eintreten. Eine Depression dagegen ist eine Blockade. Die sind schwer genug aufzudröseln. Fehlende Sozialisation ist wiederum etwas anderes... Allein am Bild deines Hundes sehe ich wache Augen. Auch wenn dies einer der besten Momente sein sollte- ist es neurologisch für ihn möglich. Daher glaube ich nicht, dass er ein Verhaltenszombie ist und denke, auch in der Depression würde er schon ein sehr verträgliches Level erreicht haben. Ohne irgendwelche ängste herab spielen zu wollen.
Der Tierschutz gibt zwar komplizierte fälle mit schweren verläufen raus...ein deprivationssyndrom sieht aber anders aus...und wird auch meist nicht in einen normalen Haushalt vermittelt.
Komplikationen mit Sozialisation - würden Hunde unter Hunden anders Regel , als die maßnahmen die wir versuchen. Medikamente sind auch nur ein Hilfsmittel... Keine Heilung.
Bei meiner hündin mit Sozialisierung-Problem, also keine Generalisierung an Umwelt und außenreize und unter doch eher lebensdrohlichen engen verhältnissen grošgeworden, konnte das meiste an ängsten durch andere Hunde vermittelt werden. Es brauchte eine starke Bindung und Vertrauen und ein paar gute Lehrmeister auf vier Pfoten, die den Zwerg auf seiner Entdeckungsreise begleitet haben und vermittelt haben, wie Hund das finden kann.
Meine misshandlungshündin kannte auch nicht viel mehr als den Hof auf dem sie lebte. Sie hat sich vor Angst fast in die Hose gemacht, als sie ins Haus gebracht wurde...hat sich selbst gebissen vor Stress . Es war tatsächlich schon sehr weit gesteigert mit an sich selbst gerichteter Aggression, verzweiflung, Angst, Unsicherheit und einem hohen maß Misstrauen. Sie läuft mittlerweile normal. Es gibt keine selbstgerichtete Aggression mehr, sie hat vertrauen gelernt und ist im Verhalten nicht perfekt aber trotz höherem Alter noch aufgeblüht. Bei ihr wurde auch von Deprivation gesprochen ..dann hätte ich quasi aufgeben können. Hab's weggeschoben. Hab Depression bearbeitet und siehe da... Es ist ein Klasse Hund der sogar immer mehr Freude an den Tag legt.
Beide ohne Medikamente. Beide haben Trainer gesehen, aber diese haben uns privat keinen Nutzen gebracht.
Akzeptanz, dass Probleme im Alltag da sind. Bestimmte handhabungen, um damit hundegerecht und verständlich umzugehen. Gefühl für Levelsteigerungen (ab wann ist die Spannung zu hoch) entwickeln... Daran souverän einen Alltag strukturieren und vertrauen über Routine und Bindung etablieren. Wenn Hundefreunde möglich sind, ist das wie ein Sechser im Lotto. Es kommt nicht auf einfaches und perfektes Verhalten und Training an, sondern um händelbarkeit und jemand zu sein, an dem sich der Hund in Problemen orientieren kann, darf und will. Dafür kann man viele Trainings bei einem angsthund eher vergessen. Das ist meist in Schritten viel zu viel. Der eine muss Ruhepausen und absitzen lernen, der andere muss bestimmte hibbeligkeiten kurz ablaufen können um Energie abzulassen. Da sind dann Sachen wie das Ruhetraining schon individuell zu machen. Genauso bei Orientierung. Die Konsequenz der ausführung ist bei der Verhaltenstherapie eben nicht auf strikte disziplinarische Perfektion der Übung ausgerichtet, sondern an Fortschritten in der Orientierung, händelbarkeit und dem Anschluss des Hundes an den Halter. Medikamente können Sachen unterstützen ... Ich glaube aber, der Hund erschreckt sich massiv, wenn diese Blockade (die für mich Deprivation ähneln) plötzlich verschwindet...Psychopharmaka können vieles schlimmer fühlen lassen... Das ist leider ein sehr fieser Nebeneffekt.
Was normal ist, sieht bei anderen immer besser aus... Da viele mit Problemen gar nicht erst so in den Fokus fallen, oder sich eben eher aus den Geschehen heraushalten. . man darf sich nicht vergleichen.