Hallo!
Vorab ein paar ehrliche Worte, welche euch wahrscheinlich nicht gefallen werden:
Sammy ist in dieser Hinsicht kein besonderer Hund, und ihr braucht keine spezialisierte Sonderanleitung für ihn. Das Thema Leinenführigkeit wurde hier im Forum schon gefühlt hundertmal durchgekaut und auch ein Trainer ist nicht automatisch die Lösung.
Sammy geht nicht gerne voraus, "weil euch das den Überblick erleichtert". Der der voraus geht, führt das Rudel. Er verwaltet den vor euch liegenden Raum. Weil ihr nicht führt und euch nur passiv an der Runde beteiligt, übernimmt er die Initiative, kontrolliert die Lage und scannt die Umwelt ab. Das ist kein Gefallen für euch, sondern die Kernursache eures Problems.
Dass er auf dem Heimweg zieht, ist kein "Heimweg-Problem", sondern ein grundlegendes Leinenführigkeits-Problem. Er ist ja nicht dumm und ihr seid für ihn berechenbar. Also er weiß wann es wieder zurückgeht. Letztendlich hat er gelernt: Druck auf der Leine bringt mich vorwärts. Solange er mit gezogener Leine auch nur einen Meter Raumgewinn macht, wird er das Verhalten beibehalten.
Das Thema mit dem Ball zeigt euer Problem eigentlich perfekt. Ihr seid für ihn ohne das Spielzeug einfach zu langweilig. Dass er mit dem Ball nicht zieht, liegt daran, dass ihr in dem Moment spannend seid. Ohne Ball seid ihr leicht auszurechnen: Ihr lauft eure Runde, dackelt hinterher und interessiert euch scheinbar weder für ihn noch für die Umwelt. Warum sollte er euch da das Feld überlassen? Der Ball zeigt aber auch, dass er sich sofort an euch orientiert, sobald ihr als Führungsperson relevant seid. Nutzt diese Energie als Werkzeug, statt ihn nur als Dauerbespaßung mitzuschleppen. Macht euch auch ohne Ball interessanter, baut unvorhersehbare Richtungswechsel ein und belohnt Blickkontakt gezielt.
Es braucht eine strikte Ursache-Wirkung. Zug auf der Leine bedeutet sofortigen Stopp oder Richtungswechsel. Nicht erst nach drei Schritten, sondern beim ersten Millimeter Spannung. Erst wenn die Leine wieder durchhängt, geht es weiter. Wenn Ziehen zu 80 % ignoriert wird, weil man schnell nach Hause will, aber zu 20 % korrigiert wird, lernt der Hund einfach nur Ausdauer. Die Regel muss ausnahmslos gelten. Wenn ihr mal keine Zeit oder Nerven habt, konsequent zu sein, nutzt ein Geschirr mit Brustring. Das verhindert physikalisch, dass er sich reinhängt, ohne dass ihr euch das Training wieder ruiniert.
Leinenführigkeit ist am Ende keine Frage der Motivation des Hundes, sondern eine Übung in eurer eigenen Präsenz, Raumverwaltung und Konsequenz.
Zu 90 % liegt das Nichtfunktionieren an mangelnder Ausdauer, an fehlender Konsequenz und am schlechten Timing. Nicht an schlechten Trainern, ungeeigneten Tipps oder der Individualität des Hundes.
Als allgemeine Aussage ist das quatschig bzw. eine sehr starke Interpretation eines völlig normalen Bewegungsmusters.
„Hund läuft vorne“ → „Hund verwaltet den Raum“ → „Hund übernimmt Verantwortung/Führung“ ist keine sinnvolle automatische Schlussfolgerung.
Ein Hund kann im Freilauf vorne laufen, weil er:
einen interessanten Geruch verfolgt,
wissen will, was hinter der nächsten Kurve kommt,
einen bestimmten Ort ansteuert,
Wild-/Hundespuren untersucht,
einfach ein höheres Bewegungstempo hat,
sich frei bewegen möchte,
oder schlicht gerade sein Hundeding macht. 😄
Und besonders wichtig: „vorne laufen“ ist nicht dasselbe wie „Kontrolle über die Gruppe haben“.
Es gibt natürlich Hunde, die sich in bestimmten Situationen tatsächlich stark mit der räumlichen Organisation ihrer sozialen Umwelt beschäftigen. Zum Beispiel können sie:
Wege blockieren oder Körperpositionen gezielt einsetzen,
andere Hunde von bestimmten Ressourcen oder Personen wegdrängen,
Bewegungen anderer beobachten und darauf reagieren,
bestimmte Bereiche kontrollieren bzw. immer wieder aufsuchen,
auf Annäherungen sehr gezielt reagieren.
Das wäre aber anhand des gesamten Verhaltenskontexts zu beurteilen – nicht anhand der simplen Tatsache, dass der Hund fünf Meter vor seinem Menschen läuft.
Und selbst dann wäre „Führung“ ein ziemlich fragwürdiger Begriff, weil man damit schnell menschliche Vorstellungen auf Hundeverhalten draufklebt.
Gerade beim Freilauf ist das besonders absurd.
Wenn Inu beispielsweise 20 Meter vor uns über eine Wiese läuft, stehenbleibt, schnüffelt, einen Haken schlägt, irgendwo einen Grashalm inspiziert und dann wieder weiterläuft:
Was verwaltet er? 😂
Das ist für den Hund vermutlich ein hochkomplexes Forschungsprojekt. Aber keine Übernahme der Familienführung.