Die systemische Familientherapie wurde in erster Linie für menschliche Familiensysteme entwickelt, um Kommunikationsmuster, Interaktionen und Beziehungen innerhalb dieser Systeme zu analysieren und zu verbessern. Auch wenn Haustiere Teil eines Familiensystems sein können, basiert die systemische Theorie auf Annahmen über Sprache, kognitive Prozesse und soziale Dynamiken, die spezifisch für Menschen sind.
Tiere – einschließlich Hunde – nehmen zwar an sozialen Interaktionen teil, doch sie tun dies instinktiv und assoziativ, nicht strategisch oder reflexiv. Hunde verstehen keine systemischen Interventionen im menschlichen Sinne, da ihnen die Fähigkeit zur abstrakten Reflexion und bewussten Einordnung in soziale Systeme fehlt.
Die Anwendung dieser Theorie auf Hundegruppen oder Mensch-Hund-Systeme ist problematisch, weil sie deren grundlegende Unterschiede ignoriert. Systemische Modelle setzen eine bewusste Auseinandersetzung mit sozialen Rollen, Strukturen und Interaktionen voraus, was bei Hunden schlicht nicht gegeben ist. Diese Vermischung kann dazu führen, dass man Hunden menschliche Verhaltensweisen zuschreibt, was weder wissenschaftlich korrekt noch ethisch vertretbar ist.
Wenn die systemische Theorie tatsächlich auf Tiere ausgeweitet werden soll, müsste sie umfassend angepasst und durch Erkenntnisse aus der Verhaltensbiologie ergänzt werden. Ohne diese Anpassung bleibt die Übertragung ein hypothetischer Ansatz, der wissenschaftlich nicht fundiert ist und in der Praxis zu Missverständnissen führt. Das halte ich für gefährlich.
Systemtheorie ≠ systemische Intervention ≠ systemische Familientherapie
Natürlich kann man die konkrete Familientherapie nicht eins zu eins auf eine Tiergruppe übertragen, die systemische Betrachtungsweise und das systemische Interventionsprinzip aber sehrwohl (sofern man mit den Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Kommunikationsspezifika der Tiere halbwegs vertraut ist)
Und eines bleibt unerschütterlich bestehen - um von einer systemischen Intervention oder Therapie erfasst zu werden, bedarf es NICHT der Fähigkeit zu Abstrahieren oder zu Reflektieren.
Wäre dem so, blieben Kleinkinder dabei aussen vor.
Das ist aber nicht der Fall.
Natürlich zielt Therapie bei mündigen Erwachsenen auf Reflexion, Erkenntnis- und Verständniszuwachs ab, systemische Intervention funktioniert aber wie gesagt auch bei Menschen, die dazu nicht in der Lage sind (zB Kindergruppen), solange die Intervenierenden (zB Pädagogen) die Problemauslöser identifizieren und eliminieren können.
Der Punkt daran in Bezug auf Hunde ist, dass man auch mit ihnen in einem System aus stetiger wechselseitiger Interaktion und Kommunikation steckt, dass keine Massnahme, die man setzt, losgelöst von den Momenten davor oder danach existiert, dass sich auch bei basal- und nonverbaler Kommunikation Sender-Empfänger-Störungen ergeben können und man deshalb immer die Möglichkeit in Betracht ziehen sollte, dass es zu ungeplanten Verknüpfungen kommen kann oder dass das, was man glaubt zu tun, nicht das ist was der Hund glaubt, dass man tut.