Danke für deine Nachricht. Ich hab manchmal das Gefühl alles falsch zu machen, denn bevor man einen Schritt vorwärts mit ihr geht geht man 2 zurück. Und wenn sie diese „freeze“ Momente hat, kann ich wirklich machen was ich will. Bis sie den Reiz verarbeitet hat läuft da gar nichts in Richtung ansprechbar. Und auch wenn sie es dann wieder ist merkt man wie abgelenkt sie davon ist und wie unwohl sie sich fühlt.
Genau das ist aber wichtig, in dem Moment keinen Druck reinzubringen und einfach abzuwarten, dem Hund die Zeit zu lassen und den notwendigen Abstand. Gut ist es immer, sich zwischen Hund und diese Situation zu stellen, um dem Hund mit dem eigenen Körper Sicherheit und Schutz zu bieten. Ich hatte das Glück, dass unsere Hündin trotzdem in der Lage war, Leckerchen anzunehmen (wenn auch teilweise eher unbewusst) so dass ich den Situationen immerhin noch etwas Positives hinzufügen konnte. Es ist uns tatsächlich aber auch passiert, dass sie, ausgelöst durch einen Schreckmoment, 4 Stunden lang kaum ansprechbar und völlig "out of order" war. Ich weiß, wie frustrierend das ist und wie weh einem das auch persönlich tut, wenn man solche Rückschläge hat. Weniger ist bei solchen Hunden oft mehr. Nicht zu viel Situationen üben wollen, sondern die leichteren, damit sie erstmal in den nicht so schwierigen Situationen sicherer werden und mehr Vertrauen wachsen kann. Wenn man viel üben möchte, bringt man den Hund zu oft in unangenehme Situationen und darunter leidet auch die Beziehung und das Vertrauen. Und durch ständige Stresssituationen steigt der Kortisolspiegel stark an, was der Gesundheit auf Dauer extrem schadet. Denn es dauert lange, bis Kortisol im Körper wieder abgebaut ist. Was auch dem Hund auch sehr hilft ist, Dinge zu tun, egal wie banal sie erscheinen, die er gut kann. Daran wächst sein Selbstbewusstsein, sein Mut, Dinge zu schaffen, gut zu können und dafür gelobt zu werden! Er braucht unbedingt Erfolge, die er sich u.a. selbst bzw. mit Dir erarbeitet. Zudem habe ich eine grundsätzlich sensible, sehr dynamische, sportliche Hündin, bei der ich damals parallel die Ernährung so angepasst habe, dass sie Übersprungshandlungen, Aggression, zu starke Dynamik, Ängste usw. möglichst nicht unterstützt. Also zum einen ein Futter mit max. 21% Protein, also ein Futter, das in einen solchen Hund nicht noch mehr überflüssige Energie bringt und zum anderen reine Bierhefe ( deckt den kompletten Vitamin B Komplex) u.a. zur Stärkung des Nervenkostüms. Vitamin B hilft dem Körper u .a. Serotonin (Glückshormon) zu bilden, was dem Hund ebenfalls hilft. Zudem habe ich damals Zylkene genutzt (Nahrungsergänzungsmittel aus Milcheiweis, keine Chemie bzw. kein Medikamente). Pheromonprodukte haben zuvor nicht die erwünschte Wirkung gebracht. Zylkene hilft, den Hund in stressigeren, schwierigeren Situationen etwas ansprechbarer und aufnahmefähiger für Anleitungen/Ansprachen zu machen. Und das erleichtert es, Situationen mit dem Hund zu üben, zu trainieren. Wie gesagt, kleinschrittig, immer nur so nah oder soweit, wie der Hund es gut ertragen kann. All diese Dinge ( Futter, Bierhefe, Zylkene) habe ich parallel, also gleichzeitig umgesetzt. Als Zylkene hinzukam merkte ich nach einigen Tagen, dass sie in Situationen, in denen sie zuvor SOFORT panisch in den Fluchtmodus ging, tatsächlich zwar eigentlich weg wollte, aber durchaus auch nochmal zögerte bzw. sich nochmal umdrehte, um ein zweites Mal hinzuschauen. Das alleine war schon ein gewaltiger Meilenstein, da ich dieses Verhalten dann super belohnen konnte. Dafür, dass sie sich die Situation nochmal angeschaut und einen Moment länger ausgehalten hat, auch wenn es aus der Entfernung war. Kleine Schritte/Erfolge unbedingt belohnen/loben! Grundsätzlich war es übrigens bei ihr so, dass sie zu viele optische Reize nicht filtern bzw. verarbeitet konnte. Jeder dieser Reize war einzeln überhaupt gar kein Problem für sie, aber 5 gleichzeitig (wie z.B. in einer Fußgängerzone: Wackelnder Werbeständer, wehende Markise, drehender Kleiderständer, wehende Werbefahne, sich öffnende/schließenden Türen) brachten sie völlig aus der Bahn. Das ist zwar heute immer noch nicht verschwunden, aber sie kann es aushalten und ertragen ohne zu leiden und ohne sich der Situation entziehen, sprich flüchten zu wollen. Genauso ist es mit einigen anderen Situationen, die wir seit vielen Jahren gut meistern können, da wir zusammen gewachsen sind und sie weiß, dass ihr nichts passiert solange wir bei ihr sind und sie sich an uns orientiert. Und wir bringen sie nicht in Situationen von denen wir wissen, dass es zuviel für sie wäre. Ihre verschiedenen Traumata haben wir mit Arbeit und Geduld gut überlagert und wir achten aufmerksam im Alltag darauf, dass wir solche Auslöser rechtzeitig erkennen/sehen bevor sie sie entdeckt und ihr "ansagen". So, dass wir sie darauf hinweisen können, bevor sie sie sieht und sie "vorgewarnt' wird. Das funktioniert mit ihr sehr gut. Sie schaut dann dort hin, dann wieder zu uns und wird gelobt. So haben wir es letztendlich geschafft, sie "alltagstauglich" zu machen, so dass sie uns tatsächlich überall hin begleiten kann. Es ist und bleibt eine lebenslange Aufgabe aber das macht man irgendwann automatisch, man wächst rein in diese Abläufe. Autismus ist ja nichts was man heilt oder behebt, sondern man muss lernen die schwierigen Situationen zu händelbar, erträglich zu machen. Da habe ich mich tatsächlich viel daran orientiert, wie es bei Menschen mit Autismus ist. Ein Autist steht in der Regel auch nicht darauf, dass Fremde ihm einfach um den Hals fallen. Und beim Hund muss man dann solche Situationen ebenso akzeptieren. Wenn Nähe von Menschen oder Hunden nicht erwünscht oder nicht angenehm ist, MUSS man das akzeptieren. Der Hund zeigt selber an wann und mit wem es ok ist. So unangeleinte Tut-Nixe sind da leider wenig hilfreich! Unsere Hündin hat ( außer unserer zweiten Hündin) 4 andere Hunde die sie mit der Zeit auf angeleinten Spaziergängen in Ruhe und zunächst EINZELN kennenlernen konnte, Vertrauen aufbauen konnte. Und mit denen rennt und tobt sie völlig problemlos wie jeder andere Hund auch. Weniger aber dafür gute, passende, zuverlässige Kontakte sind da sehr hilfreich.