Home / Forum / Verhalten & Psychologie / Stress bei Hunden durch Vermenschlichung?

Verfasser-Bild
Svenja
Einleitungs-Beitrag
Anzahl der Antworten 238
heute 05:26

Stress bei Hunden durch Vermenschlichung?

Ich wage mich nun doch in die Höhle die Löwen und erstelle einen Thread. Ich hoffe, es gelingt, sich nicht persönlich angegriffen oder gekränkt zu fühlen und die eigene Meinung zu vertreten, ohne die mögliche Gegenseite abzuwerten. Was meiner Meinung nach dabei helfen kann, ist sich immer zu fragen, warum mich Kommentare so emotional machen. - Hat es etwas mit mir selber zu tun? - habe ich Erfahrungen mit dem Schreibenden und kann es sein, dass ich ihn deshalb in der neuen Situation vorverurteile? - Warum kann ich die Meinung des anderen nicht akzeptieren? Geht es wirklich um die Sache an sich oder um mich als Person? Das Thema Stress bei Hunden wird hier immer wieder thematisiert, was ich grundsätzlich echt gut finde. Mir fällt dabei aber oft auf, dass der größte Stressfaktor, nämlich Stress durch Überforderung, die aus Vermenschlichung resultiert, völlig übersehen wird. Hunde funktionieren anders als Menschen. Ist das jedem wirklich bewusst? - Was sind für euch die größten Stressauslöser? - Zeigen eure Hunde Verhaltensauffälligkeiten wie Reaktivitat oder Ängste, Aggressionen? Was ist für euch die Ursache? -Hören sie draußen im Freilauf auf euch? Oder laufen sie nie frei? Warum nicht? Ich fand dazu einen Artikel, der meine Sicht und Erfahrung dazu ganz gut wiedergibt. Ich möchte hier niemanden vorführen, anprangern oder angreifen. Niemand muss sich hier zu Wort melden, wenn er nicht offen für diese Reflektion ist. Zitat aus: https://www.odt.co.nz/star-news/star-lifestyle/pampered-pets-may-become-anxious-behaviourist-says Rena“ (nicht ihr richtiger Name) schläft auf Seidenkissen zwischen den Köpfen ihrer Besitzer, trinkt aus deren Wassergläsern und zerstört Haushaltsgegenstände wie Topfpflanzen und Kissen, wenn sie zu lange allein gelassen wird. Oft sitzt sie mit der Familie am Esstisch; wenn sie sich auf die Couch legt, rücken alle zusammen, um ihr mehr Platz zu geben. Ihr veganes, getreidebasiertes Futter (plus Leckerlis) kostet fast so viel wie der wöchentliche Supermarkteinkauf, ihre Tierarztkosten haben sich bereits auf Tausende von Dollar belaufen (Hüftprobleme) und ihre Besuche beim Hundefriseur sind teurer als ein Haarschnitt für einen Menschen. Sie besitzt eine ganze Garderobe. Die vierjährige schwarze Cockapoo-Hündin (eine Mischung aus Cocker Spaniel und Zwergpudel) ist zweifellos ein verwöhnter Hund. Aber sie ist damit keineswegs allein. Die Bevorzugung von Haustieren ist ein weltweites Phänomen, das sich während der Pandemie noch verstärkte, da Lockdowns einsame Menschen dazu veranlassten, sich Hunde als Begleiter anzuschaffen. Verschärft wurde dies durch den Trend, Designerhunde mit kindlichen Merkmalen (große Augen, kurze Nasen, runde Gesichter) zu züchten, die die Herzen der Menschen erobern sollen. Hinzu kommt ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der Menschheit, wodurch Hunde als Freunde umso erstrebenswerter erscheinen. Hunde sind loyal, sie verurteilen uns nicht, und Studien belegen, dass sie die körperliche und seelische Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Besitzer verbessern. Daraus folgt dann sicherlich, dass sie im Gegenzug verwöhnt werden sollten. Das sieht die Hundeverhaltensforscherin und Autorin Selina McIntyre aus Matamata anders. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren mit Hunden und ihren Besitzern und hat dabei alle Facetten der Mensch-Hund-Beziehung miterlebt. McIntyre liebt Hunde und hatte im Laufe ihres Lebens schon viele, darunter ihre beiden Border Terrier Trev und Lily („echte Charaktere, die zu kleinen Rabauken werden können, wenn sie nicht genug Auslauf bekommen“). Sie stimmt voll und ganz zu, dass Hunde zur Familie gehören und Menschen eine emotionale Bindung zu ihnen haben. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. „Hunde sind Tiere. Sie gehören einer anderen Spezies an. Egal, wie niedlich sie auch aussehen mögen, sie bleiben Hunde. Wenn wir sie nicht als Hunde behandeln, tun wir ihnen Unrecht“, sagt sie. „Wenn wir annehmen, dass sie denken und handeln wie wir, sehen wir sie nur aus unserer eigenen Perspektive. Zu glauben, man mache seinen Hund glücklich, indem man ihm alle möglichen Leckerlis kauft und ihn im Bett schlafen lässt, bedeutet, ihn wie einen Menschen zu behandeln, was er definitiv nicht ist.“ Sie sagt, wenn Besitzer über die Bedürfnisse ihrer Hunde sprechen („Schau dir diese Augen an, wie könnte man ihm widerstehen?“), spiegeln sie damit oft ihre eigenen Bedürfnisse wider. Sie könnten einsam oder ängstlich sein oder Zuneigung und Schutz suchen. Manche sind vielleicht allein zu Hause, oder ein Partner arbeitet lange, sodass eine größere Abhängigkeit von einem vierbeinigen Begleiter entsteht. Wenn der Hund ihnen ständig von der Seite weicht, sagen sie vielleicht Dinge wie: „Sie ist sehr anhänglich“ oder „Er klebt förmlich an ihr“. Sie sagt jedoch, dass man Hunden niemals menschliche Formen, Verhaltensweisen und Emotionen zuschreiben oder ihnen die gleichen Rechte und Privilegien wie Menschen gewähren sollte. „Wenn einem Hund aufs Wort jeder Wunsch erfüllt wird, steigt sein sozialer Status über den seiner menschlichen Besitzer. Ein Hund, der mit den Menschen am Tisch isst, in ihrem Bett schläft oder sich auf der Sofalehne über dem Kopf seines Besitzers positioniert, fühlt sich privilegiert und gleicht eher dem König oder der Königin des Hauses. Physische Bevorzugung kann mit sozialer Bevorzugung einhergehen. Der Hund glaubt dann, er sei das wichtigste Lebewesen im Haus.“ Hoher Status bringt eine große Verantwortung mit sich. Laut McIntyre kann das bei Hunden zu übermäßiger Ängstlichkeit führen. „Verwöhnte Hunde schlafen möglicherweise mit einem Ohr gespitzt, um auf Bedrohungen zu achten. Sie fühlen sich ihren Besitzern jederzeit verantwortlich. Sie können große Trennungsangst entwickeln, wenn ihr Mensch den Raum oder das Haus verlässt. Diese Angst kann zu unaufhörlichem Bellen, Winseln, Zerstörung von Gegenständen oder Hin- und Herlaufen am Zaun führen, während sie auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten.“ Hunde brauchen Zuneigung, keine Bewunderung, sagt sie. „Hunde müssen wissen, dass ihr Platz im Haus sicher ist, aber sie dürfen nicht das Gefühl haben, für ihre Besitzer verantwortlich sein zu müssen. Man kann ein Tier nicht immer nur aus menschlicher Sicht betrachten. Ein Hund ist eine andere Spezies. Es sind Tiere, um die wir uns kümmern, keine Babys, die wir erziehen.“ Selina McIntyres Tipps für die Bedürfnisse eines Hundes - Zweimal täglich Spaziergänge (auch mit kleinen Hunden) außerhalb Ihres Grundstücks - Sicherheit (das Gefühl, nicht für jede Bewegung seiner Besitzer verantwortlich zu sein) - Verständnis und Wertschätzung der Hundewelt, einschließlich der Art und Weise, wie Hunde in verschiedenen Situationen kommunizieren und sich verhalten - Sozialisierung (entscheidend in den ersten 16 Wochen), um „neue“ Situationen und eine Reihe unterschiedlicher Menschen und Umgebungen kennenzulernen. - Geistige Anregung, unter anderem durch Spiel - Zuneigung, nicht Bewunderung - Grenzen (was ist angemessenes und unangemessenes Verhalten?) - Die Freiheit, hundespezifische Verhaltensweisen wie Futtersuche und Erkundung auszuleben. - Zeit und Geduld, um neue Verhaltensweisen zu erlernen, insbesondere bei älteren Hunden - Wie ein Hund geschätzt zu werden.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Svenja
22. Feb. 17:16
Von wo sind die Halsbänder?
Selber genäht 😅
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Das
22. Feb. 17:35
Ich hole mir Hunde, weil sie Hunde sind. 😅
Ich bin eher Eigenbrötler und genieße die Gesellschaft meiner Hunde die unter meiner Verantwortung leben. Als Hund.

Fine war so ein Fall die sich für ihre Menschen verantwortlich fühlte. Für alles.
Wahrscheinlich wurde sie damals auch deswegen im Tierheim abgegeben. Sie war auch mehrmals vermittlet, kam aber in der Probezeit zurück ins Tierheim.
Klein, mega niedlich, aber Terrier Gene. Durfte bestimmt auch alles bis sie dadurch völlig vergaß wer sie ist.
Nach ihrer Adoption durch mich hat sie versucht alles und jeden Hund Beispielsweise den Kopf aufzulegen und zu begrenzen. Sie hatte einen unstillbares Verlangen Dinge zu klären.
Ein Leben ohne Grenzen für sie hatte sie nahezu verrückt gemacht und sie suchte diese Grenzen.
Als sie bei mir lebte war dann alles vergessen und sie konnte in einem von mir geschaffenen Rahmen leben der ihr gut tat. Sie kam an.

Ich vermisse dich. 😥😥😥😥😥
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Juli
22. Feb. 18:32
Spannendes Thema.
Ich weiß gar nicht recht, wo ich da anfangen soll.
Ihr habt vorhin schon ganz viele tolle Dinge genannt, mit denen ich auch konform gehe.

Ich denke, dass es vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, wie sehr sie ihre Tiere vermenschlichen und dass das meiner Meinung nach auch auf jeden Fall Folgen für das Tier hat.

Eine Anekdote dazu:
Ich hab das in meinem Bekanntenkreis auch schon erlebt, wo ich mir auch dachte, dass das ne ganz spannende Mensch-Hund-Beziehung ist.
Und dass sich das irgendwie leider nicht gerade positiv für den Hund entwickelt.
Mir hat mal jemand erzählt, dass sein Hund draußen komplett gestresst und verängstigt ist, egal wohin er mit ihm geht. Sobald der Hund Angst hat, wird er getröstet. Mit Worten und Streicheleinheiten. Es wird extrem viel Rücksicht auf ihn genommen. Wege, auf denen der Hund Angst zeigt weil zu laut, zu voll, da ist mal was negatives passiert, werden nicht mehr gegangen, weil der Hund da noch mehr als ohnehin schon in der Leine hängt.
Das ganze hat sich über Monate hinweg so gesteigert, dass der fast 30 Kilo schwere Hund ca 2 Kilometer zum Wald getragen werden musste (kein Auto und Öffis fahren geht nicht, weil der Hund ja auch in der Bahn Angst hat).
Im Wald ist dann sofort alles ok.
Das Verhalten sei aber viel besser und händelbarer, wenn ein anderer Hund oder sogar einfach nur ein anderer Mensch mit dabei sei.
Ich hab es nie ausgesprochen, um die Person nicht zu kränken. Eigentlich denke ich, dass das übermäßige Trösten das Verhalten mindestens aufrecht erhält, wenn nicht sogar verstärkt.
Das interessante an der ganzen Sache: der Mensch am anderen Ende der Leine ist von seiner Art her auch ein sehr ängstlicher Mensch.
Auf mich machte das schon immer den Eindruck, als ob die Grenzen zwischen dem Individuum Hund und dem Individuum Mensch da total verschwimmen und dass der Mensch seine Sorgen und eigenen Ängste unbewusst auf den Hund überträgt bzw ihn mindestens mal darin bestärkt, Angst zu haben.
Das ist so ein fieser Teufelskreis, denn das ist weder bewusst noch gewollt und keine Frage von Technik oder Erziehung. Ich glaube, es ist extrem schwer, sich in dieser Rolle selbst zu reflektieren und zu wissen, wo man selbst gerade eventuell Dinge auf den eigenen Hund überträgt. Egal ob Ängste, innere, unerledigt Bedürfnisse oder vielleicht auch Wünsche

Denn genau so beobachte ich gerade hier, dass Menschen sich auch anderweitig unglaublich stark mit ihrem Hund identifizieren (Ich befürchte, mit dieser Aussage werd ich mir wenig Freund:innen machen, aber was soll's 😅):
Hunde-Eltern. Mama und Papa, der Hund als Quasi-Kind und Lebensmittelpunkt. Hunde als Ersatz für menschliche Sozialpartner:innen.
Apps wie Dogorama befeuern das ganze meiner Meinung nach auch irgendwie. Hier ist Raum dazu und es ist legitim, das ganze Hunde-Leben zu dokumentieren und darzustellen.
Nicht falsch verstehen, ich mag die App total gerne. Es ist toll zu wissen, dass es so viele Hunde-Nerds gibt! Und lehrreich ist es allemal.
Aber eigentlich geht es auch hier primär darum zu zeigen, wie toll es dem eigenen Hund doch geht, dabei wird dann aus Sicht des Hundes erzählt. Fast alle Postings auf der Startseite sind in der Ich-Form und aus der Perspektive des Hundes geschrieben. Ihr wisst bestimmt, was ich damit meine.
Eigentlich total schön, dass die Tiere so geliebt werden.
Offtopic: Das paradoxe daran: es wird dennoch zwischen "Haus"- und "Nutz"tier unterschieden.
Während dem eigenen Haustiere teilweise menschliche Privilegien zugesprochen werden und sie förmlich mit Liebe zugeschüttet werden und sich sogar in die vermeintliche Lage und Gefühlswelt des Hundes versetzt wird, wird anderen Tieren das Recht zum Leben einfach abgesprochen.
Ich weiß, dass das nun thematisch in ne andere Richtung schlägt, finde es aber dennoch erwähnenswert.

Zurück zum eigentlichen Thema: Hunde werden als so wertvoll angesehen und werden emotional so nah gehalten und emotional aufgeladen, dass die Grenzen scheinbar diffus werden.
Das ist ne ziemlich fiese Dynamik, die schwer zu durchschauen ist.
Dadurch wird dem Lebewesen, dass man eigentlich schützen will, eine Rolle zugeschrieben, die eigentlich gar nicht für es bestimmt ist.
Das gemeine daran: das blockiert beide Seiten. Den Menschen, der ein Tier überhöht und auf ein Podest stellt und dadurch permanent am nachdenken, tun und rödeln ist, damit alles möglichst perfekt ist; und auf der anderen Seite werden die tierischen Bedürfnisse vielleicht (gar) nicht erkannt und können demnach nicht ausgelebt werden.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Katrin
22. Feb. 18:38
Meiner Erfahrung nach ist ein ganz großer Stressfaktor bei Hunden das eigentlich übergriffige Verhalten von Menschen weil sie nicht in der Lage sind die Signale des Hundes richtig zu deuten.

Dazu kommt eine aus meiner Sicht ungesunde ,,ohne Hund ohne mich" Einstellung.

Hundehaltung ist was tolles aber Hunde sollten nicht der Lebensmittelpunkt sein um den sich alles dreht, den man ständig dabei haben muss. Regeln und Grenzen gelten für beide, den Hund und den Menschen. Das bedeutet auch als Halter hab ich auf die Bedürfnisse meines Hundes Rücksicht zu nehmen. Dazu gehört auch das Bedürfnis der Selbstverwirklichung. Das nutzen und ausleben von Talenten/Fähigkeiten. Selbstbestimmung in Form von ich möchte jetzt nicht angefasst werden uä.

Die Liste ist da echt lang.
 
Beitrag-Verfasser
Lena
22. Feb. 19:08
Ich denke es gibt sowohl Formen von Vermenschlichung, die bei Hunden zu Stress führen können aber auch Formen (wenn man das überhaupt so bezeichnen will), die alles andere als schlimm ist.

Beispiel 1: namenhafte TV-Sendung und Schnauzerwelpe soll bloß nicht die Wege draußen betreten, da ist es dreckig 🙈 sorry, das ist wirklich weder für das Tier noch die Halterin gesund.

Beispiel 2, nicht-Hundehalter kritisieren als „Vermenschlichung“:
Rollihunde, Windeln für Inkontinenz, wenn Wagen/Tragen oder ähnliches für Hunde benutzt werden, wenn diese nicht lange laufen können, aufwendiges Hundefutter.
Wenn das Vermenschlichung ist, dann finde ich das gut 👍

Wichtig ist das es den Hunden gut geht, deren Bedürfnisse artgerecht erfüllt werden. Im Umgang mit Freiheiten etc. kann dies bei jedem Hund anders sein.

Unser 2. Hund hatte wohl sehr viele Freiheiten inkl. meine Dauendecke, aber er hat dadurch kein ungesundes Gefühl für Verantwortung bekommen, dafür war (zum Glück) viel zu dösig.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Celine
22. Feb. 21:43
Danke für diesen Thread. Ich glaube, das ist das am meisten unterschätzte Thema in der modernen Hundehaltung. Wir reden oft über Stress durch Lärm, fremde Hunde oder Umweltreize aber wir übersehen den hausgemachten Stress durch Status Überforderung.

Wir tun den Hunden keinen Gefallen, wenn wir unsere eigenen emotionalen Defizite (Einsamkeit, Schutzbedürfnis) auf sie projizieren. Ein Hund ist erst dann wirklich frei und entspannt, wenn er die Verantwortung an den Menschen abgeben kann. Wahre Tierliebe bedeutet für mich daher, den Hund als Hund zu respektieren, ihm Sicherheit durch Führung zu geben und ihn nicht als Projektionsfläche für menschliche Bedürfnisse zu missbrauchen..
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Babs
23. Feb. 07:04
Aus meiner Sicht entsteht ein großer Stressfaktor auf der Kommunikationsebene. Ich wollte mal einen Thread erstellen mit der Überschrift:" Die Sprache der Hunde - ein Buch mit 7 Siegeln?!"
MMn wird viel zu schnell etwas in die Sprache interpretiert, ohne die "Vokabeln" zu kennen. Aussagen wie:"Der Blick ist ABER sooo süß" oder "Der will nur spielen" oder "Das Bellen nervt" oder "mein Hund hat Angst" oder "Der möchte Dich nur freundlich begrüßen und ist dabei sehr überschwänglich" ... sind menschliche Interpretationen. Fragt man nach, woran der-/ diejenige das erkennt oder was z. B. das Bellen bedeuten könnte, sind die Antworten eher oberflächlich und kann selten anhand der Sprache des Hundes erklärt werden. Das man nicht immer den Hund lesen und verstehen kann, empfinde ich noch nicht mal "schlimm" (kann ich auch nicht immer), aber die auf Dauer vermenschlichten Interpretationen können zu großen Konflikten und Stress beim Hund führen. Selten höre ich mal:"Mein Hund hat bei mir angefragt, ob er z. B. die Führung übernehmen soll" oder:"Er bellt, weil er mich nicht verstanden hat." ...
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Carola
23. Feb. 07:13
Das ist wirklich ein spannendes Thema! Ich glaube schon dass viele Hunde Stress haben weil sie nicht als Hunde respektiert werden.
Sie werden häufig als Partnerersatz, Kind Ersatz und als Ersatz für soziale Kontakte missbraucht. Dann wird der Hund nach Strich und Faden verwöhnt, hat weder Führung noch Sicherheit und weiß vor lauter Stress überhaupt nicht wohin mit sich.
Zudem werden den Hunden dann oftmals Dankbarkeit, Gerechtigkeitsempfinden und ähnliches zugeschrieben in dem sie als Projektionsfläche für die eigenen Gefühle benutzt werden.
Wenn es dann noch ein Hund ist der eine Aufgabe braucht und diese nicht hat oder es wird nach dem Motto"Hund ist Hund" gegen die Genetik gearbeitet.
All das verursacht Stress und zeugt auch nicht von Respekt für den Hund sondern ausschließlich von eigenem Egoismus der dann Liebe genannt wird!
Ob ein Hund jetzt im Bett oder auf dem Sofa schläft ist letzten Endes egal wobei es kein Maßstab ist für die Liebe und den Respekt gegenüber dem Hund. Aber wenn es ein Zeichen von emotionaler Abhängigkeit des Halters gegenüber dem Hund ist dann wird es schwierig!
Dann wird der Hund auch noch überall mit hingeschleift weil der Halter nicht in der Lage ist einen Schritt ohne seinen Hund zu gehen.
Auch das verursacht Stress wenn der Hund spürt ja dass sein Halter abhängig ist und übernimmt eine Rolle die eigentlich gar nicht zu ihm passt.
Zum Glück sind die meisten Hunde unauffällig und es passiert auch nichts weiter außer dass sie sich für die Umwelt sehr anstrengend verhalten aber so etwas kann auch leicht aus dem Ruder laufen.
Aus meiner Sicht haben Hunde nicht nur Liebe sondern auch Respekt verdient und als Halter ist man in der Verantwortung ihm den Weg zu weisen und auch die erforderliche Führung zu geben.
Nur dann kann ein Hund stressfrei und zufrieden leben. Dazu gehört es auch dass ein Hund sich artgerecht und ohne Reglementierung in bestimmten Gebieten bewegen darf und auch seinen hündischen Vergnügungen nachgehen darf. Ein Hund muss mal buddeln dürfen, schnüffeln, sich in irgendeinem Dreck wälzen, toben und vielleicht auch mal mit Artgenossen ohne Kontrolle interagieren.
Ja man muss einem Hund Führung und Orientierung geben aber man muss nicht jede Bewegung reglementieren und beobachten. Man muss auch nicht alles für einen Hund regeln und dennoch muss er seine Grenzen kennen.
Kennt er seine Grenzen, hat er gelernt sich vernünftig zu benehmen kann man ihm zugegebener Zeit und am passenden Ort die Freiheit geben die er auch braucht.
Natürlich sollte man auch die Kommunikation seines Hundes kennen und auch lesen können. Diese Mühe machen sich nicht alle Hundehalter.
Wenn das alles im rechten Maß gegeben ist glaube ich auch nicht dass ein Hund großartigen Stress hat.
Für mich sind die"Zauberwörter": Liebe, Respekt, Orientierung und Führung.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Svenja
23. Feb. 07:19
Aus meiner Sicht entsteht ein großer Stressfaktor auf der Kommunikationsebene. Ich wollte mal einen Thread erstellen mit der Überschrift:" Die Sprache der Hunde - ein Buch mit 7 Siegeln?!" MMn wird viel zu schnell etwas in die Sprache interpretiert, ohne die "Vokabeln" zu kennen. Aussagen wie:"Der Blick ist ABER sooo süß" oder "Der will nur spielen" oder "Das Bellen nervt" oder "mein Hund hat Angst" oder "Der möchte Dich nur freundlich begrüßen und ist dabei sehr überschwänglich" ... sind menschliche Interpretationen. Fragt man nach, woran der-/ diejenige das erkennt oder was z. B. das Bellen bedeuten könnte, sind die Antworten eher oberflächlich und kann selten anhand der Sprache des Hundes erklärt werden. Das man nicht immer den Hund lesen und verstehen kann, empfinde ich noch nicht mal "schlimm" (kann ich auch nicht immer), aber die auf Dauer vermenschlichten Interpretationen können zu großen Konflikten und Stress beim Hund führen. Selten höre ich mal:"Mein Hund hat bei mir angefragt, ob er z. B. die Führung übernehmen soll" oder:"Er bellt, weil er mich nicht verstanden hat." ...
Erinnert mich jetzt sehr an eine PN von einem Mitglied hier, er schrieb:
"Ich war vor ein paar Jahren mal bei der Eberhard Trumler Station und der Biologe sagte mir das schlimmste heute ist eine über Interpretation, manchmal ist ein Hund einfach nur ein Hund 🤣 das vergesse ich nie und denke das bei Beiträgen im Netz so oft"
Falsche und Überinterpretationen sind wahrscheinlich deutlich häufiger als eine realistische Deutung.
 
Beitrag-Verfasser-Bild
Svenja
23. Feb. 07:22
Spannendes Thema. Ich weiß gar nicht recht, wo ich da anfangen soll. Ihr habt vorhin schon ganz viele tolle Dinge genannt, mit denen ich auch konform gehe. Ich denke, dass es vielen Menschen wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, wie sehr sie ihre Tiere vermenschlichen und dass das meiner Meinung nach auch auf jeden Fall Folgen für das Tier hat. Eine Anekdote dazu: Ich hab das in meinem Bekanntenkreis auch schon erlebt, wo ich mir auch dachte, dass das ne ganz spannende Mensch-Hund-Beziehung ist. Und dass sich das irgendwie leider nicht gerade positiv für den Hund entwickelt. Mir hat mal jemand erzählt, dass sein Hund draußen komplett gestresst und verängstigt ist, egal wohin er mit ihm geht. Sobald der Hund Angst hat, wird er getröstet. Mit Worten und Streicheleinheiten. Es wird extrem viel Rücksicht auf ihn genommen. Wege, auf denen der Hund Angst zeigt weil zu laut, zu voll, da ist mal was negatives passiert, werden nicht mehr gegangen, weil der Hund da noch mehr als ohnehin schon in der Leine hängt. Das ganze hat sich über Monate hinweg so gesteigert, dass der fast 30 Kilo schwere Hund ca 2 Kilometer zum Wald getragen werden musste (kein Auto und Öffis fahren geht nicht, weil der Hund ja auch in der Bahn Angst hat). Im Wald ist dann sofort alles ok. Das Verhalten sei aber viel besser und händelbarer, wenn ein anderer Hund oder sogar einfach nur ein anderer Mensch mit dabei sei. Ich hab es nie ausgesprochen, um die Person nicht zu kränken. Eigentlich denke ich, dass das übermäßige Trösten das Verhalten mindestens aufrecht erhält, wenn nicht sogar verstärkt. Das interessante an der ganzen Sache: der Mensch am anderen Ende der Leine ist von seiner Art her auch ein sehr ängstlicher Mensch. Auf mich machte das schon immer den Eindruck, als ob die Grenzen zwischen dem Individuum Hund und dem Individuum Mensch da total verschwimmen und dass der Mensch seine Sorgen und eigenen Ängste unbewusst auf den Hund überträgt bzw ihn mindestens mal darin bestärkt, Angst zu haben. Das ist so ein fieser Teufelskreis, denn das ist weder bewusst noch gewollt und keine Frage von Technik oder Erziehung. Ich glaube, es ist extrem schwer, sich in dieser Rolle selbst zu reflektieren und zu wissen, wo man selbst gerade eventuell Dinge auf den eigenen Hund überträgt. Egal ob Ängste, innere, unerledigt Bedürfnisse oder vielleicht auch Wünsche Denn genau so beobachte ich gerade hier, dass Menschen sich auch anderweitig unglaublich stark mit ihrem Hund identifizieren (Ich befürchte, mit dieser Aussage werd ich mir wenig Freund:innen machen, aber was soll's 😅): Hunde-Eltern. Mama und Papa, der Hund als Quasi-Kind und Lebensmittelpunkt. Hunde als Ersatz für menschliche Sozialpartner:innen. Apps wie Dogorama befeuern das ganze meiner Meinung nach auch irgendwie. Hier ist Raum dazu und es ist legitim, das ganze Hunde-Leben zu dokumentieren und darzustellen. Nicht falsch verstehen, ich mag die App total gerne. Es ist toll zu wissen, dass es so viele Hunde-Nerds gibt! Und lehrreich ist es allemal. Aber eigentlich geht es auch hier primär darum zu zeigen, wie toll es dem eigenen Hund doch geht, dabei wird dann aus Sicht des Hundes erzählt. Fast alle Postings auf der Startseite sind in der Ich-Form und aus der Perspektive des Hundes geschrieben. Ihr wisst bestimmt, was ich damit meine. Eigentlich total schön, dass die Tiere so geliebt werden. Offtopic: Das paradoxe daran: es wird dennoch zwischen "Haus"- und "Nutz"tier unterschieden. Während dem eigenen Haustiere teilweise menschliche Privilegien zugesprochen werden und sie förmlich mit Liebe zugeschüttet werden und sich sogar in die vermeintliche Lage und Gefühlswelt des Hundes versetzt wird, wird anderen Tieren das Recht zum Leben einfach abgesprochen. Ich weiß, dass das nun thematisch in ne andere Richtung schlägt, finde es aber dennoch erwähnenswert. Zurück zum eigentlichen Thema: Hunde werden als so wertvoll angesehen und werden emotional so nah gehalten und emotional aufgeladen, dass die Grenzen scheinbar diffus werden. Das ist ne ziemlich fiese Dynamik, die schwer zu durchschauen ist. Dadurch wird dem Lebewesen, dass man eigentlich schützen will, eine Rolle zugeschrieben, die eigentlich gar nicht für es bestimmt ist. Das gemeine daran: das blockiert beide Seiten. Den Menschen, der ein Tier überhöht und auf ein Podest stellt und dadurch permanent am nachdenken, tun und rödeln ist, damit alles möglichst perfekt ist; und auf der anderen Seite werden die tierischen Bedürfnisse vielleicht (gar) nicht erkannt und können demnach nicht ausgelebt werden.
Ich wollte hier noch zu schreiben, dass ich mich sehr freue, hier Menschen angesprochen zu haben, die ganz offensichtlich genau dasselbe wahrnehmen, wie ich. Auf vielen Ebenen. Danke für den tollen Beitrag.