Ich finde die Frage, ob der Hund eine Bindung zu seinem Halter hatte oder nicht gar nicht so entscheidend und denke, eine Diskussion darüber führt genau in die falsche Richtung. Was wenn die Bindung sicher war? Was wenn nicht? Und was sagt das letztlich aus?
Das Problem ist doch, dass egal wie man antwortet, landet man am Ende bei Schuldzuweisungen.
War eine Bindung sicher, heißt es: Dann hätte das nicht passieren dürfen. Der Hund muss krank oder verrückt sein.
War sie angeblich nicht sicher, heißt es: Dann hat der Halter versagt.
Ich habe das hier zitierte Interview nun auch gelesen und aus meiner Sicht hat Vanessa Bokr nicht bestritten, dass Hunde Bindungen zu Menschen eingehen können. Sondern in ihrer bekanntlich spitzen, scharfen und bissigen Art eine romantisierte Bindungsvorstellung kritisiert, nämlich die Annahme, Bindung sei eine Art Sicherheitsgarantie nach dem Motto: „Wenn die Beziehung stimmt, passiert so etwas nicht.“
Aber Bindung erklärt nicht, was unter Extremstress, Überforderung, Schmerz oder massiver Erregung passiert. Eskalationen können trotz Bindung geschehen.
Bei Wildtieren in menschlicher Obhut zB bei Siegfried & Roy, wurde nach der Tigerattacke nicht darüber diskutiert, ob das Tier eine Bindung hatte oder ob die Beziehung „nicht gut genug“ war. Das Restrisiko war immer Teil des Spiels. Beziehung und Training galten dort für die meisten nicht als Ersatz für Risikomanagement.
Bei Hunden tun wir genau das Gegenteil: Wir stellen Beziehung über Risiko und sind dann überrascht, wenn es trotzdem eskaliert.
Ich finde, wir sollten bereit sind, auch bei Hunden Restrisiken realistisch mitzudenken und bestenfalls strukturell abzusichern.
Wenn ich aber allein schon höre, wie ungern manche Halter sich mit dem Thema Maulkorb beschäftigen, weil sie nicht auf dem Schirm haben (wollen), dass ihre Hunde in bestimmten Situationen beißen könn(t)en, denke ich allerdings, dass die Bereitschaft hier und da noch sehr ausbaufähig ist. 😅
(Nein, Hunde sind keine Tiger. Ich wollte damit nur meinen Gedankengang veranschaulichen.)