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Dogorama-Mitglied
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zuletzt 21. Dez.

Intrinsische Motivation - Leinenführigkeit?

Hallo liebe Hundemenschen, Ich bin durch einen anderen Thread darauf gestoßen, dass man Leinenführigkeit mittels intrinsischer Motivation beibringen kann. Intrinsische Motivation bedeutet das es der Hund von sich aus macht, es macht ihm Spaß und führt es für sich bzw. sein Wohlbefinden aus. Also zum Beispiel ist bei meinem Münsterländer das Jagen eine intrinsische Motivation, die ich mir für die Arbeit zunutze mache. Ich trainiere viel mit meinen Hunden und natürlich auch die Leinenführigkeit. In aller Regel machen das meine Hunde aber nicht aus eigener intrinsische Motivation. Jetzt frage ich mich natürlich, was ich die Jahre falsch gemacht habe, dass meine Hunde anscheinend nicht aus intrinsischer Motivation neben mir her spazieren. Habt ihr eine Idee wie man das aufbaut, dass er Hund das aus intrinsischer Motivation macht? Ist dies überhaupt möglich?
 
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SandrA
18. Dez. 09:58
Jagdverhalten bei modernen Haushunden lässt sich in der Maslowschen Bedürfnispyramide nicht mehr primär den physiologischen Bedürfnissen zuordnen, da es selten mit Hunger oder dem Überlebensinstinkt verknüpft ist. Vielmehr gehört es in die Ebene der Ich-Bedürfnisse, da das Ausführen des Jagdverhaltens, wie etwa Hetzen oder Fixieren, selbstbelohnend wirkt und dem Hund ein Gefühl von Erfolg und Kompetenz vermittelt. Jagdverhalten ist heute also eher ein Ausdruck von Instinkt, Freude und Selbstbestätigung als ein Mittel zum Überleben. Entsprechend ist Sicherheit und Orientierung vorgelagert.
Ich will da jetzt kein Riesenfass aufmachen, aber eine geläufige Kritik an der Maslowschen BP ist die mangelnde Berücksichtigung der individuellen Lebenswirklichkeit.
 
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Dogorama-Mitglied
18. Dez. 10:05
Ich will da jetzt kein Riesenfass aufmachen, aber eine geläufige Kritik an der Maslowschen BP ist die mangelnde Berücksichtigung der individuellen Lebenswirklichkeit.
Es ist vollkommen richtig, dass die Maslowsche Bedürfnispyramide nicht alle individuellen Lebensrealitäten vollständig abbilden kann. Das Modell ist nicht dazu gedacht, jeden Kontext perfekt zu erklären, sondern vielmehr, um eine grundlegende Orientierung zu bieten.

Allerdings bedeutet diese Kritik nicht, dass die Pyramide in ihrer Kernaussage irrelevant ist. Die grundsätzliche Idee, dass physiologische und Sicherheitsbedürfnisse oft die Grundlage für höherwertige Bedürfnisse bilden, hat sich in vielen Bereichen der Psychologie und Verhaltensforschung bewährt.
 
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SandrA
18. Dez. 10:11
Es ist vollkommen richtig, dass die Maslowsche Bedürfnispyramide nicht alle individuellen Lebensrealitäten vollständig abbilden kann. Das Modell ist nicht dazu gedacht, jeden Kontext perfekt zu erklären, sondern vielmehr, um eine grundlegende Orientierung zu bieten. Allerdings bedeutet diese Kritik nicht, dass die Pyramide in ihrer Kernaussage irrelevant ist. Die grundsätzliche Idee, dass physiologische und Sicherheitsbedürfnisse oft die Grundlage für höherwertige Bedürfnisse bilden, hat sich in vielen Bereichen der Psychologie und Verhaltensforschung bewährt.
Ja, das ist richtig. Mir ging es mit dem Verweis auf den Kritikpunkt auch nicht darum, ihre wissenschaftliche Relevanz zu schmälern. Sondern auf eine Berücksichtigung der Kritik hinsichtlich ihres praktischen Nutzens im Kontext Hundeerziehung hinzuweisen.
 
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Dogorama-Mitglied
18. Dez. 10:17
Übergeordnet im Sinne von nicht unmittelbar als Bedürfnis priorisiert. Quasi erst Zwischenziele betrachten/berücksichtigen, die im Alltag des Hundes erstmal mehr Bedeutung haben. (Einbezug der individuellen Lebenswirklichkeit des Hundes)
Ah ja, siehst du da gibt's auch immer wieder Begriffsverwirrungen.

Ich hatte übergeordnet im Sinne von "wichtiger" verstanden.
 
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Babs
18. Dez. 10:23
Ja schön, hier ebenso. Das ist aber noch lange keine Leinenführigkeit und keine intrinsische Entscheidung, jedes Häschen und jedes läufige Mädel wegen mir links liegen zu lassen. Wie würdest du das herausarbeiten?
Grundvoraussetzung ist, dass meine Hunde gerne bei mir sind. Also in meiner Nähe ein gutes Gefühl haben. Ein Hund, der seinen Mensch lieber meidet, wird nicht gerne an der Leine gehen.

Warum bist Du gerne in der Nähe Deines Hundes?

Darüber hinaus ist es wichtig, dass der Hund lernt, seine Impulse zu kontrollieren und nicht kopflos durch die Gegend rennt.
 
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Dogorama-Mitglied
18. Dez. 10:25
Ist nach aussen gewandtes Interesse mit Stress gleichzusetzen? Welche positiven Erfahrungen? Ich dachte situativ im intrinsischen Training dürfen keine positiven Rückmeldungen kommen? Gerade beim sicheren Bindungstyp wäre doch aber die Motivation zur Exploration und damit zum sich weiter Entfernen stärker ausgeprägt, oder nicht? Dementsprechend wäre sichere Bindung in Bezug auf direkt beim Menschen Bleiben eher kontraproduktiv...? Wenn der Hund auch langfristig selbst jedesmal situativ entscheiden darf, die baut man dann die Verlässlichkeit auf, dass er sich nicht häufig für's Entfernen entscheidet? Wie gesagt, ich hab nix gegen Habituation und Desensibilisierung, ganz im Gegenteil. Wie man sich aber über keine Rückmeldung im Training und keinerlei "Kommandos" bzw Lenkmöglichkeiten für konkrete Situationen, rein im Gottvertrauen auf des Hundes "richtige" Entscheidung, in Gebieten mit hohem Gefahren- und Ablenkungspotential sicher bewegen soll, seh ich in der Praxis nicht recht. Konkretes Szenario - Freilauf in Grüngebiet mit vielen Hunden, Joggern, Radfahrern, ev auch mal ein anderes Tier. Wie schafft man es, dass der eigene Hund intrinsisch nie oder nur wenn es mit passt auf etwas davon reagiert, zu etwas hinläuft?
Ein Hund bleibt auch in entspannten, stressfreien Situationen oder während Erkundungen bei seinem Menschen, wenn er gelernt hat, dass die Nähe nicht einschränkend ist, sondern Teil einer harmonischen Beziehung. Hunde sind von Natur aus soziale Tiere, die darauf ausgelegt sind, in Gruppen zu agieren und sich aneinander zu orientieren. Selbst in Momenten, in denen es keine akute Bedrohung oder Unsicherheit gibt, bleibt die Nähe zum Menschen oft attraktiv, weil sie Teil einer gewohnten und positiven Verbindung ist.

Die positive Erfahrung, die den Hund dazu bringt, sich am Menschen zu orientieren, entsteht nicht durch klassische positive Verstärkung wie Leckerchen oder Lob, sondern durch das Gefühl, dass Nähe und Orientierung das Leben einfacher und angenehmer machen. Ein Beispiel: Wenn ein Hund in einer schwierigen Begegnung – etwa mit anderen Hunden oder Joggern – erlebt, dass bei seinem Menschen bleiben die Situation für ihn überschaubarer macht und er keinen zusätzlichen Stress oder Konflikte erleben muss, ist das eine intrinsische positive Erfahrung. Es geht nicht um eine Belohnung, die vom Menschen kommt, sondern um den inneren Zustand des Hundes, der durch Orientierung Ruhe, Klarheit oder Entspannung empfindet.

Ein Hund, der die Nähe seines Menschen während der Erkundung sucht, tut das nicht unbedingt aus Sicherheitsbedürfnis, sondern weil die Orientierung zur Normalität geworden ist – ähnlich wie bei einem Spaziergang mit einem guten Freund. Er kann sich frei bewegen und erkunden, kehrt aber immer wieder zurück, weil diese Wechselwirkung aus Eigenständigkeit und Nähe für ihn Sinn ergibt.

Wichtig ist auch, dass der Hund in solchen Momenten oft nicht bewusst entscheidet, ob er bei seinem Menschen bleibt oder sich entfernt. Die Nähe entsteht aus einer Mischung aus Gewohnheit, positiver Erfahrung und sozialem Verhalten. Selbst wenn der Hund seine Umgebung erkundet, bleibt er in Reichweite, weil er gelernt hat, dass die Orientierung keine Einschränkung bedeutet, sondern eine natürliche Basis für seinen Bewegungsradius darstellt.
 
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Dogorama-Mitglied
18. Dez. 10:30
Ja, das ist richtig. Mir ging es mit dem Verweis auf den Kritikpunkt auch nicht darum, ihre wissenschaftliche Relevanz zu schmälern. Sondern auf eine Berücksichtigung der Kritik hinsichtlich ihres praktischen Nutzens im Kontext Hundeerziehung hinzuweisen.
Wenn man das Modell als Ansatzpunkt und nicht als Dogma versteht, verliert es weder seinen praktischen Nutzen noch seine Aussagekraft.
 
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SandrA
18. Dez. 10:37
Wenn man das Modell als Ansatzpunkt und nicht als Dogma versteht, verliert es weder seinen praktischen Nutzen noch seine Aussagekraft.
Ich habe auch nicht behauptet, dass es seinen praktischen Nutzen verliert.
Um nicht ins dogmatische zu verfallen muss man sich mit Kritik aber schon konstruktiv auseinandersetzen, um die eigene Perspektive flexibel zu halten.
 
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Dogorama-Mitglied
18. Dez. 10:38
Ich habe auch nicht behauptet, dass es seinen praktischen Nutzen verliert. Um nicht ins dogmatische zu verfallen muss man sich mit Kritik aber schon konstruktiv auseinandersetzen, um die eigene Perspektive flexibel zu halten.
Natürlich, da stimme ich dir zu. Kritik sollte immer ein Teil eines konstruktiven Austauschs sein, um neue Perspektiven zu gewinnen. In diesem Fall ging es mir aber gar nicht darum, die Maslowsche Pyramide dogmatisch anzuwenden, sondern sie lediglich als Denkmodell heranzuziehen, um bestimmte Zusammenhänge anschaulich zu machen. Das schließt eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Übertragbarkeit nicht aus, aber mein Fokus lag hier auf der Veranschaulichung, nicht auf einer wissenschaftlichen Diskussion über die Theorie selbst.
 
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SandrA
18. Dez. 10:47
Natürlich, da stimme ich dir zu. Kritik sollte immer ein Teil eines konstruktiven Austauschs sein, um neue Perspektiven zu gewinnen. In diesem Fall ging es mir aber gar nicht darum, die Maslowsche Pyramide dogmatisch anzuwenden, sondern sie lediglich als Denkmodell heranzuziehen, um bestimmte Zusammenhänge anschaulich zu machen. Das schließt eine kritische Auseinandersetzung mit ihrer Übertragbarkeit nicht aus, aber mein Fokus lag hier auf der Veranschaulichung, nicht auf einer wissenschaftlichen Diskussion über die Theorie selbst.
Ich denke, wir haben die Theorie einfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet 😅 Ich war immer noch auf dem Pfad der Bedeutung von Zwischenzielen.

Aber das sind wohl einfach die Tücken des digitalen Diskutierens.