Aber dann wäre das Konzept ja komplett situationsbezogen bzw systembezogen. Da kann jemand in einem Freundeskreis/ Beruf als “neurodivergent” bezeichnet werden, weil er oder sie nicht hineinpasst, in einem anderen Freundeskreis/Beruf nicht?
Edit: dann finde ich die Bezeichnung neurodivergent auch unpassend. Denn die bezieht sich offenbar auf Personen/Eigenschaften. Ich hatte mal gelesen, dass darunter ursprünglich Diagnosen wie ADHS, Autismusspektrumstoerungen, Ticks usw subsumiert wurden.
Ja, genau, Menschen sind nicht per Se neurodivergent oder neuronormativ – sie werden es in Relation zu einem bestimmten Bezugsrahmen.
In einem Umfeld, das zu den eigenen Denk-, Kommunikations- oder Wahrnehmungsweisen passt, entstehen auch keine Barrieren. In einem anderen Kontext können dieselben Eigenschaften aber als „abweichend“ markiert werden.
Ich habe z. B. ein Buch über einen Rollstuhlfahrer gelesen, der beschrieben hat, dass er sich in den USA kaum eingeschränkt gefühlt hat, nicht, weil er weniger beeinträchtigt, sondern weil die Umgebung barrierearm gestaltet war.
Die Einschränkung lag also vor allem im System.
Auch die sog „Lernbehinderung“ ist stark kontextabhängig.
Vor Industrialisierung und standardisierter Schulbildung wären viele heutige Diagnosen gar nicht relevant gewesen, weil der Bezugsrahmen ein anderer war.
Und ich gebe dir recht, dass die Begriffe Neurodiv. und Neuronorm. aus einer eher defizitorientierten Diagnosetradition stammen.
In neueren Ansätzen wird er aber relational verstanden, als Beschreibung von Passung oder Nicht-Passung zwischen Person und System.
Das fühlt sich widersprüchlich an, kann aber durchaus auch Zeichen des Übergangs sein.😅