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Michele
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zuletzt 8. Mai

Frustationsroleranz ≠ Konzentrationsfähigkeit

Hallo ihr Lieben, Ich habe vor kurzem einen alten (geschätztes Alter 13 Jahre) aus dem Tierheim adoptiert. Arbeitsrasse, dementsprechend intelligent. Hatte vorher einen Border Collie, kenne das Temperament also. Es gab bekannte Probleme, reaktiv, unverträglich mit Artgenossen und ein paar andere Kleinigkeiten. Nun zu meinem Problem, wir arbeiten natürlich an verschiedensten Dingen und mir fällt immer öfter auf, dass sobald ich Verhalten vom Hund unterbinde (teilweise auch nur durch einen Richtungswechsel ausgelöst), der Hund übersprungshandlungen zeigt und kopflos wird. Das fing an, dass er wild auf Stöcker sprang bis hin zu, dass er gegen mich tackelt, mich begrenzt und versucht teilweise sehr körperlich seinen Willen zu bekommen. Mein Problem hierbei ist, das wir egal wie reizarm die Umgebung ist, wir kaum trainieren können, weil er gefühlt keine Frustrationstolerant hat und sofort überspringt. Habt ihr Tipps wie ich daran arbeiten kann? Wie kann ich seine Toleranzschwelle steigern
 
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Lisa-Eileen
8. Mai 00:05
Weiß nicht ob ich was falsch verstanden hab aber hört sich mir eher so an als ob es ein Beziehungsproblem ist wenn er sich nicht korrigieren lässt/ sich nichts sagen lässt als unbedingt Frustrationstoleranz.
Vielleicht hast du mal Videos von solchen Situationen damit man es besser sehen kann.
Bei nem Bekannten wars halt auch das der Hund nie Konsequenzen hatte und er keinerlei Führung und Grenzen bekam.
Er war dadurch Statusaggressiv und meinte alles zu regeln und zu verwalten wie er Bock hatte.
Ist natürlich nochmal extremer und eventuell etwas anders als in deinem Fall, nur worauf ich hinaus will ist halt wenn die Fronten, Regeln und Grenzen nicht ordentlich etabliert und geklärt sind kann es zu solchem Verhalten kommen.
Grad wenn ein Hund es nicht von Anfang an gelernt hat.
In dem von mir beschriebenen Fall bekommt der Hund das duerhaft nicht was er braucht, in deinem Fall hingegen könnt ich mir gut vorstellen das man da einfach viel Zeit braucht bis das alte falsche Muster überschrieben ist grad wenn er vorher es nie richtig gelernt hat wie es laufen sollte.
Ich merk bei Rocket zb das er in Sachen die er nicht von Anfang an gelernt hatte immernoch manchmal Korrekturen braucht oder es noch nicht so gut gefestigt ist, andere Sachen wiederum laufen perfekt was er von klein an richtig gelernt hat.
Und das waren jetzt nur 1-2 Jahre die ich wieder ausbügeln musste.
Plus nochmal fast ein Jahr wo ich die richtigen Techniken gelernt hab und Timing usw verbessert hab.
In deinem Fall ist der Hund schon so viel älter und hat so viel länger n falsches Verhalten usw einprogrammiert gehabt, das dauert entsprechend nochmal länger.
Ich würde daher Stellvertreter Konflikte ausfechten bis das besser geklärt ist, an allem anderen (Frustrationstoleranz usw) ja sowieso noch weiter dran arbeiten, Bindung und Vertrauen stärken.
Andernfalls in dem Alter auch gesundheitlich (vorallem Physio) durchchecken lassen da Schmerzen und allein Unwohlsein schon extreme Auswirkungen auf Verhalten und Frustrationstoleranz usw haben kann.
 
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Babs
8. Mai 11:32
Für mich hört sich das erst mal nach, wie Du schon selber sagst, nach Übersprungshandlungen an. Das würde bedeuten, dass er mit einigen Konflikten zu kämpfen hat. Ich empfinde das als ganz normal, da ihr Euch und Eure gemeinsame Kommunikationsebene ja erst mal finden müsst.
Mein erster Gedanke aufgrund Deiner Beschreibung war, dass er lieber aus diese Situation raus möchte und Abstand braucht.

Meine Idee wäre, erst mal Nähe aufbauen. Kuscheln, sozial spielen, Tricks mit Körperkontakt (Pfote geben, sich auf die Seite legen), den Aufbau ihn zwischen die Beine nehmen ...
Immer kurze Einheiten, spielen, Pause (damit er nachdenken und verarbeiten kann), ...

Schön ist auch Shaping. Eine Aufgabe mit Deiner Hilfe lösen lassen. Das baut Vertrauen auf und gleichzeitig Selbstbewusstsein (da er überwiegend alleine die Aufgabe lösen muss).

Je mehr er Dich und Deine Kommunikation kennenlernt, desto weniger Konflikte treten auf. Also nicht von Dir wegarbeiten (etwas wegwerfen), sondern immer zu Dir arbeiten lassen.

Das wären jetzt erst mal meine ersten Schritte. Gleichzeitig kommt jedoch auch das Thema Regeln und Grenzen auf. Klar und konsequent (immer mit gleicher Stimme und Körpersprache handeln) gibt Sicherheit. Eine Korrektur mit einer Berührung beenden und sicher stellen, dass die Korrektur auch angekommen ist, ansonsten landet er wieder in einem Konflikt.

Zum Thema Impulskontrolle und Frusttoleranz: der wesentliche Unterschied ist, dass bei der Impulskontrolle belohnt wird und bei der Frusttoleranz nicht. Keine Ansprache, keine Belohnung, keine Aufmerksamkeit ... Beachtet man das nicht, entsteht immer eine aufschiebende Situation/Belohnung, da Hunde intelligent sind und ein "ruhiges" Verhalten zeigen, damit sie belohnt werden. Das aber nur nebenbei, weil Du es angesprochen hast.

Ich würde erst mal mit dem Aufbau von Nähe anfangen, damit er sich in Deiner Nähe wohl fühlen kann. Nur darum geht es. Es geht nicht um locken, betteln ... .
 
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Michele
8. Mai 11:35
Weiß nicht ob ich was falsch verstanden hab aber hört sich mir eher so an als ob es ein Beziehungsproblem ist wenn er sich nicht korrigieren lässt/ sich nichts sagen lässt als unbedingt Frustrationstoleranz. Vielleicht hast du mal Videos von solchen Situationen damit man es besser sehen kann. Bei nem Bekannten wars halt auch das der Hund nie Konsequenzen hatte und er keinerlei Führung und Grenzen bekam. Er war dadurch Statusaggressiv und meinte alles zu regeln und zu verwalten wie er Bock hatte. Ist natürlich nochmal extremer und eventuell etwas anders als in deinem Fall, nur worauf ich hinaus will ist halt wenn die Fronten, Regeln und Grenzen nicht ordentlich etabliert und geklärt sind kann es zu solchem Verhalten kommen. Grad wenn ein Hund es nicht von Anfang an gelernt hat. In dem von mir beschriebenen Fall bekommt der Hund das duerhaft nicht was er braucht, in deinem Fall hingegen könnt ich mir gut vorstellen das man da einfach viel Zeit braucht bis das alte falsche Muster überschrieben ist grad wenn er vorher es nie richtig gelernt hat wie es laufen sollte. Ich merk bei Rocket zb das er in Sachen die er nicht von Anfang an gelernt hatte immernoch manchmal Korrekturen braucht oder es noch nicht so gut gefestigt ist, andere Sachen wiederum laufen perfekt was er von klein an richtig gelernt hat. Und das waren jetzt nur 1-2 Jahre die ich wieder ausbügeln musste. Plus nochmal fast ein Jahr wo ich die richtigen Techniken gelernt hab und Timing usw verbessert hab. In deinem Fall ist der Hund schon so viel älter und hat so viel länger n falsches Verhalten usw einprogrammiert gehabt, das dauert entsprechend nochmal länger. Ich würde daher Stellvertreter Konflikte ausfechten bis das besser geklärt ist, an allem anderen (Frustrationstoleranz usw) ja sowieso noch weiter dran arbeiten, Bindung und Vertrauen stärken. Andernfalls in dem Alter auch gesundheitlich (vorallem Physio) durchchecken lassen da Schmerzen und allein Unwohlsein schon extreme Auswirkungen auf Verhalten und Frustrationstoleranz usw haben kann.
So weit habe ich gar nicht gedacht, danke 🙂

Er war anfangs ganz fest davon überzeugt zu führen und alles zu regeln.
Das passiert immer noch, aber da mussten wir sehr kleinschrittig ran, da er das gar nicht kannte, nicht selbst zu entscheiden und er musste seinen früheren Besitzer wohl auch schützen, weil der teilweise selbst nicht in der Lage war.
Zuhause hat er das Kontrollverhalten ganz abgelegt, draußen tritt dss auch nur noch vereinzelt auf.


Ich würde die Bindung mittlerweile als ganz gut betiteln, allerdings ist er auch sehr fixiert auf mich und ich glaube, dass wir daran auch arbeiten müssen. Er lässt sich nämlich nicht mehr als 5 Meter von jemand anderen von mir weg führen.


Vielleicht ist die Gesamtheit einfach etwas viel für ihn.

Ich konnte solche Situationen leider bisher noch nicht aufnehmen, weil ich zu sehr konzentriert bin, mich richtig zu verhalten und die Situation mit dem Hund dann ordentlich zu timen.
 
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Michele
8. Mai 11:39
Für mich hört sich das erst mal nach, wie Du schon selber sagst, nach Übersprungshandlungen an. Das würde bedeuten, dass er mit einigen Konflikten zu kämpfen hat. Ich empfinde das als ganz normal, da ihr Euch und Eure gemeinsame Kommunikationsebene ja erst mal finden müsst. Mein erster Gedanke aufgrund Deiner Beschreibung war, dass er lieber aus diese Situation raus möchte und Abstand braucht. Meine Idee wäre, erst mal Nähe aufbauen. Kuscheln, sozial spielen, Tricks mit Körperkontakt (Pfote geben, sich auf die Seite legen), den Aufbau ihn zwischen die Beine nehmen ... Immer kurze Einheiten, spielen, Pause (damit er nachdenken und verarbeiten kann), ... Schön ist auch Shaping. Eine Aufgabe mit Deiner Hilfe lösen lassen. Das baut Vertrauen auf und gleichzeitig Selbstbewusstsein (da er überwiegend alleine die Aufgabe lösen muss). Je mehr er Dich und Deine Kommunikation kennenlernt, desto weniger Konflikte treten auf. Also nicht von Dir wegarbeiten (etwas wegwerfen), sondern immer zu Dir arbeiten lassen. Das wären jetzt erst mal meine ersten Schritte. Gleichzeitig kommt jedoch auch das Thema Regeln und Grenzen auf. Klar und konsequent (immer mit gleicher Stimme und Körpersprache handeln) gibt Sicherheit. Eine Korrektur mit einer Berührung beenden und sicher stellen, dass die Korrektur auch angekommen ist, ansonsten landet er wieder in einem Konflikt. Zum Thema Impulskontrolle und Frusttoleranz: der wesentliche Unterschied ist, dass bei der Impulskontrolle belohnt wird und bei der Frusttoleranz nicht. Keine Ansprache, keine Belohnung, keine Aufmerksamkeit ... Beachtet man das nicht, entsteht immer eine aufschiebende Situation/Belohnung, da Hunde intelligent sind und ein "ruhiges" Verhalten zeigen, damit sie belohnt werden. Das aber nur nebenbei, weil Du es angesprochen hast. Ich würde erst mal mit dem Aufbau von Nähe anfangen, damit er sich in Deiner Nähe wohl fühlen kann. Nur darum geht es. Es geht nicht um locken, betteln ... .
Ja leider lösen andere Hunde dieses Verhalten oft aus und das lässt sich leider nicht immer vermeiden.

Mir ist durch einen anderen Kommentar aufgefallen, dass das Problem schon früher ansetzt.
Er kannte keine Führung und keine Regeln, bzw. musste viel selbst regeln und jetzt ist da plötzlich jemand, der das nicht zulässt und alles für ihn regelt.
 
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Babs
8. Mai 14:08
Ja leider lösen andere Hunde dieses Verhalten oft aus und das lässt sich leider nicht immer vermeiden. Mir ist durch einen anderen Kommentar aufgefallen, dass das Problem schon früher ansetzt. Er kannte keine Führung und keine Regeln, bzw. musste viel selbst regeln und jetzt ist da plötzlich jemand, der das nicht zulässt und alles für ihn regelt.
Was auch immer er gelernt hat, scheint es ja jetzt in ihm Konflikte zu geben. Manche Hunde haben nicht gelernt, diese zu lösen, sondern gehen aus die Situation und landen dann in einer Übersprungshandlung. Desto klarer und verlässlicher muss man als HF sein.

Kleines Beispiel: Der Richtungswechsel. Ziel ist ja, dass sich der Hund orientieren soll. Dem Gegenüber steht aber ein "merkwürdiges/irrationales" Verhalten des HF. Das kann schon einen Konflikt auslösen, wenn man sich als Team noch nicht wirklich kennt.

Auch stellt sich für mich die Frage, warum Nähe zu Dir (also kurze Leine) bei ihm als "Druck" ankommt. Deswegen ging meine Idee dahin, erst mal Nähe aufzubauen und ihn daran gewöhnen.

Ein Hund der sein Leben lang führen und Verantwortung übernehmen musste, kann erst mal gar nicht anders. Sein Verhalten ist generalisiert. Es braucht viel Zeit, ein generalisiertes Verhalten zu ändern. Versteht er das nicht, wird es immer wieder zu Konflikte kommen und damit dann auch die Übersprungshandlungen.

Auch das mit den Kommandos. Diese zu kennen und auch in dieser Situation umsetzen zu können, sind 2 verschiedene Paar Schuhe.
Ein banales Beispiel: Kommando "Sitz". Das Kommando ist sauber aufgebaut und generalisiert. Das ist Voraussetzung. Nun erwartet man ein "Sitz" und der Hund führt es nicht aus. Ein Blick auf dem Boden zeigt nun Brennnessel unter seinem Popo, oder es kommt gerade ein Hund vorbei. Da stellt sich die Frage, ob ein "Sitz" gerade überhaupt umsetzbar ist, denn es ist in dieser Situation kein typisches hündisches Verhalten. Man erwartet echt viel in so einer Situation von seinem Hund und der Hund muss darauf vertrauen können, dass ihm nichts passiert.

Letztendlich sind es meinerseits nur Überlegungen und Gedankengänge. Es ist schwer aus der Ferne zu erkennen, wo die Themen tatsächlich sind.

Ich drücke Euch die Daumen, dass ihr einen Weg zueinander findet.
 
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Lisa-Eileen
8. Mai 14:35
So weit habe ich gar nicht gedacht, danke 🙂 Er war anfangs ganz fest davon überzeugt zu führen und alles zu regeln. Das passiert immer noch, aber da mussten wir sehr kleinschrittig ran, da er das gar nicht kannte, nicht selbst zu entscheiden und er musste seinen früheren Besitzer wohl auch schützen, weil der teilweise selbst nicht in der Lage war. Zuhause hat er das Kontrollverhalten ganz abgelegt, draußen tritt dss auch nur noch vereinzelt auf. Ich würde die Bindung mittlerweile als ganz gut betiteln, allerdings ist er auch sehr fixiert auf mich und ich glaube, dass wir daran auch arbeiten müssen. Er lässt sich nämlich nicht mehr als 5 Meter von jemand anderen von mir weg führen. Vielleicht ist die Gesamtheit einfach etwas viel für ihn. Ich konnte solche Situationen leider bisher noch nicht aufnehmen, weil ich zu sehr konzentriert bin, mich richtig zu verhalten und die Situation mit dem Hund dann ordentlich zu timen.
Hört sich für mich dann immernoch sehr danach an eben Kontrolle/ selbst Entscheidungen treffen wollen/ müssen weil er es vorher nie gelernt hat Verantwortung abzugeben.
Das Thema hab ich ja mit Rocket auch durch, wobei es in schweren Situationen immernoch dazu kommen kann das er meint er müsste vielleicht wieder regeln wobei er sich da sehr gut korrigieren lässt.
Das er dich nicht allein lässt bzw von dir trennen lässt ist ja auch wiederum ein Zeichen das noch nicht genug Vertrauen da ist seinerseits und die Bindung eventuell noch nicht gut genug ist.
Daher ich denke wenn du da weiter dran bleibst mit Geduld und Ruhe wird das auch gehen, wie gesagt er ist ja schon sehr lange und dieses Verhalten und das er gelernt hat immer die Verantwortung zu tragen ist grad bei Hütis die eh dazu neigen n sehr starkes Ding.
Er braucht da einfach Zeit, viele Wiederholungen um das neue zu festigen und das alte Muster loslassen zu können um eben Vertrauen aufzubauen das du regelst und es vorallem auch kompetent kannst.
Sowas kann sehr lange brauchen je nach Hund und wie lang es sich vorher falsch gefestigt hat.