Hallo Julia, danke für deinen Input! Die Studien zu freilaufenden Hunden kenne ich natürlich. Aber genau da liegt der entscheidende Denkfehler: Freilaufende Hunde agieren im freien Raum und treffen ihre eigenen Entscheidungen – im Guten wie im Schlechten.
Eine Situation an der Leine, auf einem engen Gehweg im menschlichen Alltag, ist damit überhaupt nicht vergleichbar. Das ‚Meideverhalten‘, das ein Hund an der Leine zeigt, ist oft kein höfliches Kommunizieren, sondern schlichte Hilflosigkeit, weil er gelernt hat, dass die Situation für ihn sonst eskaliert.
Es geht überhaupt nicht darum, eine ‚unnatürliche Begegnung zu erzwingen‘ oder stur frontal ineinanderzurennen. Es geht darum, dass ich als Halter dem Hund durch meine klare, geradlinige Präsenz den Druck nehme. Wenn ich stabil führe, muss der Hund weder die Situation managen noch flüchten. Er kann sich einfach an mir orientieren.
Aber wenn ein Hund von sich aus warten, den Abstand vergrößern oder gar weggehen würde, dann ist ein geradliniges Weiterlaufen eine unnatürliche Begegnung. Begegnung ist ja nicht zwingend Kontakt.
Ich glaube durchaus, dass eine klare Präsenz bestimmten Hunden den Druck nehmen kann. Ich glaube aber auch, dass es bei anderen Hunden erst Recht Druck aufbauen kann.
Das kommt doch zum einen auf die grundlegende Ursache und Gefühlslage des Hundes bei Hundebegegnungen an, zum anderen auch auf die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Wenn ein Hund seinem Menschen nicht vertraut, dann orientiert er sich auch nicht, egal wie geradlinig und präsent man in Situationen geht (da muss man dann erst mal Vertrauen außerhalb von Hundebegegnungen aufbauen). Es gibt natürlich unterwürfige Hunde, die dem Menschen nicht vertrauen, sich aber fügen, weil sie Druck vom Menschen spüren (was aber nicht bedeutet, dass sie sich wohl fühlen oder lernen, dass der Mensch übernimmt. Sie können auch lediglich lernen, dass sie aushalten müssen). Und andere reagieren auf Druck mit Gegendruck.
Ohne die Ursachen für das jeweilige Verhalten (Angst, Unsicherheit, soziale Aggression, Lust am Konflikt, Konditionierung usw) und die Beziehungsstruktur zwischen Mensch und Hund zu kennen, halte ich das "einfach orientieren" für etwas naiv.