Weil jetzt hier, wie in jeder Diskussion zu dem Thema die Aussage „Impfung ist nur Selbstschutz“ aufkommt: Das ist genauso falsch und entstammt der „YouTube - Universität aus Coronazeiten“ wie „Impfung dient nur dem Fremdschutz“. Es ist alles weitaus komplexer und es müssen viele Dimensionen betrachtet werden. Ich versuche es hier einmal für medizinische Laien, zusammenzufassen:
➡️ Schutz vor Erkrankung ist nicht gleich Schutz vor Infektion und das ist ein wichtiges Prinzip in der Weitergabe.
Ein Impfstoff kann verschiedene Wirkungen entfalten:
* Sterilisierende Immunität: Der Erreger kann sich nach Exposition praktisch nicht etablieren. Die geimpfte Person infiziert sich nicht und gibt den Erreger nicht weiter. Dies wird bei manchen Impfstoffen zeitweise oder in hohem Maße erreicht (z. B. Masern).
* Schutz vor Infektion: Das Risiko einer Infektion wird reduziert, aber nicht vollständig verhindert.
* Schutz vor schwerer Erkrankung: Eine Infektion ist möglich, der Krankheitsverlauf wird jedoch deutlich abgeschwächt.
➡️ Ein Impfstoff muss keine vollständige sterilisierende Immunität erzeugen, um einen relevanten Fremdschutz zu bewirken.
In der Epidemiologie unterscheidet man deshalb zwischen:
➡️ Direkter Schutz
* Verringerung des individuellen
Erkrankungsrisikos,
* Reduktion schwerer Verläufe,
* geringere Mortalität.
➡️ Indirekter Schutz (Fremdschutz)
* Verringerung der Zahl infektiöser Personen,
* Unterbrechung von Infektionsketten,
* Schutz nicht immuner oder besonders vulnerabler Menschen.
➡️ Dieser indirekte Schutz entsteht nicht dadurch, dass Geimpfte “nicht mehr ansteckend” wären, sondern weil sich die Zahl erfolgreicher Übertragungen in der Bevölkerung reduziert.
Deshalb wichtig - Herdenimmunität ist ein populationsmedizinisches Phänomen:
Die effektive Reproduktionszahl beschreibt, wie viele weitere Personen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt.
Steigt der Anteil immuner Menschen, sinkt die Zahl empfänglicher Wirte. Dadurch werden Infektionsketten kürzer und Ausbrüche können ausbleiben.
➡️ Und hier mal Beispiele für unterschiedlich starken Fremdschutz
Masern
* Sehr hohe Wirksamkeit gegen Infektion.
* Geimpfte infizieren sich nur selten.
* Ausgeprägter Gemeinschaftsschutz.
* Deshalb konnten Masern in vielen Regionen zeitweise eliminiert werden.
COVID-19
* Gegen frühe Varianten reduzierten die Impfstoffe sowohl Infektionen als auch Übertragungen deutlich.
* Mit Varianten wie Omikron nahm dieser Effekt aufgrund von Immunflucht ab.
* Dennoch verkürzen Impfungen häufig die Krankheitsdauer und reduzieren zumindest zeitweise die Weitergabe. Ihr größter Nutzen liegt heute im Schutz vor schweren Verläufen.
➡️ Diese Beispiele zeigen, dass der Fremdschutz kein Alles-oder-Nichts-Prinzip ist, sondern graduell ausgeprägt sein kann.
Und jetzt zurück zum Hund mit entsprechenden Beispielen:
↪️ Tollwut
* Selbstschutz: Der Hund erkrankt bei Kontakt mit dem Tollwutvirus mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht.
* Fremdschutz: Weil der Hund sich gar nicht oder deutlich seltener infiziert, kann er das Virus auch nicht an andere Hunde, Wildtiere oder Menschen weitergeben.
↪️ Parvovirose
Das canine Parvovirus ist extrem widerstandsfähig und wird hauptsächlich über den Kot übertragen.
* Ein ungeimpfter Hund kann nach einer Infektion enorme Virusmengen ausscheiden – Milliarden Viruspartikel pro Gramm Kot.
* Ein geimpfter Hund infiziert sich deutlich seltener. Falls es dennoch zu einer Infektion kommt, ist die Virusvermehrung häufig reduziert und die Virusausscheidung geringer oder kürzer.
Das bedeutet:
* Der geimpfte Hund ist vor der oft lebensbedrohlichen Erkrankung geschützt.
* Gleichzeitig sinkt die Umweltkontamination und damit das Risiko für andere Hunde.
Gerade bei Parvoviren ist das wichtig, weil sie in der Umwelt über Monate infektiös bleiben können.
➡️ Warum ich das hier so ausführlich schreibe? Weil ich nach wie vor hoffe, dass wir in Europa die Errungenschaften der modernen Medizin nicht leichtfertig aufs Spiel setzen – so, wie z.B. in Teilen der USA das derzeit geschieht.
Das bedeutet nicht, die Pharmaindustrie unkritisch zu betrachten. Im Gegenteil: Kritik ist notwendig. Aber sie darf nicht dazu führen, dass wir wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren oder evidenzbasierte Medizin pauschal infrage stellen.
Danke!