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Dogorama-Mitglied
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zuletzt 21. Dez.

Intrinsische Motivation - Leinenführigkeit?

Hallo liebe Hundemenschen, Ich bin durch einen anderen Thread darauf gestoßen, dass man Leinenführigkeit mittels intrinsischer Motivation beibringen kann. Intrinsische Motivation bedeutet das es der Hund von sich aus macht, es macht ihm Spaß und führt es für sich bzw. sein Wohlbefinden aus. Also zum Beispiel ist bei meinem Münsterländer das Jagen eine intrinsische Motivation, die ich mir für die Arbeit zunutze mache. Ich trainiere viel mit meinen Hunden und natürlich auch die Leinenführigkeit. In aller Regel machen das meine Hunde aber nicht aus eigener intrinsische Motivation. Jetzt frage ich mich natürlich, was ich die Jahre falsch gemacht habe, dass meine Hunde anscheinend nicht aus intrinsischer Motivation neben mir her spazieren. Habt ihr eine Idee wie man das aufbaut, dass er Hund das aus intrinsischer Motivation macht? Ist dies überhaupt möglich?
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 08:08
Ich finde 1 Jahr sehr verantwortungsvoll und sinnvoll und überhaupt nicht lange! Im Gegensatz finde ich es sehr unverantwortlich, wenn manche HH schon nach wenigen Wochen ihren Hund von der Leine machen. So gut kann man den Hund da doch noch gar nicht kennen und einschätzen, wie er in verschieden Situationen reagiert. Und sicherlich ist der Rückruf nach wenigen Wochen auch nicht gefestigt genug, um sich auch in unvorhergesehenen Situation sicher genug sein zu können, dass der Hund auf alle Fälle auf direktem Wege kommt
Gerade in den ersten paar Wochen und Monaten ist die Chance, dass ein Welpe/Junghund sich intrinsisch nach einem orientiert und nicht abhaut so gut wie nie mehr danach.

Es macht also sehr viel Sinn, in der Phase mit dem Freilauf zu beginnen und die dabei geltenden Regeln zu etablieren.

Die Illusion, dass alle Hunde dabei ohne jeden "Ausrutscher" lückenlos funktionieren, hab ich ohnehin nicht. Das ist eher auch eine Frage der Einschätzung von Entwicklungsphasen, Tagesverfassung etc ob Freilauf geht oder besser Leine angesagt ist.
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 08:12
Dass man die Belohnung ausschleicht, verändert ja aber nicht die Motivation des Hundes. Es ist nur irgendwann so gut konditioniert, dass man nicht mehr dauernd belohnen muss, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Der Hund kommt dann beim Rückruf aber dennoch, weil er eben gelernt hat, dass es sich (extrinsich) lohnt
Jo, das ist mir aber herzlich wurst, Hauptsache er kommt.

Sobald mir aber jemand nachvollziehbar erklärt, wie ich in ihm das intrinsische Bedürfnis wecken kann, zu mir zu laufen statt zur läufigen Hündin oder dem Hasen, bin ich ganz Ohr.
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 08:24
Ich merke du hast nichts verstanden, wie ich es meine. Aber nicht schlimm muss du nicht. By the way meine Hunde laufen auch mal vor und Schnuppern, aber wenn sie einen Reiz wie andere Hund etc. Sehen kommen sie zu mir. Was das jetzt mit Abhängigkeit Zutun hat kp. Gut das meine Rasse dumm ist und keine Kopfauslastung benötigt 🤣🥳👍🏻 Eben aufgenommen extra für dich, wenn du das als Abhängigkeit siehst okay. Ich sehe freiwillig Einhaltung des Radiuses und freiwilliges in der Nähe von mir bleiben.🤷🏻‍♀️
Du selbst hast geschrieben, dein Umgang mit den Hunden sei extrem, dass ihr 24/7 aufeinanderklebt und sie sich nicht von dir entfernen.

Das verstehe ich als starke Abhängigkeit.

Wenn du was Anderes gemeint hast, hättest du vielleicht was Anderes schreiben sollen.
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 08:26
Du selbst hast geschrieben, dein Umgang mit den Hunden sei extrem, dass ihr 24/7 aufeinanderklebt und sie sich nicht von dir entfernen. Das verstehe ich als starke Abhängigkeit. Wenn du was Anderes gemeint hast, hättest du vielleicht was Anderes schreiben sollen.
Mit aufeinander kleben meine ich zusammen sein. Sprich in einem Haushalt. Da ich beruflich auch Zuhause bin Home-Office.

So jetzt gerade natürlich auch.
Ich sitze und Frühstücke und die 3 sind noch im Schlafzimmer und schlafen weiter.
 
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Kirsten
8. Dez. 08:39
Ich glaube, wenn man mit für sich neuen Theorien konfrontiert ist, versucht man aus den paar Puzzleteilen, die man hat ein ganzes Bild zu schaffen, wobei ein großer Teil davon eher mit eigenen Vorstellungen gefüllt wird.

Ich glaube daher kommt auch das übertriebene Bild das viele Leute über z.B. R+Trainierende haben, und munter durch die Medien gejagt wird, dass diese Menschen ihren Hund lieber auf der Straße überfahren lassen würden, als ihn in Notfallsituationen einzuschränken.
Es gibt sicher immer Vertreter die einzelne Theorien so stark durchziehen, dass es einem nur auf die Füße fallen kann.
Den Eindruck hab ich bei Meike aber nicht.

Wenn mir doch klar ist, dass mit meinem Hund in einem bestimmten Kontext etwas nicht funktionieren kann, dann fange ich idealerweise erstmal an einer anderen Stelle an oder passe den Rahmen an. Unabhängig davon, welche Lerntheorie ich für besonders sinnvoll empfinde.
So wie ich es verstanden habe, ist der gewählte Rahmen (z.B. die angesprochene kurze Leine) nicht um jeden Preis durchzuziehen, sondern er sollte zweckdienlich sein und soll so gewählt werden, dass er den Hund darin unterstützt, Situationen möglichst eigenständig (?) oder über Orientierung zu bewältigen und kann (bzw. sollte sogar ?) flexibel angepasst werden, wenn dadurch die Erfolgschancen höher sind.

Also falls ich es bis hierhin richtig verstanden habe.
Ich versuche ja immer gerne nachzuvollziehen, was das Buffet an Trainingsmethoden so zu bieten hat (:
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 08:47
Genau das ist einer der problematischen Aspekte rein extrinsischer Motivation: Der sogenannte Korrumpierungseffekt kann auftreten. Dieser besagt, dass intrinsisch motiviertes Verhalten durch den Einsatz von Belohnungen, wenn diese wegfällt/weniger wird, geschwächt werden kann. Die Motivation für das Verhalten wurde ja zuvor an den äußeren Verstärker geknüpft. Zu deinem Verständnisproblem: Intrinsisch motiviertes Training bedeutet nicht, dass jegliche Reaktion auf das Verhalten des Hundes verboten wäre. Der Unterschied liegt darin, ob diese Reaktionen gezielt als Verstärker eingesetzt werden oder ob sie situativ und natürlich erfolgen. Bei rein extrinsischen Methoden würde deine Freude gezielt als Mittel eingesetzt, um das Verhalten zu verstärken.
Ich weiß, was der Korrumpierungseffekt ist. Wo aber keine intrinsische Motivation vorhanden war (zB nicht Jagen), kann ich auch nicht viel korrumpieren.

Ok...geht es also um die Utilisierung, die abgelehnt wird?

Und was konkret wird stattdessen gemacht?
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 09:40
Womit ich bei dem Ansatz ein wenig hadere ist deine Aussage, dass der Hund am Anfang kurz genommen werden soll, um Sicherheit zu geben. Das hört man ja oft und ich habe es auch schon in Büchern zum Thema Angst gelesen. Eine Autorin geht sogar so weit, dass sie sagt, man solle einen Hund direkt aus dem Romänientransporter nehmen und erstmal fest halten, auch wenn er sich wehrt (natürlich mit Vorsichtsmaßnahmen), das gäbe ihm Sicherheit. Vielleicht widerstrebt mir der Ansatz so, weil ich es auch nicht mag von Fremden bedrängt zu werden und selbst auch nicht von nahen Personen, wenn ich gestresst bin. So beobachte ich das auch bei Pepe, schränke ich ihn in Situationen mit erhöhtem Erregungslevel an kurzer Leine ein, passiert das Gegenteil von „Sicherheitstransfer“. Und das, obwohl er der Kontaktlieger vor dem Herren ist. Ich bin der Meinung, dass die Wegnahme der Selbstwirksamkeit bei vielen Hunden kontraproduktiv ist. Pepe braucht das Gefühl wirksam handeln zu können, wenn er Angst bekommt. Gibt es beispielsweise einen Knall beim Spaziergang, lasse ich ihn einige Meter flüchten (natürlich nur dort, wo er sich nicht gefährden kann), bis er sich wieder selbst reguliert hat, das funktioniert bei ihm erstaunlich gut. Ach ja, und vielen Dank für deine Beharrlichkeit, dein Insistieren und deine Guduld.
Mit „kurzer Leine“ meine ich keineswegs einen Kurzführer, sondern eine Leine von etwa 2 Metern – genug, um dem Hund Bewegungsfreiheit zu lassen, aber nicht so lang, dass er sich in seiner Überforderung reinsteigern kann.

Was ich aber auch interessant finde: Du sagst, dass dir die Einschränkung der Selbstwirksamkeit widerstrebt – das verstehe ich absolut. Doch gerade bei extrinsischen Methoden wie der Arbeit mit Leckerlis oder Spielzeug wird der Hund doch genau das: weniger selbstwirksam. Er handelt nicht mehr aus eigenem Antrieb, sondern, weil er auf eine externe Belohnung wartet. Das ist für mich sogar noch problematischer, weil der Hund dann gar nicht mehr lernt, eigenständig Entscheidungen zu treffen, sondern immer nur auf die äußeren Verstärker reagiert.
 
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Jochen
8. Dez. 09:42
Ich weiß, was der Korrumpierungseffekt ist. Wo aber keine intrinsische Motivation vorhanden war (zB nicht Jagen), kann ich auch nicht viel korrumpieren. Ok...geht es also um die Utilisierung, die abgelehnt wird? Und was konkret wird stattdessen gemacht?
Joe, das hat sie doch jetzt mehrfach erklärt in allen Details. Der Rahmen ist im einfachsten und anfänglichem Stadium schlicht die Leine/Schleppleine. In diesem Gefüge entsteht ein Wohlfühlraum, der gefestigt wird und der nach und nach die Triggerreize inkludiert in das Gefüge, also den Jagdreiz nicht abstellt (was ja sowieso nicht geht) und auch nicht aktiv reguliert, sondern als positive Empfindung in den Raum mit aufnimmt, er im einfachen Fall also im Wohlfühlraum nach seinen intrinsischen Bedürfnissen eine Spur liest und so das belohnende Element einbezieht in den Raum, also später auch keinen Grund mehr sieht, ihn zu verlassen.
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 09:43
Ich weiß, was der Korrumpierungseffekt ist. Wo aber keine intrinsische Motivation vorhanden war (zB nicht Jagen), kann ich auch nicht viel korrumpieren. Ok...geht es also um die Utilisierung, die abgelehnt wird? Und was konkret wird stattdessen gemacht?
Leinenführung basiert nicht auf einem unnatürlichen Verhalten, sondern darauf, dass der Hund lernt, seine natürlichen Instinkte (z. B. Impulse zu folgen oder Reize zu jagen) in einer Weise zu regulieren, die für ihn angenehm ist.

Es gibt Verhaltensweisen die haben nichts intrinsisches - beispielsweise Tricktraining. Mein Hund wollte noch nie von selber ein Leckerlie auf der Nase balancieren.
 
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Dogorama-Mitglied
8. Dez. 10:01
Mit Belohnung besticht man nicht. Wenn man das macht setzt man die Belohnung falsch ein.
Das stimmt in der Theorie, dass Belohnung und Bestechung unterschiedlich eingesetzt werden sollen, aber in der Praxis zeigt sich oft, dass diese Grenze verschwimmt. Hunde sind sehr schlau und verknüpfen nicht nur das Verhalten selbst mit der Belohnung, sondern auch äußere Hinweise wie die Leckerlitasche, eine bestimmte Jacke oder sogar die Körperhaltung ihres Menschen. Dadurch wird das Verhalten oft nicht durch die Belohnung nach dem Verhalten verstärkt, sondern durch die Erwartung des Leckerlis überhaupt erst ausgelöst.

In solchen Fällen wird die Belohnung eher zu einer Form der Bestechung, da der Hund das Verhalten nicht unabhängig zeigt, sondern immer auf den äußeren Anreiz angewiesen ist. Das zeigt, dass Belohnung in vielen Situationen eher wie Bestechung wirkt, vor allem wenn der Hund das Verhalten ohne sichtbare Belohnung nicht mehr zeigt. Genau das macht die Unterscheidung zwischen Belohnung und Bestechung in der Praxis oft problematisch.