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Svenja
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Anzahl der Antworten 238
heute 05:26

Stress bei Hunden durch Vermenschlichung?

Ich wage mich nun doch in die Höhle die Löwen und erstelle einen Thread. Ich hoffe, es gelingt, sich nicht persönlich angegriffen oder gekränkt zu fühlen und die eigene Meinung zu vertreten, ohne die mögliche Gegenseite abzuwerten. Was meiner Meinung nach dabei helfen kann, ist sich immer zu fragen, warum mich Kommentare so emotional machen. - Hat es etwas mit mir selber zu tun? - habe ich Erfahrungen mit dem Schreibenden und kann es sein, dass ich ihn deshalb in der neuen Situation vorverurteile? - Warum kann ich die Meinung des anderen nicht akzeptieren? Geht es wirklich um die Sache an sich oder um mich als Person? Das Thema Stress bei Hunden wird hier immer wieder thematisiert, was ich grundsätzlich echt gut finde. Mir fällt dabei aber oft auf, dass der größte Stressfaktor, nämlich Stress durch Überforderung, die aus Vermenschlichung resultiert, völlig übersehen wird. Hunde funktionieren anders als Menschen. Ist das jedem wirklich bewusst? - Was sind für euch die größten Stressauslöser? - Zeigen eure Hunde Verhaltensauffälligkeiten wie Reaktivitat oder Ängste, Aggressionen? Was ist für euch die Ursache? -Hören sie draußen im Freilauf auf euch? Oder laufen sie nie frei? Warum nicht? Ich fand dazu einen Artikel, der meine Sicht und Erfahrung dazu ganz gut wiedergibt. Ich möchte hier niemanden vorführen, anprangern oder angreifen. Niemand muss sich hier zu Wort melden, wenn er nicht offen für diese Reflektion ist. Zitat aus: https://www.odt.co.nz/star-news/star-lifestyle/pampered-pets-may-become-anxious-behaviourist-says Rena“ (nicht ihr richtiger Name) schläft auf Seidenkissen zwischen den Köpfen ihrer Besitzer, trinkt aus deren Wassergläsern und zerstört Haushaltsgegenstände wie Topfpflanzen und Kissen, wenn sie zu lange allein gelassen wird. Oft sitzt sie mit der Familie am Esstisch; wenn sie sich auf die Couch legt, rücken alle zusammen, um ihr mehr Platz zu geben. Ihr veganes, getreidebasiertes Futter (plus Leckerlis) kostet fast so viel wie der wöchentliche Supermarkteinkauf, ihre Tierarztkosten haben sich bereits auf Tausende von Dollar belaufen (Hüftprobleme) und ihre Besuche beim Hundefriseur sind teurer als ein Haarschnitt für einen Menschen. Sie besitzt eine ganze Garderobe. Die vierjährige schwarze Cockapoo-Hündin (eine Mischung aus Cocker Spaniel und Zwergpudel) ist zweifellos ein verwöhnter Hund. Aber sie ist damit keineswegs allein. Die Bevorzugung von Haustieren ist ein weltweites Phänomen, das sich während der Pandemie noch verstärkte, da Lockdowns einsame Menschen dazu veranlassten, sich Hunde als Begleiter anzuschaffen. Verschärft wurde dies durch den Trend, Designerhunde mit kindlichen Merkmalen (große Augen, kurze Nasen, runde Gesichter) zu züchten, die die Herzen der Menschen erobern sollen. Hinzu kommt ein zunehmendes Misstrauen gegenüber der Menschheit, wodurch Hunde als Freunde umso erstrebenswerter erscheinen. Hunde sind loyal, sie verurteilen uns nicht, und Studien belegen, dass sie die körperliche und seelische Gesundheit und das Wohlbefinden ihrer Besitzer verbessern. Daraus folgt dann sicherlich, dass sie im Gegenzug verwöhnt werden sollten. Das sieht die Hundeverhaltensforscherin und Autorin Selina McIntyre aus Matamata anders. Sie arbeitet seit fast 20 Jahren mit Hunden und ihren Besitzern und hat dabei alle Facetten der Mensch-Hund-Beziehung miterlebt. McIntyre liebt Hunde und hatte im Laufe ihres Lebens schon viele, darunter ihre beiden Border Terrier Trev und Lily („echte Charaktere, die zu kleinen Rabauken werden können, wenn sie nicht genug Auslauf bekommen“). Sie stimmt voll und ganz zu, dass Hunde zur Familie gehören und Menschen eine emotionale Bindung zu ihnen haben. Aber damit enden die Gemeinsamkeiten auch schon. „Hunde sind Tiere. Sie gehören einer anderen Spezies an. Egal, wie niedlich sie auch aussehen mögen, sie bleiben Hunde. Wenn wir sie nicht als Hunde behandeln, tun wir ihnen Unrecht“, sagt sie. „Wenn wir annehmen, dass sie denken und handeln wie wir, sehen wir sie nur aus unserer eigenen Perspektive. Zu glauben, man mache seinen Hund glücklich, indem man ihm alle möglichen Leckerlis kauft und ihn im Bett schlafen lässt, bedeutet, ihn wie einen Menschen zu behandeln, was er definitiv nicht ist.“ Sie sagt, wenn Besitzer über die Bedürfnisse ihrer Hunde sprechen („Schau dir diese Augen an, wie könnte man ihm widerstehen?“), spiegeln sie damit oft ihre eigenen Bedürfnisse wider. Sie könnten einsam oder ängstlich sein oder Zuneigung und Schutz suchen. Manche sind vielleicht allein zu Hause, oder ein Partner arbeitet lange, sodass eine größere Abhängigkeit von einem vierbeinigen Begleiter entsteht. Wenn der Hund ihnen ständig von der Seite weicht, sagen sie vielleicht Dinge wie: „Sie ist sehr anhänglich“ oder „Er klebt förmlich an ihr“. Sie sagt jedoch, dass man Hunden niemals menschliche Formen, Verhaltensweisen und Emotionen zuschreiben oder ihnen die gleichen Rechte und Privilegien wie Menschen gewähren sollte. „Wenn einem Hund aufs Wort jeder Wunsch erfüllt wird, steigt sein sozialer Status über den seiner menschlichen Besitzer. Ein Hund, der mit den Menschen am Tisch isst, in ihrem Bett schläft oder sich auf der Sofalehne über dem Kopf seines Besitzers positioniert, fühlt sich privilegiert und gleicht eher dem König oder der Königin des Hauses. Physische Bevorzugung kann mit sozialer Bevorzugung einhergehen. Der Hund glaubt dann, er sei das wichtigste Lebewesen im Haus.“ Hoher Status bringt eine große Verantwortung mit sich. Laut McIntyre kann das bei Hunden zu übermäßiger Ängstlichkeit führen. „Verwöhnte Hunde schlafen möglicherweise mit einem Ohr gespitzt, um auf Bedrohungen zu achten. Sie fühlen sich ihren Besitzern jederzeit verantwortlich. Sie können große Trennungsangst entwickeln, wenn ihr Mensch den Raum oder das Haus verlässt. Diese Angst kann zu unaufhörlichem Bellen, Winseln, Zerstörung von Gegenständen oder Hin- und Herlaufen am Zaun führen, während sie auf die Rückkehr ihrer Besitzer warten.“ Hunde brauchen Zuneigung, keine Bewunderung, sagt sie. „Hunde müssen wissen, dass ihr Platz im Haus sicher ist, aber sie dürfen nicht das Gefühl haben, für ihre Besitzer verantwortlich sein zu müssen. Man kann ein Tier nicht immer nur aus menschlicher Sicht betrachten. Ein Hund ist eine andere Spezies. Es sind Tiere, um die wir uns kümmern, keine Babys, die wir erziehen.“ Selina McIntyres Tipps für die Bedürfnisse eines Hundes - Zweimal täglich Spaziergänge (auch mit kleinen Hunden) außerhalb Ihres Grundstücks - Sicherheit (das Gefühl, nicht für jede Bewegung seiner Besitzer verantwortlich zu sein) - Verständnis und Wertschätzung der Hundewelt, einschließlich der Art und Weise, wie Hunde in verschiedenen Situationen kommunizieren und sich verhalten - Sozialisierung (entscheidend in den ersten 16 Wochen), um „neue“ Situationen und eine Reihe unterschiedlicher Menschen und Umgebungen kennenzulernen. - Geistige Anregung, unter anderem durch Spiel - Zuneigung, nicht Bewunderung - Grenzen (was ist angemessenes und unangemessenes Verhalten?) - Die Freiheit, hundespezifische Verhaltensweisen wie Futtersuche und Erkundung auszuleben. - Zeit und Geduld, um neue Verhaltensweisen zu erlernen, insbesondere bei älteren Hunden - Wie ein Hund geschätzt zu werden.
 
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Kirsten
24. Feb. 09:15
Ich sehe, dass meine knappe Nachricht möglicherweise zu missverständlichen Interpretationen einlädt.
Mir ging es nicht um Pauschalisierungen, Schuldfrage oder gar eine Diagnostik vom Hund aus über den Halter. Das wäre Quatsch, da pflichte ich euch bei 👍

Die verlinkte Studie empfinde ich als unheimlich interessant, besonders in den Punkten Bindungsverhalten und Neurotizismus bei Hund und Halter. Nicht als Pathologisierung, sondern als ein möglicher Ansatzpunkt unter vielen für Reflexion bei interessierten Haltern.

In diesem Zitat hier finde ich einige von Svenjas Punkten wieder, die sie anfangs geschildert hat und es klingt für mich nach einem guten Gedankenanstoß (nicht im Sinne einer einziger Ursache, ich hoffe, ihr versteht mich 😁)
„Demnach führt ängstliche elterliche Bindung nicht zu einem Mangel an elterlicher Feinfühligkeit/Reaktionsfähigkeit, sondern vielmehr zu einer geringeren Autonomieunterstützung/Nicht-Aufdringlichkeit.“
Das deckt sich ja auch mit dem was hier angesprochen wurde, dass Menschen möglicherweise sowohl durch übermäßige Kontrolle als auch durch das was hier als übermäßige Nähe angesprochen wird, vielmehr versuchen ihr eigenes System wieder regulieren zu können.

Auch im Bezug auf Sandras These, am Anfang dieses Threads, die ich so verstanden habe, dass es weniger um Häufigkeit von Näheerfahrungen geht, sondern welche neurobiologischen Systeme dabei aktiv werden (Dopamin- vs. Serotoninausschüttung).
„Hundehalter, deren Hunde möglicherweise zu Bindungsstörungen neigen, könnten für die Notwendigkeit einer beständigen und zuverlässigen Zuwendung zu ihrem Hund sensibilisiert werden.“
Spannender Punkt in meinem Augen.

Auch die in der Studie angesprochene Arbeit am Selbstverständnis des Menschen und Modifizierung von eigenen Bindungsmustern wirft in meinen Augen sowohl Möglichkeiten als auch Fragen auf. (Welche fachliche Stelle soll das leisten? Oder wie soll eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen fachlichen Stellen gestaltet werden? Ein solches Graben in der Psyche des Halters ist vielleicht oft auch gar nicht erwünscht und kann zu heftigem Widerstand führen.
Allein der Thread hier inklusive vieler Kommentare (einschließlich diesem hier) hat Potenzial kognitive Dissonanz mittels Identitätsbotschaften bei Haltern auszulösen. Das scheint mir hier auch der „elephant in the room“ zu sein.)

Mir ist schon klar, dass ich hier sehr wahrscheinlich wieder mit Psychologisierung des Alltag anecke 😬 Ich kann auch verstehen, dass das nicht so das Ding vieler Leute hier ist.
Ich finde es insgesamt einfach sehr spannend, weil Bindung immer wieder ein großes Thema in der Hundebubble ist, das jeden betrifft und in Kommentaren häufig eine Art unbeabsichtigte Mystifizierung stattfindet.
 
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Svenja
24. Feb. 09:47
Ich sehe, dass meine knappe Nachricht möglicherweise zu missverständlichen Interpretationen einlädt. Mir ging es nicht um Pauschalisierungen, Schuldfrage oder gar eine Diagnostik vom Hund aus über den Halter. Das wäre Quatsch, da pflichte ich euch bei 👍 Die verlinkte Studie empfinde ich als unheimlich interessant, besonders in den Punkten Bindungsverhalten und Neurotizismus bei Hund und Halter. Nicht als Pathologisierung, sondern als ein möglicher Ansatzpunkt unter vielen für Reflexion bei interessierten Haltern. In diesem Zitat hier finde ich einige von Svenjas Punkten wieder, die sie anfangs geschildert hat und es klingt für mich nach einem guten Gedankenanstoß (nicht im Sinne einer einziger Ursache, ich hoffe, ihr versteht mich 😁) „Demnach führt ängstliche elterliche Bindung nicht zu einem Mangel an elterlicher Feinfühligkeit/Reaktionsfähigkeit, sondern vielmehr zu einer geringeren Autonomieunterstützung/Nicht-Aufdringlichkeit.“ Das deckt sich ja auch mit dem was hier angesprochen wurde, dass Menschen möglicherweise sowohl durch übermäßige Kontrolle als auch durch das was hier als übermäßige Nähe angesprochen wird, vielmehr versuchen ihr eigenes System wieder regulieren zu können. Auch im Bezug auf Sandras These, am Anfang dieses Threads, die ich so verstanden habe, dass es weniger um Häufigkeit von Näheerfahrungen geht, sondern welche neurobiologischen Systeme dabei aktiv werden (Dopamin- vs. Serotoninausschüttung). „Hundehalter, deren Hunde möglicherweise zu Bindungsstörungen neigen, könnten für die Notwendigkeit einer beständigen und zuverlässigen Zuwendung zu ihrem Hund sensibilisiert werden.“ Spannender Punkt in meinem Augen. Auch die in der Studie angesprochene Arbeit am Selbstverständnis des Menschen und Modifizierung von eigenen Bindungsmustern wirft in meinen Augen sowohl Möglichkeiten als auch Fragen auf. (Welche fachliche Stelle soll das leisten? Oder wie soll eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen fachlichen Stellen gestaltet werden? Ein solches Graben in der Psyche des Halters ist vielleicht oft auch gar nicht erwünscht und kann zu heftigem Widerstand führen. Allein der Thread hier inklusive vieler Kommentare (einschließlich diesem hier) hat Potenzial kognitive Dissonanz mittels Identitätsbotschaften bei Haltern auszulösen. Das scheint mir hier auch der „elephant in the room“ zu sein.) Mir ist schon klar, dass ich hier sehr wahrscheinlich wieder mit Psychologisierung des Alltag anecke 😬 Ich kann auch verstehen, dass das nicht so das Ding vieler Leute hier ist. Ich finde es insgesamt einfach sehr spannend, weil Bindung immer wieder ein großes Thema in der Hundebubble ist, das jeden betrifft und in Kommentaren häufig eine Art unbeabsichtigte Mystifizierung stattfindet.
Wieder so ein Kommentar, für den sich der Schritt in die Höhle des Löwen mehr als gelohnt hat, danke dafür 🙂
Den Elefanten im Raum habe ich kommen sehen, daher schrieb ich schon im Eingangstext, dass ich niemanden angreifen oder vorführen möchte und sich niemand beteiligen muss, der sich der Reflexion nicht stellen möchte.
Ich habe auch gestern versucht, ihm die "Macht" zu nehmen, indem ich die Hosen runter gelassen habe, dass ich sehr wohl weiß, dass mein Bindungsverhalten gegenüber meiner alten, kranken und niedlichen Hündin, die mich durch viele - auch psychisch - sehr turbulente Zeiten begleitet hat, zu Beziehungsproblemen führt, die klar durch mein Verhalten ausgelöst werden.
Ich finde das nämlich unfassbar spannend und auch üüüberhaupt nicht schlimm, Teil solcher Dynamik zu sein und es ist sehr hilfreich und lehrreich, sie zu durchschauen.
 
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SandrA
24. Feb. 10:02
Ich sehe, dass meine knappe Nachricht möglicherweise zu missverständlichen Interpretationen einlädt. Mir ging es nicht um Pauschalisierungen, Schuldfrage oder gar eine Diagnostik vom Hund aus über den Halter. Das wäre Quatsch, da pflichte ich euch bei 👍 Die verlinkte Studie empfinde ich als unheimlich interessant, besonders in den Punkten Bindungsverhalten und Neurotizismus bei Hund und Halter. Nicht als Pathologisierung, sondern als ein möglicher Ansatzpunkt unter vielen für Reflexion bei interessierten Haltern. In diesem Zitat hier finde ich einige von Svenjas Punkten wieder, die sie anfangs geschildert hat und es klingt für mich nach einem guten Gedankenanstoß (nicht im Sinne einer einziger Ursache, ich hoffe, ihr versteht mich 😁) „Demnach führt ängstliche elterliche Bindung nicht zu einem Mangel an elterlicher Feinfühligkeit/Reaktionsfähigkeit, sondern vielmehr zu einer geringeren Autonomieunterstützung/Nicht-Aufdringlichkeit.“ Das deckt sich ja auch mit dem was hier angesprochen wurde, dass Menschen möglicherweise sowohl durch übermäßige Kontrolle als auch durch das was hier als übermäßige Nähe angesprochen wird, vielmehr versuchen ihr eigenes System wieder regulieren zu können. Auch im Bezug auf Sandras These, am Anfang dieses Threads, die ich so verstanden habe, dass es weniger um Häufigkeit von Näheerfahrungen geht, sondern welche neurobiologischen Systeme dabei aktiv werden (Dopamin- vs. Serotoninausschüttung). „Hundehalter, deren Hunde möglicherweise zu Bindungsstörungen neigen, könnten für die Notwendigkeit einer beständigen und zuverlässigen Zuwendung zu ihrem Hund sensibilisiert werden.“ Spannender Punkt in meinem Augen. Auch die in der Studie angesprochene Arbeit am Selbstverständnis des Menschen und Modifizierung von eigenen Bindungsmustern wirft in meinen Augen sowohl Möglichkeiten als auch Fragen auf. (Welche fachliche Stelle soll das leisten? Oder wie soll eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen fachlichen Stellen gestaltet werden? Ein solches Graben in der Psyche des Halters ist vielleicht oft auch gar nicht erwünscht und kann zu heftigem Widerstand führen. Allein der Thread hier inklusive vieler Kommentare (einschließlich diesem hier) hat Potenzial kognitive Dissonanz mittels Identitätsbotschaften bei Haltern auszulösen. Das scheint mir hier auch der „elephant in the room“ zu sein.) Mir ist schon klar, dass ich hier sehr wahrscheinlich wieder mit Psychologisierung des Alltag anecke 😬 Ich kann auch verstehen, dass das nicht so das Ding vieler Leute hier ist. Ich finde es insgesamt einfach sehr spannend, weil Bindung immer wieder ein großes Thema in der Hundebubble ist, das jeden betrifft und in Kommentaren häufig eine Art unbeabsichtigte Mystifizierung stattfindet.
Kirsten, ich schätze deine differenzierten Gedankengänge sehr. Sie laden mich immer wieder ein, selbst noch einmal genauer hinzuschauen und Dinge weiterzudenken. ☺️
Ich erlebe das nicht als Psychologisierung des Alltags, sondern als ernsthafte Reflexion und eben das mag ich daran.🤗

Dein Punkt mit der „geringeren Autonomieunterstützung“ hat bei mir auch angedockt. Das passt für mich gut zu dem, was hier mehrfach beschrieben wurde, dass nicht fehlende/zu viel Zuwendung per Se problematisch ist, sondern manchmal eben jene Form von Nähe oder Kontrolle, die weniger dem Hund dient als der Regulation des inneren Zustands des Hslters.

Und da erkenne ich mich durchaus wieder. Bei Neo war ich lange sehr bemüht, sehr kontrollierend, sehr im „Es muss funktionieren“. Das hatte weniger mit fehlender Bindung zu tun, sondern eher mit meinem eigenen Druck. Dass er stabiler wurde war kein magischer Trainingsmoment, sondern eher ein Beziehungsthema (und Ergebnis von Selbstreflketion☝️).

Genau wie du, finde ich es wichtig, das Ganze nicht in Richtung Schuld oder Pathologisierung zu drehen. Bindungsstil ist kein Etikett, sondern ein Muster, das im Kontakt/in der Interaktion sichtbar wird - aber es kann sich verändern. Und darum ist es enorm hilfreich, Wechselwirkungen bewusster wahrzunehmen.

Ich finde auch deine Gedanken zur Selbstreflexion treffend: Wo unterstütze ich Autonomie und wo reguliere ich vielleicht mich selbst über den Hund? Wo bin ich wirklich feinfühlig und wo evtl (unbewusst) übergriffig?

Das sind oft unbequeme, aber so wertvolle Fragen und ich glaube auch, sie führen eher zu mehr Verantwortung als zu Schuld.☺️
 
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Babs
24. Feb. 10:16
Nochmal etwas konkreter zur Vermenschlichung. Wie seht ihr das Thema ein Hund braucht Hundefreunde und will spielen bei Hunden jenseits des Junghundalters?
Also, ich denke, dass man differenzieren sollte. Ich bin schon der Auffassung, dass Hundekontakte wichtig sind. Ein guter Kumpel kann nicht schaden 😉. Hunde sind erst mal keine Einzelgänger und zeigen durchaus Sozialverhalten. In diesem Rahmen zeigen sie, ob sie Kontakt zu einem anderen Hund haben möchten oder nicht. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Das Problem ist, dass gerne das "Spielen " vermenschlicht wird. Aussagen wie:" Der will nur spielen." sind oberflächlich. Besser wäre da zu sagen:" Mein Hund möchte gerne mal Kontakt aufnehmen." Was dann daraus wird, entscheiden die Hunde selber. Auch erwachsene Hunde gehen gerne mal in ein "Spiel", wenn es passt.
Mein Rüde ist einer, der gerne Kontakt aufnimmt, aber dann entscheidet, wie es weiter geht. Braucht der andere ein wenig Erziehung, entsteht durch die Kontaktaufnahme eine sexuelle Motivation weiter im Kontakt zu bleiben, oder merken die Hunde schnell eine spaßige gemeinsame Ebene (da hat mein Rüde 2 Kumpels, die ihm auch gut tun, da sie sich schlichtweg gut verstehen) oder ist der andere Kontakt eher langweilig und uninteressant.
Meine erwachsene Hündin spielt 2 mal im Jahr mit meinem Rüden, findet die meissten Hunden eher blöd, aber sie findet auch einige Hunde interessant/spannend. Aber wen sie blöd findet oder wen sie interessant findet, entscheidet sie selber.
 
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Renate
24. Feb. 10:17
Ich würde sagen, man kann einen Hund auf dem Sofa oder im Bett schlafen lassen, ihn mit Leckerlies verwöhnen und auch die HundefriseurIn angemessen bezahlen (sie macht ihre Arbeit und hat oft schwierige „Kunden“) ohne den Hund dabei zu vermenschlichen. Man kann alles übertreiben, auch das Gegenteil von verwöhnen. Die speziellen Bedürfnisse sollten im Vordergrund stehen und ja, man muss dem Hund Grenzen aufzeigen. Beobachte deinen Hund und du wirst erkennen, ob es ihm wirklich gut geht, oder ob er sich erdrückt, gestresst oder überfordert fühlt. Wenn der Hund auffällig wird ist es höchste Zeit sein eigenes Verhalten zu überprüfen.
Das ähnliche Phänomen gibt es doch auch bei der Kindererziehung, verwöhnen führt häufig zur Überforderung.
 
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Gabriele
24. Feb. 10:56
Ich würde sagen, man kann einen Hund auf dem Sofa oder im Bett schlafen lassen, ihn mit Leckerlies verwöhnen und auch die HundefriseurIn angemessen bezahlen (sie macht ihre Arbeit und hat oft schwierige „Kunden“) ohne den Hund dabei zu vermenschlichen. Man kann alles übertreiben, auch das Gegenteil von verwöhnen. Die speziellen Bedürfnisse sollten im Vordergrund stehen und ja, man muss dem Hund Grenzen aufzeigen. Beobachte deinen Hund und du wirst erkennen, ob es ihm wirklich gut geht, oder ob er sich erdrückt, gestresst oder überfordert fühlt. Wenn der Hund auffällig wird ist es höchste Zeit sein eigenes Verhalten zu überprüfen. Das ähnliche Phänomen gibt es doch auch bei der Kindererziehung, verwöhnen führt häufig zur Überforderung.
Deine Ansicht finde ich sehr gut. Ich beobachte des öfteren das einige Leute, mit ihren "Fellbaby oder Prinz/Prinzessin", ihr Verhalten als das einzig richtige ansehen und nicht bereit sind mal darüber Nachzudenken warum ihr Hund sich so chaotisch verhält. Da das Bedürfnis nach Sicherheit (gewährleistet durch Grenzen setzen) stabilität bedeutet.
 
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SandrA
24. Feb. 11:01
Also, ich denke, dass man differenzieren sollte. Ich bin schon der Auffassung, dass Hundekontakte wichtig sind. Ein guter Kumpel kann nicht schaden 😉. Hunde sind erst mal keine Einzelgänger und zeigen durchaus Sozialverhalten. In diesem Rahmen zeigen sie, ob sie Kontakt zu einem anderen Hund haben möchten oder nicht. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Das Problem ist, dass gerne das "Spielen " vermenschlicht wird. Aussagen wie:" Der will nur spielen." sind oberflächlich. Besser wäre da zu sagen:" Mein Hund möchte gerne mal Kontakt aufnehmen." Was dann daraus wird, entscheiden die Hunde selber. Auch erwachsene Hunde gehen gerne mal in ein "Spiel", wenn es passt. Mein Rüde ist einer, der gerne Kontakt aufnimmt, aber dann entscheidet, wie es weiter geht. Braucht der andere ein wenig Erziehung, entsteht durch die Kontaktaufnahme eine sexuelle Motivation weiter im Kontakt zu bleiben, oder merken die Hunde schnell eine spaßige gemeinsame Ebene (da hat mein Rüde 2 Kumpels, die ihm auch gut tun, da sie sich schlichtweg gut verstehen) oder ist der andere Kontakt eher langweilig und uninteressant. Meine erwachsene Hündin spielt 2 mal im Jahr mit meinem Rüden, findet die meissten Hunden eher blöd, aber sie findet auch einige Hunde interessant/spannend. Aber wen sie blöd findet oder wen sie interessant findet, entscheidet sie selber.
Da gehe ich absolut mit ☺️

Auch bzgl Sozialkontakte bin ich in den letzten Jahren um einiges entspannter geworden.
Lange habe ich geglaubt, ich müsste bei Neo „mehr Sozialverträglichkeit“ herstellen. Mehr Kontakte ermöglichen, mehr oder überhaupt Spiel und mehr positive Erfahrungen initiieren. Und wenn das nicht gelang, fühlte es sich wie Scheitern an - seines oder meines.

Heute sehe ich das anders.
Neo kann „hündisch“. Das weiß ich inzwischen. In kontrollierten Settings, in denen er frei kommunizieren darf, ist er klar, deutlich und durchaus kompetent - auf seine Art. Zuhause und mit Ivy ist er so, wie man sich einen erwachsenen Rüden wünscht. Aber er möchte keinen engen Kontakt zu fremden Hunden. Klar kommuniziert er, aber das dient stets dazu, Distanz herzustellen, nicht Nähe aufzubauen.

Und das ist okay.🤷‍♀️

Ich muss ihn nicht zu einem „geselligen“ Hund machen, wenn er keiner sein will. Interaktion heißt ja nicht automatisch Spiel oder Nähe, manchmal heißt sie eben: „Bleib weg.“

Seit ich das akzeptiere, ist viel Druck raus. Kein Versagen, kein „wir müssen das noch üben“, sondern ein realistischer Blick auf seinen Typ.

Ivy ist da wieder anders. Sie ist neugieriger, schneller im Kontakt, motivierter. Sie hat einfach ein völlig anderes Temperament.

Ich denke auch, dass Hundekontakte wichtig sind, aber nicht im Sinne eines sozialen Pflichtprogramms. Wichtig ist, dass der Hund kommunizieren darf und seine Präferenzen/sein Charakter respektiert werden.
 
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Steffi
24. Feb. 11:05
Da gehe ich absolut mit ☺️ Auch bzgl Sozialkontakte bin ich in den letzten Jahren um einiges entspannter geworden. Lange habe ich geglaubt, ich müsste bei Neo „mehr Sozialverträglichkeit“ herstellen. Mehr Kontakte ermöglichen, mehr oder überhaupt Spiel und mehr positive Erfahrungen initiieren. Und wenn das nicht gelang, fühlte es sich wie Scheitern an - seines oder meines. Heute sehe ich das anders. Neo kann „hündisch“. Das weiß ich inzwischen. In kontrollierten Settings, in denen er frei kommunizieren darf, ist er klar, deutlich und durchaus kompetent - auf seine Art. Zuhause und mit Ivy ist er so, wie man sich einen erwachsenen Rüden wünscht. Aber er möchte keinen engen Kontakt zu fremden Hunden. Klar kommuniziert er, aber das dient stets dazu, Distanz herzustellen, nicht Nähe aufzubauen. Und das ist okay.🤷‍♀️ Ich muss ihn nicht zu einem „geselligen“ Hund machen, wenn er keiner sein will. Interaktion heißt ja nicht automatisch Spiel oder Nähe, manchmal heißt sie eben: „Bleib weg.“ Seit ich das akzeptiere, ist viel Druck raus. Kein Versagen, kein „wir müssen das noch üben“, sondern ein realistischer Blick auf seinen Typ. Ivy ist da wieder anders. Sie ist neugieriger, schneller im Kontakt, motivierter. Sie hat einfach ein völlig anderes Temperament. Ich denke auch, dass Hundekontakte wichtig sind, aber nicht im Sinne eines sozialen Pflichtprogramms. Wichtig ist, dass der Hund kommunizieren darf und seine Präferenzen/sein Charakter respektiert werden.
Danke, liebe Sandra, für den Inhalt, der mir persönlich sehr weiterhilft und Kompliment für Deinen Schreibstil.
 
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SandrA
24. Feb. 11:15
Danke, liebe Sandra, für den Inhalt, der mir persönlich sehr weiterhilft und Kompliment für Deinen Schreibstil.
Vielen lieben Dank, Steffi, es freut mich sehr, wenn für dich was hilfreiches dabei ist ☺️
 
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Svenja
24. Feb. 11:26
Da gehe ich absolut mit ☺️ Auch bzgl Sozialkontakte bin ich in den letzten Jahren um einiges entspannter geworden. Lange habe ich geglaubt, ich müsste bei Neo „mehr Sozialverträglichkeit“ herstellen. Mehr Kontakte ermöglichen, mehr oder überhaupt Spiel und mehr positive Erfahrungen initiieren. Und wenn das nicht gelang, fühlte es sich wie Scheitern an - seines oder meines. Heute sehe ich das anders. Neo kann „hündisch“. Das weiß ich inzwischen. In kontrollierten Settings, in denen er frei kommunizieren darf, ist er klar, deutlich und durchaus kompetent - auf seine Art. Zuhause und mit Ivy ist er so, wie man sich einen erwachsenen Rüden wünscht. Aber er möchte keinen engen Kontakt zu fremden Hunden. Klar kommuniziert er, aber das dient stets dazu, Distanz herzustellen, nicht Nähe aufzubauen. Und das ist okay.🤷‍♀️ Ich muss ihn nicht zu einem „geselligen“ Hund machen, wenn er keiner sein will. Interaktion heißt ja nicht automatisch Spiel oder Nähe, manchmal heißt sie eben: „Bleib weg.“ Seit ich das akzeptiere, ist viel Druck raus. Kein Versagen, kein „wir müssen das noch üben“, sondern ein realistischer Blick auf seinen Typ. Ivy ist da wieder anders. Sie ist neugieriger, schneller im Kontakt, motivierter. Sie hat einfach ein völlig anderes Temperament. Ich denke auch, dass Hundekontakte wichtig sind, aber nicht im Sinne eines sozialen Pflichtprogramms. Wichtig ist, dass der Hund kommunizieren darf und seine Präferenzen/sein Charakter respektiert werden.
Ich erlebe es oft, dass Hunde, die Artgenossen auf Abstand halten wollen, sich ziemlich gebärden und allen klar machen, haut ab.
Manchmal kommen sie dann aber durch ein Hintertürchen zurück, wenn man ihnen wirklich Zeit gibt und die anderen Hunde vor allem erfahren und klar sind und ihnen den Raum geben, den sie brauchen. Oft suchen sie sich dann einzelne Charaktere heraus, mit denen sie interagieren, andere werden weiter auf Abstand gehalten oder ignoriert.

Und genau diese Akzeptanz, die gut sozialisierte Hunde anderen Hunden gegenüber an den Tag legen, finde ich so heilsam.