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Svenja
Einleitungs-Beitrag
Anzahl der Antworten 218
heute 21:59

Stress bei Hunden durch Vermenschlichung?

Ich wage mich nun doch in die Höhle die Löwen und erstelle einen Thread. Ich hoffe, es gelingt, sich nicht persönlich angegriffen oder gekränkt zu fühlen und die eigene Meinung zu vertreten, ohne die mögliche Gegenseite abzuwerten. Was meiner Meinung nach dabei helfen kann, ist sich immer zu fragen, warum mich Kommentare so emotional machen. - Hat es etwas mit mir selber zu tun? - habe ich Erfahrungen mit dem Schreibenden und kann es sein, dass ich ihn deshalb in der neuen Situation vorverurteile? - Warum kann ich die Meinung des anderen nicht akzeptieren? Geht es wirklich um die Sache an sich oder um mich als Person? Das Thema Stress bei Hunden wird hier immer wieder thematisiert, was ich grundsätzlich echt gut finde. Mir fällt dabei aber oft auf, dass der größte Stressfaktor, nämlich Stress durch Überforderung, die aus Vermenschlichung resultiert, völlig übersehen wird. Hunde funktionieren anders als Menschen. Ist das jedem wirklich bewusst? - Was sind für euch die größten Stressauslöser? - Zeigen eure Hunde Verhaltensauffälligkeiten wie Reaktivitat oder Ängste, Aggressionen? Was ist für euch die Ursache? -Hören sie draußen im Freilauf auf euch? Oder laufen sie nie frei? Warum nicht? Ich fand dazu einen Artikel, der meine Sicht und Erfahrung dazu ganz gut wiedergibt. Ich möchte hier niemanden vorführen, anprangern oder angreifen. Niemand muss sich hier zu Wort melden, wenn er nicht offen für diese Reflektion ist. Zitat aus: https://www.odt.co.nz/star-news/star-lifestyle/pampered-pets-may-become-anxious-behaviourist-says Rena“ (nicht ihr richtiger Name) schläft auf Seidenkissen zwischen den Köpfen ihrer Besitzer, trinkt aus deren Wassergläsern und zerstört Haushaltsgegenstände wie Topfpflanzen und Kissen, wenn sie zu lange allein gelassen wird. Oft sitzt sie mit der Familie am Esstisch; wenn sie sich auf die Couch legt, rücken alle zusammen, um ihr mehr Platz zu geben. Ihr veganes, getreidebasiertes Futter (plus Leckerlis) kostet fast so viel wie der wöchentliche Supermarkteinkauf, ihre Tierarztkosten haben sich bereits auf Tausende von Dollar belaufen (Hüftprobleme) und ihre Besuche beim Hundefriseur sind teurer als ein Haarschnitt für einen Menschen. Sie besitzt eine ganze Garderobe. Die vierjährige schwarze Cockapoo-Hündin (eine Mischung aus Cocker Spaniel und Zwergpudel) ist zweifellos ein verwöhnter Hund. Aber sie ist damit keineswegs allein. Die Bevorzugung von Haustieren ist ein weltweites Phänomen, das sich während der Pandemie noch verstärkte, da Lockdowns einsame Menschen dazu veranlassten, sich Hunde als Begleiter anzuschaffen. Verschärft wurde dies durch den Trend, Designerhunde mit kindlichen Merkmalen (große Augen, kurze Nasen, runde Gesichter) zu züchten, die die Herzen der Menschen erobern sollen. Hinzu kommt ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der Menschheit, wodurch Hunde als Freunde umso erstrebenswerter erscheinen. Hunde sind loyal, sie verurteilen uns nicht, und Studien belegen, dass sie die körperliche und seelische Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Besitzer verbessern. Daraus folgt dann sicherlich, dass sie im Gegenzug verwöhnt werden sollten. Das sieht die Hundeverhaltensforscherin und Autorin Selina McIntyre aus Matamata anders. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren mit Hunden und ihren Besitzern und hat dabei alle Facetten der Mensch-Hund-Beziehung miterlebt. McIntyre liebt Hunde und hatte im Laufe ihres Lebens schon viele, darunter ihre beiden Border Terrier Trev und Lily („echte Charaktere, die zu kleinen Rabauken werden können, wenn sie nicht genug Auslauf bekommen“). Sie stimmt voll und ganz zu, dass Hunde zur Familie gehören und Menschen eine emotionale Bindung zu ihnen haben. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. „Hunde sind Tiere. Sie gehören einer anderen Spezies an. Egal, wie niedlich sie auch aussehen mögen, sie bleiben Hunde. Wenn wir sie nicht als Hunde behandeln, tun wir ihnen Unrecht“, sagt sie. „Wenn wir annehmen, dass sie denken und handeln wie wir, sehen wir sie nur aus unserer eigenen Perspektive. Zu glauben, man mache seinen Hund glücklich, indem man ihm alle möglichen Leckerlis kauft und ihn im Bett schlafen lässt, bedeutet, ihn wie einen Menschen zu behandeln, was er definitiv nicht ist.“ Sie sagt, wenn Besitzer über die Bedürfnisse ihrer Hunde sprechen („Schau dir diese Augen an, wie könnte man ihm widerstehen?“), spiegeln sie damit oft ihre eigenen Bedürfnisse wider. Sie könnten einsam oder ängstlich sein oder Zuneigung und Schutz suchen. Manche sind vielleicht allein zu Hause, oder ein Partner arbeitet lange, sodass eine größere Abhängigkeit von einem vierbeinigen Begleiter entsteht. Wenn der Hund ihnen ständig von der Seite weicht, sagen sie vielleicht Dinge wie: „Sie ist sehr anhänglich“ oder „Er klebt förmlich an ihr“. Sie sagt jedoch, dass man Hunden niemals menschliche Formen, Verhaltensweisen und Emotionen zuschreiben oder ihnen die gleichen Rechte und Privilegien wie Menschen gewähren sollte. „Wenn einem Hund aufs Wort jeder Wunsch erfüllt wird, steigt sein sozialer Status über den seiner menschlichen Besitzer. Ein Hund, der mit den Menschen am Tisch isst, in ihrem Bett schläft oder sich auf der Sofalehne über dem Kopf seines Besitzers positioniert, fühlt sich privilegiert und gleicht eher dem König oder der Königin des Hauses. Physische Bevorzugung kann mit sozialer Bevorzugung einhergehen. Der Hund glaubt dann, er sei das wichtigste Lebewesen im Haus.“ Hoher Status bringt eine große Verantwortung mit sich. Laut McIntyre kann das bei Hunden zu übermäßiger Ängstlichkeit führen. „Verwöhnte Hunde schlafen möglicherweise mit einem Ohr gespitzt, um auf Bedrohungen zu achten. Sie fühlen sich ihren Besitzern jederzeit verantwortlich. Sie können große Trennungsangst entwickeln, wenn ihr Mensch den Raum oder das Haus verlässt. Diese Angst kann zu unaufhörlichem Bellen, Winseln, Zerstörung von Gegenständen oder Hin- und Herlaufen am Zaun führen, während sie auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten.“ Hunde brauchen Zuneigung, keine Bewunderung, sagt sie. „Hunde müssen wissen, dass ihr Platz im Haus sicher ist, aber sie dürfen nicht das Gefühl haben, für ihre Besitzer verantwortlich sein zu müssen. Man kann ein Tier nicht immer nur aus menschlicher Sicht betrachten. Ein Hund ist eine andere Spezies. Es sind Tiere, um die wir uns kümmern, keine Babys, die wir erziehen.“ Selina McIntyres Tipps für die Bedürfnisse eines Hundes - Zweimal täglich Spaziergänge (auch mit kleinen Hunden) außerhalb Ihres Grundstücks - Sicherheit (das Gefühl, nicht für jede Bewegung seiner Besitzer verantwortlich zu sein) - Verständnis und Wertschätzung der Hundewelt, einschließlich der Art und Weise, wie Hunde in verschiedenen Situationen kommunizieren und sich verhalten - Sozialisierung (entscheidend in den ersten 16 Wochen), um „neue“ Situationen und eine Reihe unterschiedlicher Menschen und Umgebungen kennenzulernen. - Geistige Anregung, unter anderem durch Spiel - Zuneigung, nicht Bewunderung - Grenzen (was ist angemessenes und unangemessenes Verhalten?) - Die Freiheit, hundespezifische Verhaltensweisen wie Futtersuche und Erkundung auszuleben. - Zeit und Geduld, um neue Verhaltensweisen zu erlernen, insbesondere bei älteren Hunden - Wie ein Hund geschätzt zu werden.
 
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SandrA
22. Feb. 11:29
Kannst du schreiben, wie es dir gelingt, Kapazitäten aufzubauen und Orientierung unter Erregung möglich zu machen? Ist es für dich nachvollziehbar oder abwegig, dass viele Privilegien und vermenschlichendes Verwöhnen einen hohen sozialen Status implizieren, der damit Verantwortung für die Gruppe mit sich bringt und dadurch gewisse Hundetypen überfordert? Mir geht es ganz unabhängig von Training oder Gehorsam (du hast den Begriff ins Spiel gebracht und ich habe Sorge, mein Thema könnte falsch verstanden werden) darum, zu verstehen, wie hündisches Sozialverhalten und "Denken" sich von menschlichem unterscheidet.
Ich versuche die Antwort auf deine Fragen mal an meinen beiden festzumachen.

Bei Neo habe ich irgendwann gemerkt, dass ich lange an Verhalten gearbeitet habe – Leinenreaktivität, Artgenossenaggression, Ressourcenthema. Er wurde dadurch aber letztlich nicht sicherer.
Heute gehe ich anders vor.
Wenn wir draußen unterwegs sind und ein fremder Hund auftaucht, übernehme ich frühzeitig und reguliere Abstand, entscheide Tempo und Richtung, ich halte den Rahmen klar. Und warte nicht, bis er hochfährt. Wenn er im Reiz ansprechbar bleibt - auch nur für einen Blickkontakt - bestätige ich genau das.
Nicht einfach das erwünschte Verhalten, sondern die Orientierung unter Spannung.

In der sozialen Interaktionsstunde geht es mir nicht primär um „Er muss da durch und lernen“, sondern um die Frage, ob er im Kontakt noch denken kann; ob er Spannung aushalten kann, ohne in Kontrolle zu gehen. Das beobachte ich gerade zunehmend und das ist für mich Kapazitätsaufbau.

Bei Ivy ist es so, dass wenn sie im Wald Jagdreize bekommt, schießt ihr System sofort hoch oder besser über. Das ist ja kein Machtanspruch, sondern ein junges, hochmotiviertes Nervensystem mit wenig oder oft keiner Bremse.
Aktuell geht es mit ihr nur sehr kleinschrittig: stehen bleiben, Reiz nicht weiter pushen, warten bis sie wieder neben mir ankommt. Nicht ziehen, nicht diskutieren - was natürlich nicht immer sauber gelingt aber ich bemühe mich☝️. Nach Regulation folgt dann wieder Bewegung.
Ich trainiere also nicht das Jagen „weg“ sondern das „Zurückfinden“.

Zur Status-These und Verwöhnen:
Ich denke ich kann nachvollziehen, was du meinst, gerade bei Hunden, die viel kontrollieren oder wachen.

Aber bei Neo sehe ich keinen Zusammenhang zwischen „Privilegien“ und Überforderung. Er schläft auf dem Sofa, bekommt Nähe, darf viel und war trotzdem deutlich stressanfälliger, als ich ihn stark mit Fokus auf „Ausbildung“ geführt habe.

Er wurde nicht ruhiger, als ich ihm weniger „Privilegien“ gegeben habe, aber als ich ihm weniger Zuständigkeit zugemutet habe.

Und Ivys Hochfahren hat auch nichts mit sozialem Status zu tun. Es ist genetische Motivation plus Impulsivität plus hohe Reizoffenheit.
Wenn sie kippt, verliert sie Regulation.

Für mich geht es daher weniger um Entzug von Privilegien, sondern um verlässliche, ruhige Übernahme - ich übernehme Verantwortung dafür, dass meine Hunde nicht im Tunnel verschwinden (müssen).
Ein hochgefahrendes Nervensystem braucht fü mich also erstmal Führung und keine Rangkorrektur.
 
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Svenja
22. Feb. 11:30
Mal ein kleines Beispiel. Unsere Hüte-Lumi schläft bei uns im Schlafzimmer. Letzte Nacht hatte mein Sohn einen Albtraum und wollte bei mir schlafen. Mein Mann ist ins Teenie-Zimmer gewechselt. Heute morgen hat er sich dann total überschwänglich gefreut, dass Lumi ihn - für meine Begriffe schon leicht maßregelnd- begrüßt hat..Ja meine Süße, wie schön dass Du mich gleich so vermisst🙄😅.. Sie hütet uns..meckert auch immer kurz, wenn Familienmitglieder das Haus verlassen, versucht den winzigen Garten zu checken, bevor jemand aus der Familie rausgeht... Wie man raushört, wird das in unserer Familie unterschiedlich bewertet und auch unterschiedlich reagiert..
Wie im wahren Leben 😅
Danke für das Beispiel!
 
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Svenja
22. Feb. 11:41
Ich versuche die Antwort auf deine Fragen mal an meinen beiden festzumachen. Bei Neo habe ich irgendwann gemerkt, dass ich lange an Verhalten gearbeitet habe – Leinenreaktivität, Artgenossenaggression, Ressourcenthema. Er wurde dadurch aber letztlich nicht sicherer. Heute gehe ich anders vor. Wenn wir draußen unterwegs sind und ein fremder Hund auftaucht, übernehme ich frühzeitig und reguliere Abstand, entscheide Tempo und Richtung, ich halte den Rahmen klar. Und warte nicht, bis er hochfährt. Wenn er im Reiz ansprechbar bleibt - auch nur für einen Blickkontakt - bestätige ich genau das. Nicht einfach das erwünschte Verhalten, sondern die Orientierung unter Spannung. In der sozialen Interaktionsstunde geht es mir nicht primär um „Er muss da durch und lernen“, sondern um die Frage, ob er im Kontakt noch denken kann; ob er Spannung aushalten kann, ohne in Kontrolle zu gehen. Das beobachte ich gerade zunehmend und das ist für mich Kapazitätsaufbau. Bei Ivy ist es so, dass wenn sie im Wald Jagdreize bekommt, schießt ihr System sofort hoch oder besser über. Das ist ja kein Machtanspruch, sondern ein junges, hochmotiviertes Nervensystem mit wenig oder oft keiner Bremse. Aktuell geht es mit ihr nur sehr kleinschrittig: stehen bleiben, Reiz nicht weiter pushen, warten bis sie wieder neben mir ankommt. Nicht ziehen, nicht diskutieren - was natürlich nicht immer sauber gelingt aber ich bemühe mich☝️. Nach Regulation folgt dann wieder Bewegung. Ich trainiere also nicht das Jagen „weg“ sondern das „Zurückfinden“. Zur Status-These und Verwöhnen: Ich denke ich kann nachvollziehen, was du meinst, gerade bei Hunden, die viel kontrollieren oder wachen. Aber bei Neo sehe ich keinen Zusammenhang zwischen „Privilegien“ und Überforderung. Er schläft auf dem Sofa, bekommt Nähe, darf viel und war trotzdem deutlich stressanfälliger, als ich ihn stark mit Fokus auf „Ausbildung“ geführt habe. Er wurde nicht ruhiger, als ich ihm weniger „Privilegien“ gegeben habe, aber als ich ihm weniger Zuständigkeit zugemutet habe. Und Ivys Hochfahren hat auch nichts mit sozialem Status zu tun. Es ist genetische Motivation plus Impulsivität plus hohe Reizoffenheit. Wenn sie kippt, verliert sie Regulation. Für mich geht es daher weniger um Entzug von Privilegien, sondern um verlässliche, ruhige Übernahme - ich übernehme Verantwortung dafür, dass meine Hunde nicht im Tunnel verschwinden (müssen). Ein hochgefahrendes Nervensystem braucht fü mich also erstmal Führung und keine Rangkorrektur.
Danke für deine ausführliche Antwort.
Du beschäftigst dich auf einem hohen Niveau mit dem Stress deiner Hunde und deinem Umgang mit ihnen, so dass ich dir absolut glaube, dass in eurem Fall Privilegien keine Rolle spielen. Besonders beim Thema Jagen gibt es zwischen dem Stress, Wild wahrgenommen zu haben und Privilegien keinen Zusammenhang 😅
Ich denke da eher an die vielen Hunde, die ohne ihren Halter wahrzunehmen an der Leine ziehen, jeden anbellen, der sich nähert, zu Hause Besuch aggressiv angehen, wenn der Halter den Raum verlässt massiven Trennungsstess erleiden und die auf kaum eine Trainingsmethode ansprechen. Da geht es dann auch nicht um Rangkorrektur, sondern um eine Verschiebung der Zuständigkeiten, die aus eben dieser Vermenschlichung heraus entstanden ist.
Ich spüre schon Widerstand, der sich um das Thema Rangordnung und Dominanz, Alpha usw. dreht, und damit habe ich gerechnet.
Ich hoffe, es wird verstanden, worum es mir wirklich geht, wenn jeder richtig liest und sich nicht von Alpha Theorien getriggert fühlt.
 
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SandrA
22. Feb. 12:00
Danke für deine ausführliche Antwort. Du beschäftigst dich auf einem hohen Niveau mit dem Stress deiner Hunde und deinem Umgang mit ihnen, so dass ich dir absolut glaube, dass in eurem Fall Privilegien keine Rolle spielen. Besonders beim Thema Jagen gibt es zwischen dem Stress, Wild wahrgenommen zu haben und Privilegien keinen Zusammenhang 😅 Ich denke da eher an die vielen Hunde, die ohne ihren Halter wahrzunehmen an der Leine ziehen, jeden anbellen, der sich nähert, zu Hause Besuch aggressiv angehen, wenn der Halter den Raum verlässt massiven Trennungsstess erleiden und die auf kaum eine Trainingsmethode ansprechen. Da geht es dann auch nicht um Rangkorrektur, sondern um eine Verschiebung der Zuständigkeiten, die aus eben dieser Vermenschlichung heraus entstanden ist. Ich spüre schon Widerstand, der sich um das Thema Rangordnung und Dominanz, Alpha usw. dreht, und damit habe ich gerechnet. Ich hoffe, es wird verstanden, worum es mir wirklich geht, wenn jeder richtig liest und sich nicht von Alpha Theorien getriggert fühlt.
Vielleicht hilft es, wenn ich meine gedankliche Basis noch klarer benenne.

Die Perspektive von Jaak Panksepp und seinem SEEKING-System hat mich gedanklich echt sehr beeinflusst. Gerade bei Jagd, Wachsamkeit oder impulsivem Hochfahren hat mir das Modell neurobiologischer Aktivierung plus mangelnder Regulation geholfen meine Hunde in Erregungszuständen besser zu verstehen.

Das heißt aber nicht, dass ich Rangtheorien grundsätzlich ablehne oder mich davon „getriggert“ fühle 😅
Ich glaube durchaus, dass es Hundetypen gibt, gerade sehr selbstsichere, territorial oder statusmotiviert aggressive Typen, bei denen soziale Dynamiken stärker berücksichtigt werden müssen.

Ein Hund, der Ressourcen kontrolliert oder Menschen verteidigt, kann das aus unterschiedlichen inneren Zuständen tun, aber selbst wenn er statusmotiviert agiert läuft das Verhalten über neuronale Aktivierungssysteme.
Deshalb schaue ich zuerst gern auf das Erregungsniveau.
Und je nach Hund kann der soziale Faktor mehr oder weniger Gewicht bekommen.
 
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Svenja
22. Feb. 12:33
Vielleicht hilft es, wenn ich meine gedankliche Basis noch klarer benenne. Die Perspektive von Jaak Panksepp und seinem SEEKING-System hat mich gedanklich echt sehr beeinflusst. Gerade bei Jagd, Wachsamkeit oder impulsivem Hochfahren hat mir das Modell neurobiologischer Aktivierung plus mangelnder Regulation geholfen meine Hunde in Erregungszuständen besser zu verstehen. Das heißt aber nicht, dass ich Rangtheorien grundsätzlich ablehne oder mich davon „getriggert“ fühle 😅 Ich glaube durchaus, dass es Hundetypen gibt, gerade sehr selbstsichere, territorial oder statusmotiviert aggressive Typen, bei denen soziale Dynamiken stärker berücksichtigt werden müssen. Ein Hund, der Ressourcen kontrolliert oder Menschen verteidigt, kann das aus unterschiedlichen inneren Zuständen tun, aber selbst wenn er statusmotiviert agiert läuft das Verhalten über neuronale Aktivierungssysteme. Deshalb schaue ich zuerst gern auf das Erregungsniveau. Und je nach Hund kann der soziale Faktor mehr oder weniger Gewicht bekommen.
Ich vertrete keine Rangtheorien.
Ich glaube nur, bzw. ich habe viele Erfahrungen, die das stützen, dass ein vermenschlichender Umgang Hunde so überfordern kann, dass sie sich für vieles verantwortlich fühlen, was sie nicht verantworten können oder dürfen.
Und da sind es in der Regel die unsicheren, instabilen Hunde, die darunter am meisten leiden, weil sie - dafür gibt es viele wissenschaftliche Studien - am häufigsten ähnlich gestresste und instabile, ängstliche Halter haben, die den Hund aus diesen Gründen noch mehr umsorgen und ihm vermeintlich alles geben und erlauben, was er "braucht".
Ich beschäftige mich gerade mit dem Thema Möglichkeiten des Rückrufs jagender Hunde, wo das SEEKING System auch eine große Rolle spielt 👍🏻
 
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Julia 🐾Nero
22. Feb. 12:40
Ich will auch überhaupt nicht darauf hinaus, dass ich meinen Hund dominieren muss oder der Rudel Führer sein oder den Raum ständig verwalten muss oder sämtliche Ressourcen. Ich möchte nur wissen, wie diese These, dass Vermenschlichung im Sinne von unbegrenzten Privilegien (Ressourcen, ständige Aufmerksamkeit, keine Grenzen und Regeln usw.) einige Hundetypen massiv überfordert, andere sehen und was sie denken, warum. Oder ob sie - wie ich - vielleicht sogar schon die Erfahrung gemacht haben, wie sehr ein reaktiver, aggressiver Hund davon profitieren kann, diese Privilegien zurück zu fahren. Nicht um zu verhindern, dass er die Weltherrschaft erlangt, sondern um ihn zu entlasten.
Ich habe da ein aktuelles Beispiel für dich aus meinem Umfeld.

Eine Bekannte von mir hatte einen Zwergdackel, der nach Strich und Faden betüddelt und verwöhnt wurde. Ständig rumgetragen, gestreichelt und liebkost. Zweifelsfrei aus Liebe und Zuneigung und der Hund hat Frauchen natürlich auch innig geliebt. Aber es war ein sehr ängstlicher, zickiger, zitternder und teils auch aggressiver Hund.
Die Bekannte ist leider letztes Jahr unerwartet verstorben. Da niemand den Hund aufnehmen konnte, ist er über mehrere Ecken ins Ausland auf einen Pferdehof vermittelt worden.
Jetzt lebt dieser kleine Dackel tagsüber in der so verpönten Außenhaltung, bekommt 90% weniger Aufmerksamkeit und Liebkosung, ist den ganzen Tag dreckig auf dem Hof unterwegs und stöbert Mäuse und Ratten auf, die dann entweder vom ansässigen Schäferhund oder HSH Mix getötet werden.
Und aus der zitternden, ängstlichen Prinzessin auf der Erbse ist ein mutiger, selbstbewußter, ruhiger und sicherer Hund geworden.

Ich glaube wir verkennen massiv das Wesen und die Bedürfnisse von Hunden.
Und machen sie zu Junkies von Aufmerksamkeit und Liebkosung und Zuwendung, nicht anders als ein Ball Junkie. Weil wir nicht wissen, wie wir unsere Liebe gesund zeigen können. Eine gewisse emotionale Distanz ist gesund, oft endet Bestrebung nach "Bindung" in emotionaler Co-Abhängigkeit.

Ich weiß auch gar nicht, welcher Organismus, welches Nerven- und Hormonsystem mit so einer permanenten und überladenden Zuwendung umgehen kann.

Es gibt auch die Thesen der sogenannten sozialen Übersättigung, die zu antisozialem und aggressivem Verhalten führen soll.
Oder die These, dass Hunde anfangen Menschen nicht als Sozialpartner, sondern als Ressource wahrnehmen, die sie verteidigen. Nicht aus Schutzbedürfnis oder "Liebe", sondern aus Abhängigkeit von diesem Futterspender mit integrierter Massagefunktion, der beim Hund permanent das Dopaminsystem aktiviert.

Das hat jetzt leider wenig mit Status zu tun, aber ich dachte als Beispiel passt es trotzdem recht gut zu deiner Frage.

Ich tue mich mit Nero übrigens auch sehr schwer, ein gesunde Bindung und Distanz einzugehen. Unsere Beziehung ist emotional definitiv nicht gesund. Das befeuert garantiert viele seiner eh vorhandenen Problematiken.
 
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Svenja
22. Feb. 12:46
Ich habe da ein aktuelles Beispiel für dich aus meinem Umfeld. Eine Bekannte von mir hatte einen Zwergdackel, der nach Strich und Faden betüddelt und verwöhnt wurde. Ständig rumgetragen, gestreichelt und liebkost. Zweifelsfrei aus Liebe und Zuneigung und der Hund hat Frauchen natürlich auch innig geliebt. Aber es war ein sehr ängstlicher, zickiger, zitternder und teils auch aggressiver Hund. Die Bekannte ist leider letztes Jahr unerwartet verstorben. Da niemand den Hund aufnehmen konnte, ist er über mehrere Ecken ins Ausland auf einen Pferdehof vermittelt worden. Jetzt lebt dieser kleine Dackel tagsüber in der so verpönten Außenhaltung, bekommt 90% weniger Aufmerksamkeit und Liebkosung, ist den ganzen Tag dreckig auf dem Hof unterwegs und stöbert Mäuse und Ratten auf, die dann entweder vom ansässigen Schäferhund oder HSH Mix getötet werden. Und aus der zitternden, ängstlichen Prinzessin auf der Erbse ist ein mutiger, selbstbewußter, ruhiger und sicherer Hund geworden. Ich glaube wir verkennen massiv das Wesen und die Bedürfnisse von Hunden. Und machen sie zu Junkies von Aufmerksamkeit und Liebkosung und Zuwendung, nicht anders als ein Ball Junkie. Weil wir nicht wissen, wie wir unsere Liebe gesund zeigen können. Eine gewisse emotionale Distanz ist gesund, oft endet Bestrebung nach "Bindung" in emotionaler Co-Abhängigkeit. Ich weiß auch gar nicht, welcher Organismus, welches Nerven- und Hormonsystem mit so einer permanenten und überladenden Zuwendung umgehen kann. Es gibt auch die Thesen der sogenannten sozialen Übersättigung, die zu antisozialem und aggressivem Verhalten führen soll. Oder die These, dass Hunde anfangen Menschen nicht als Sozialpartner, sondern als Ressource wahrnehmen, die sie verteidigen. Nicht aus Schutzbedürfnis oder "Liebe", sondern aus Abhängigkeit von diesem Futterspender mit integrierter Massagefunktion, der beim Hund permanent das Dopaminsystem aktiviert. Das hat jetzt leider wenig mit Status zu tun, aber ich dachte als Beispiel passt es trotzdem recht gut zu deiner Frage. Ich tue mich mit Nero übrigens auch sehr schwer, ein gesunde Bindung und Distanz einzugehen. Unsere Beziehung ist emotional definitiv nicht gesund. Das befeuert garantiert viele seiner eh vorhandenen Problematiken.
Vielen Dank!!
Wenn ich Status nicht als Rang verstehe, sondern als das, zu dem ich gemacht werde, über das, was mir jeden Tag an Privilegien zuteil wird (Liebe, Rumgetragen werden, betüddeln usw.), dann passt das super gut und genau so war es auch gemeint. Danke, dass du das so viel besser formuliert hast, als ich.
Ich selber habe mich damals nämlich auch sehr schwer getan, Distanz zu wahren und mir auch ein aggressives Nervenbündel heran gezogen, das erst wirklich Hund wurde, als jemand, den ich sehr bewundert habe für seinen Umgang mit Hunden, mit mir Klartext gesprochen hat und eine Veränderung meines Verhaltens tolle Konsequenzen hatte.
 
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Katja
22. Feb. 12:59
Mit fällt da gerade diese Pinscherhündin (Püppi…?) bei Rütters Unvermittelbaren ein: Die wurde ja zuerst an zwei ältere Damen vermittelt, die sie sie mit Liebe überhäuft haben… und die sie dann wegen aller möglichen Probleme und zum Schluss Überforderung & Aggression wieder abgeben mussten.

Sie kam dann ja zu einer älteren Dame, die sie einfach Hund sein lassen hat: da kam doch Rütter mit seinem selbstgebackenen Kuchen an, Tür auf, Hund raus und weg. Er fragt irritiert, ob sich die Dame keine Sorgen macht… „nö, die macht nur kurz ne Runde und dann is‘sie wieder da! Hier ist auch kein Verkehr im Wohngebiet…“). Sprach‘s, schlappte Püppi zufrieden wieder um die Ecke: alles in Ordnung im Viertel! Dann ging es zum (durchaus interessanten, da Hund über die Couchlehne alles inspizieren musste) Kuchen-Essen. Alles entspannt.
Rütter war vollkommen fasziniert, wie sich die beiden zusammengerauft haben & sowohl Frauchen als auch Hund damit komplett zufrieden waren (von der vorherigen Aggression der Hündin keine Spur mehr!)…. obwohl gegen jegliche Konventionen a la „das macht man so mit Hunden!“.

Es braucht, meiner Meinung nach, echt einfach die richtige Kombi und dann sind beide glücklich, wenn man sich aufeinander einlässt… auch wenn dann für Außenstehende das Zusammenleben stellenweise etwas seltsam wirkt!😉

Für uns Training- und Hundevideo-Gläubige hier heißt das, denke ich: einfach auch mal dem Hund seinen Freiraum lassen und schauen was ihm gefällt bzw. ihn interessiert und das dann auch mal aufnehmen! 😀
Und dabei wirklich eher die Stimmungen lesen lernen als nur Verhalten steuern zu wollen… 🥴
 
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Svenja
22. Feb. 13:02
Mit fällt da gerade diese Pinscherhündin (Püppi…?) bei Rütters Unvermittelbaren ein: Die wurde ja zuerst an zwei ältere Damen vermittelt, die sie sie mit Liebe überhäuft haben… und die sie dann wegen aller möglichen Probleme und zum Schluss Überforderung & Aggression wieder abgeben mussten. Sie kam dann ja zu einer älteren Dame, die sie einfach Hund sein lassen hat: da kam doch Rütter mit seinem selbstgebackenen Kuchen an, Tür auf, Hund raus und weg. Er fragt irritiert, ob sich die Dame keine Sorgen macht… „nö, die macht nur kurz ne Runde und dann is‘sie wieder da! Hier ist auch kein Verkehr im Wohngebiet…“). Sprach‘s, schlappte Püppi zufrieden wieder um die Ecke: alles in Ordnung im Viertel! Dann ging es zum (durchaus interessanten, da Hund über die Couchlehne alles inspizieren musste) Kuchen-Essen. Alles entspannt. Rütter war vollkommen fasziniert, wie sich die beiden zusammengerauft haben & sowohl Frauchen als auch Hund damit komplett zufrieden waren (von der vorherigen Aggression der Hündin keine Spur mehr!)…. obwohl gegen jegliche Konventionen a la „das macht man so mit Hunden!“. Es braucht, meiner Meinung nach, echt einfach die richtige Kombi und dann sind beide glücklich, wenn man sich aufeinander einlässt… auch wenn dann für Außenstehende das Zusammenleben stellenweise etwas seltsam wirkt!😉 Für uns Training- und Hundevideo-Gläubige hier heißt das, denke ich: einfach auch mal dem Hund seinen Freiraum lassen und schauen was ihm gefällt bzw. ihn interessiert und das dann auch mal aufnehmen! 😀 Und dabei wirklich eher die Stimmungen lesen lernen als nur Verhalten steuern zu wollen… 🥴
Amen!
 
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Julia 🐾Nero
22. Feb. 13:07
Vielen Dank!! Wenn ich Status nicht als Rang verstehe, sondern als das, zu dem ich gemacht werde, über das, was mir jeden Tag an Privilegien zuteil wird (Liebe, Rumgetragen werden, betüddeln usw.), dann passt das super gut und genau so war es auch gemeint. Danke, dass du das so viel besser formuliert hast, als ich. Ich selber habe mich damals nämlich auch sehr schwer getan, Distanz zu wahren und mir auch ein aggressives Nervenbündel heran gezogen, das erst wirklich Hund wurde, als jemand, den ich sehr bewundert habe für seinen Umgang mit Hunden, mit mir Klartext gesprochen hat und eine Veränderung meines Verhaltens tolle Konsequenzen hatte.
Finde ich toll, dass du das nicht nur hören, sondern auch umsetzen konntest.

Die zweite Hundetrainerin bei der ich war, eine Diplom Biologin, hat auch Tacheles mit mir geredet und mir gesagt, dass mein Umgang überhaupt nicht zu meinem Hund passt und dass das ernsthafte und vermutlich auch gefährliche Konsequenzen haben wird.
Sie hat sogar sinngemäß gesagt, dass ich meinen Umgang entweder drastisch ändern muss, oder den Hund schnellstmöglich abgeben soll.
Damals wollte ich es nicht hören. Jetzt verstehe ich es rational, kann es aber emotional nicht umsetzen.
Zugegeben, alle Trainer, bei denen wir waren, haben bestätigt, dass ich kein einfaches Exemplar einer eh anspruchsvollen Rasse erwischt habe. Aber unsere toxische, distanzlose, emotiale Co-Abhängigkeit ist alles andere als hilfreich.