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Julia 🐾Nero
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zuletzt 14. Sept.

Warum "Hunde sind Hunde" bzw das Negieren rassespezifischer Eigenschaften mich wütend machen

Ich möchte hier eine Konversation aus dem Thread https://dogorama.app/de-de/forum/Verhalten_Psychologie/Warum_immer_Abends-SKkAcdptrZCMocCvqgDF/ fortsetzen bzw eine Antwort darauf geben, wieso mich das Thema rassespezifische Eigenschaften und damit verbunde Anforderungen an Haltung und Auslastung emotional machen. Ich konnte auf die Frage nicht mehr eingehen, da der Thread geschlossen wurde, bevor ich wieder online war. Zunächst, welche Aussagen triggern mich? - "Hunde sind Hunde sind Hunde" - Hunde einer Rasse haben nur Optik gemein - nur wenige Individuen erfüllen zufällig Rassestandards im Verhalten und der Rest ist Ausschuss - Gebrauchshunderassen bzw Arbeitsrassen seien ein überbewertetes Konzept - Arbeitsrassen brauchen keinen Job - rassegerechte Auslastung ist ein Mythos und alle Hunde wollen nur chillen und dösen, wenn man sie lässt Warum macht mich das wütend? Weil solche Aussagen in meinen Augen reelles Tierleid verursachen. Ich habe so ein Tierleid bei mir auf der Couch liegen. Reine Arbeitsrasse angeschafft als Familienhund. Hund ist doch Hund ist doch Hund. Auslastung ist Mythos, Alltag ist Auslastung genug. Nette Menschen, die diese Lügen geglaubt haben. Ich habe diese auch geglaubt und ihn mit 2 Jahren und massig Verhaltensproblemen übernommen. Nach den ersten zwei Trainern, dann die dritte Trainerin, die Tacheles gesprochen hat. "Das ist kein Haustier, das ist ein Arbeitshund. Entweder du reißt dich zusammen und hältst ihn so, oder gib ihn weg." Ich habe die Trainerin gekündigt und war noch bei 3 weiteren, bis auch ich endlich verstanden habe, was Gebrauchshunde und Arbeitsrassen sind. Und was mit ihnen passiert, wenn sie nicht richtig ausgelastet werden. Sprich, wenn ihre genetischen körperlichen, kognitiven und sozialen Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Denn das ist kynologisch betrachtet "Auslastung". Anhänger der "Hunde sind Hunde" Theorie berufen sich häufig auf eine Studie, die keine rassespezifischen Eigenschaften untersucht, sondern Persönlichkeitsmerkmale. Und auch diese Studie sagt nicht, dass diese Merkmale zufällig sind, sondern dass die Persönlichkeit der Eltern einen größeren Einfluss hat, als die Rasse. Mit keinem Wort wird das Thema rassegerechte Auslastung erwähnt. Dann gibt es noch "Promi Trainer", die behaupten sie würden mir ihren Hunden kaum spazieren gehen und das bräuchten Hunde gar nicht. Was diese Trainer gerne verschweigen ist, dass sie nicht selten riesige Areale besitzen, auf denen ihre Hunde den ganzen Tag mit anderen Hunden nach Belieben rennen, buddeln und schwimmen können. Und das hört dann jemand in der Großstadt mit kleiner Wohnung und Einzelhund und denkt "Super, dann muss mein Fifi auch nicht spazieren gehen", sondern 22 bis 23 Stunden in der Wohnung vegetieren. Und wenn es für 1 Stunde raus geht, dann schön an der Leine und bloß nicht zu viel Schnüffeln oder Ziehen. Und wenn Fifi ein kleiner Gesellschafthund ist, der für dieses Leben gezüchtet wurde, dann ist das eine traurige Existenz, aber die Hunde packen/tolerieren das. Wenn es ein Malinois ist (die im anderen Thread erwähnte Rasse, im Hunde sind Hunde sind Hunde Zitat), dann drehen diese Hunde durch. Auf der Suche nach einem Hund habe ich Australien Shepherds gesehen mit wiederholten schweren Beißvorfällen, Border Collies die sich zwanghaft drehen und und und. Und immer waren es unausgelastete "Familienhunde" und verzweifelte Menschen, die bereits wie ich mehrere Trainer durch hatten und nichts geholfen hat. Weil es Trainer waren, die dieser schlimmen Propaganda zum Opfer gefallen sind und sie weiter tragen, dass Hunde einfach Hunde sind. Wer in die Gebrauchshunde und Arbeitshunde Welt eintaucht, sich mit echten Experten, Züchtern und Trainern, die mit diesen Hunden über Jahrzehnte arbeiten und sie rehabilitieren beschäftigt und von diesen lernt, wird bei solchen Aussagen einfach wütend, denn sie werden es auch. Es landen so viele dieser Hunde als unvermittelbar in Tierheimen oder Shelter und werden im Ausland massenweise eingeschläfert. Es ist echtes Tierleid, nicht anders als Qualzucht. Hunde sind nicht einfach Hunde. Hunde sind die Art mit der größten Diversität auf der Welt. Manche Rassen wurden sehr selektiv für sehr spezielle Aufgaben gezüchtet. Man sollte sich sehr gut überlegen, ob man diesen Rassen gerecht werden kann durch die eigene Persönlichkeit, Umgebung und Auslastung. Und wer sagt, die Hunde sollen doch einfach genügsamer gezüchtet werden, sollte sich vielleicht mal fragen, wieso man denn ausgerechnet einen Malinois oder Border Collie braucht. Wenn man die Hunde nur haben muss, weil sie schön sind, dann ist man nicht besser als jemand, der Mops oder Cavalier King Charles Spaniel hat. Langer Text, ich wollte aber dennoch auf die Frage antworten, was mich so triggert.
 
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Katrin
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12. Sept. 21:02
Bin da zu 100% bei dir.
 
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Katrin
12. Sept. 21:02
Bin da zu 100% bei dir.
 
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Dogorama-Mitglied
12. Sept. 21:03
Liebe Julia, vielen lieben Dank für deine Antwort als neuen Thread!
 
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Petra
12. Sept. 21:22
Danke Julia, dass du das Thema des überraschend geschlossenen Threads hier wieder aufnimmst!

Alles darin Geteiltes hier zu rekapitulieren ist nicht möglich.

Mir ist besonders ein vermeintliches Spannungsfeld darin in Erinnerung, welches mich konkret mit meinem Hund Locke beschäftigte: Bedürfnisorientierte und Kompetenzen nutzende Beschäftigung vs. erforderlichen Ruhe und Erholung.
Auslastung bedeutet daher nicht Performance mit der Gefahr von Überlastung. Sondern optimale Balance von angemessenen Aktivitäten und Ruhe.

Locke und ich haben einen gemeinsamen Job (er als Therapiebegleithund) und teilen Hobbies (Dummy Training, Agility), welche Lockes "rassespezifischen" Interessen und Neigungen nachkommen.

Letztere hat er mir bereits schon als Welpe und Junghund selber "angeboten". Ersteres war mein Auswahlkriterium für einen Welpen aus dieser einen "Zuchtfamilie", um bestmöglichen Fit für die Arbeit mit Menschen zu bekommen.

Er war für mich ein lucky punch, aber kein Zufall.
 
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Petra
12. Sept. 21:33
Ich habe auf anderen Plattformen auch so für mich wahnsinnige Trainer gesehen, die die Thesen verfolgen Hund ist Hund ist Hund. Gaaaaanz schlimm. Ich habe ihnen vorgeworfen damit Tierleid zu verursachen und dass die Tierheime auch damit gefüllt werden, aber die sind immun dagegen. Kann nur Kopfschütteln. Vorallem die Verallgemeinerung mit Arbeitshunderassen. Ich hab dann ein Beispiel gegeben, dass dann die Wohnung z.B. zerlegt wird bei Nichtauslastung. Das wären dann andere Gründe meinten sie 🤣🤣🤣🤣. Ich kann nur Kopfschütteln. Ich habe einen Arbeitshund als Familienhund.
 
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Dogorama-Mitglied
12. Sept. 23:04
Julia, ich freue mich, dass wir die Diskussion hier fortsetzen können. Danke für diesen Thread. Das Thema finde ich enorm wichtig.

Ich habe die Aussagen "Hund ist Hund" und "Hunde brauchen vor allem Ruhe" übernommen von schlauen Leuten, die sie in einem ganz bestimmten Kontext getroffen haben. Es gibt nämlich auch das genaue Gegenteil von Deinen Erfahrungen, und das leider immer häufiger: dass Hunden Unterforderung unterstellt wird, obwohl sie völlig überfordert sind, und das nur mit der Begründung, dass sie einer Arbeitsrasse angehören. Aussagen wie "Dein Hund gehört einer Arbeitsrasse an, der braucht viel mehr Auslastung" oder "ein Jagdhund gehört ausschließlich in Jägerhände" sind es, die MICH triggern, wenn sie pauschal getroffen werden.

Ich gebe Dir Recht, dass ein unausgelasteter Hund leidet, und dass das keine Lappalie ist. Ich gebe Dir auch Recht, dass es einige Arbeitshunderassen gibt, bei denen für jeden Hund dieser Rassen die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man ihn in besonderem Maße und in rassespezifischer Art auslasten muss.
Aber man muss immer, bei jedem Hund, egal welcher Rasse er angehört, die individuellen Bedürfnisse herausfinden. Und diese befriedigen.

In meinen Augen ist es völlig egal, ob ich einen Arbeitshund habe oder einen, der zum Familienhund gezüchtet wurde. Wenn er nicht ausgelastet ist, muss ich seine Bedürfnisse, Talente und Vorlieben herausfinden und mir etwas zur Auslastung einfallen lassen. Nur dazu fehlt bei vielen die Bereitschaft. Wie oft lese ich hier, dass man nicht bereit ist, den Alltag dem Hund anzupassen, selbst für eine vorübergehende Trainingsphase nicht. DAS ist für mich das eigentliche Problem, dass der Hund mit seinen individuellen Bedürfnissen gar nicht ernst genommen wird.

Bei der Anschaffung eines Hundes halte ich es für sehr sinnvoll, sich anzuschauen, was bei der Zucht im Vordergrund stand. Sich schlau zu machen, wie die Vertreter der betreffenden Rasse durchschnittlich drauf sind. Und dann zu überlegen, was für ein Hund zu einem passen und welchem man gerecht werden kann.
Aber es gibt viele, die sich einen Vertreter der Rasse anders vorgestellt haben, als ihr Hund ist. Ich kenne viele Labbis, hatte selbst bis jetzt 4, die waren alle extrem unterschiedlich. Auch die Border Collies, die ich kenne, sind extrem verschieden. Einzelne müssen Arbeiten, etwas anspruchsvolles tun, um ausgelastet zu sein. Andere sind mit normalem Familienalltag zufrieden.
Wir haben mit Ella einen Arbeitshund aufgenommen (Segugio-Mix, extreme Jägerin). Auf keinen Fall ist sie mit den anderen 5 zu vergleichen. Ich kenne also den Unterschied zwischen Familien- und Arbeitshunden. Und natürlich ermögliche ich es, dass Ella jagen geht, denn das ist das, was sie glücklich macht. Sie darf in unserem Garten buddeln, wir verfolgen gemeinsam Wildfährten, beobachten zusammen die Tiere, die hier so rumlaufen. Sie ist ausgelastet, das zeigt mir ihr Verhalten im Haus. Gehört sie also zwingend in Jägerhand?

Ich kann verstehen, warum Dich - gerade wegen Deiner Erfahrungen - die von Dir zitierten Aussagen triggern. Aber ich plädiere dafür, neben genug und rassespezifischer Auslastung doch vorrangig den individuellen Hund zu betrachten und diesen nicht zu überlasten, nur weil er das als Vertreter einer Arbeitshunderasse angeblich braucht.
 
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Stefanie
12. Sept. 23:16
Hallo, ich wusste nicht, dass es einen Trend gibt, typische Verhaltensweisen zu unterbinden.
Wer einen Hund zu sich holt, ist auch in der Pflicht dem Hund seine Bedürfnisse zu erfüllen. Ein Hund sucht sich nicht aus, ob er zu dem Menschen geht, sondern wir entscheiden, dieser Hund kommt zu mir. Dann habe ich, bitte schön, auch die Aufgabe ihm gerecht zu werden. Jeder sollte sich vorher mit der Rasse vertraut machen. Leider gibt es immer noch Leute, die nur nach dem Aussehen entscheiden, und ohne Kenntnisse über die Rasse einen Hund aussuchen.
Ich habe einen Hund( Mischling) aus dem Tierschutz nach Deutschland geholt. Es war überhaupt nicht klar, dass es ein Border-Collie Mischling ist. Nun habe ich einen sehr anspruchsvollen Freund bekommen. :-) Täglich minimum 2,5 Stunden draußen und dabei Trainingseinheiten und Spiel. Das war nicht so gedacht, aber er braucht es. Es macht letzendlich Spaß und ist auch mein Sport. Es stärkt unsere Bindung zueinander. Viele andere Dinge sind auch sehr anstrengend mit ihm, z.B. territoriales Verhalten. Wir arbeiten daran. Man muss ehrlich sein, eine Familie mit Kind würde das kaum schaffen, deshalb bitte setzt euch mit den rassetypischen Verhalten des Hundes vor dem Einzug auseinander.
Ja, die Rassen haben typische Verhalten und brauchen dementsprechend ihr Programm!!
Wer das ignoriert wird einen verhaltensauffälligen Hund bekommen. Wenn ein Mensch freiheitsliebend und sportlich ist, aber nur drinnen bleiben muss und Büroarbeit machen soll... Das ist das gleiche.
 
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Sabrina
12. Sept. 23:37
Anfänger sollten sich gar keine Arbeitsrasse holen. Um eine Arbeitsrasse Händeln zu können, musst du wissen, was speziell dieser Hund braucht. Und selbst dann ist es noch schwierig, den Grat zwischen da geht noch was oder da geht nix mehr zu erwischen. Ich merk es jetzt bei meinem Kelpie. Wobei ich mich da einbremsen muss, da er erst 7 Monate alt ist. Kopf ist schnell voll. Also wird vorher der Kopf ausgelastet und danach der Körper. Mittlerweile schläft er ganz gut in der Nacht und auch tagsüber.
 
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Carola
13. Sept. 00:17
Ich finde es gut dass du das Thema noch mal aufgreift und ich bin auch wirklich entsetzt über diesen Trend. Natürlich braucht ein Hund seine angemessene Ruhezeit aber ein Hund der arbeiten möchte und ständig zur Ruhe gezwungen wird resigniert entweder völlig oder er dreht einfach durch.
Und ja die Genetik spielt eine Rolle und das mag man leugnen aber sie wird trotzdem eine Rolle spielen. Man hat ja sogar den Abweichungen in den unterschiedlichen Hunderassen entdeckt. Die Abweichungen mögen zwar gering sein dennoch verursachen sie große Unterschiede.
Und ja diese Ideologie verursacht großes Tierleid denn es werden oftmals die falschen Hunde im falschen Händen gehalten.
Jetzt habe ich Wachhunde und sie haben bestimmte Verhaltensweisen die ich ihnen nicht beigebracht habe dennoch sind sie vorhanden und das muss ich berücksichtigen im Umgang mit den Hunden.
Zuvor hatte ich einen Border Collie aus einer Arbeitslinie der nicht artgerecht ausgelastet völlig verstört und gestört zu mir kam. Zum Glück fand ich eine gute Trainerin die mir genau dies erklärte und uns anleitete den Hund seine Wesen entsprechend auszulasten.
Es war ein ganz harter Weg aber er hat sich gelohnt und mit der entsprechenden Auslastung und Anleitung wurde der Hund händelbar und umgänglich und war 14 Jahre bis zu seinem Tod bei mir.
Ich finde es fatal wenn ein Hund nur nach Optik ausgesucht wird, die Eigenschaften keine Rolle spielen weil man ja nur genug üben muss oder noch schlimmer ihm genügend Ruhe beibringen muss und seine rassespezifischen Eigenschaften nicht berücksichtigt werden.
Aufgrund dieser Erfahrung habe ich mir bewusst Wachhunde ausgesucht weil ich denen einen vernünftigen Job geben kann. Auch dieser Rasse wird einiges nachgesagt was teilweise sogar stimmt wenn man ihre Verhaltensweisen und ihre Veranlagung nicht berücksichtigt. Dann kann ein Spitz durchaus zur Schnappschildkröte und zum elenden Kläffer mutieren. Bei artgerechter Auslastung sind es so ziemlich die freundlichsten Hunde die es gibt.
Neben dem Wesensreigenschaften gibt es natürlich individuelle Unterschiede denn jeder Hund ist auch eine eigene Persönlichkeit aber bestimmte Grundzüge bleiben eben weil eine bestimmte Rasse ja auch für einen bestimmten Zweck gezüchtet wurde.
 
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Dogorama-Mitglied
13. Sept. 04:35
Julia, ich freue mich, dass wir die Diskussion hier fortsetzen können. Danke für diesen Thread. Das Thema finde ich enorm wichtig. Ich habe die Aussagen "Hund ist Hund" und "Hunde brauchen vor allem Ruhe" übernommen von schlauen Leuten, die sie in einem ganz bestimmten Kontext getroffen haben. Es gibt nämlich auch das genaue Gegenteil von Deinen Erfahrungen, und das leider immer häufiger: dass Hunden Unterforderung unterstellt wird, obwohl sie völlig überfordert sind, und das nur mit der Begründung, dass sie einer Arbeitsrasse angehören. Aussagen wie "Dein Hund gehört einer Arbeitsrasse an, der braucht viel mehr Auslastung" oder "ein Jagdhund gehört ausschließlich in Jägerhände" sind es, die MICH triggern, wenn sie pauschal getroffen werden. Ich gebe Dir Recht, dass ein unausgelasteter Hund leidet, und dass das keine Lappalie ist. Ich gebe Dir auch Recht, dass es einige Arbeitshunderassen gibt, bei denen für jeden Hund dieser Rassen die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man ihn in besonderem Maße und in rassespezifischer Art auslasten muss. Aber man muss immer, bei jedem Hund, egal welcher Rasse er angehört, die individuellen Bedürfnisse herausfinden. Und diese befriedigen. In meinen Augen ist es völlig egal, ob ich einen Arbeitshund habe oder einen, der zum Familienhund gezüchtet wurde. Wenn er nicht ausgelastet ist, muss ich seine Bedürfnisse, Talente und Vorlieben herausfinden und mir etwas zur Auslastung einfallen lassen. Nur dazu fehlt bei vielen die Bereitschaft. Wie oft lese ich hier, dass man nicht bereit ist, den Alltag dem Hund anzupassen, selbst für eine vorübergehende Trainingsphase nicht. DAS ist für mich das eigentliche Problem, dass der Hund mit seinen individuellen Bedürfnissen gar nicht ernst genommen wird. Bei der Anschaffung eines Hundes halte ich es für sehr sinnvoll, sich anzuschauen, was bei der Zucht im Vordergrund stand. Sich schlau zu machen, wie die Vertreter der betreffenden Rasse durchschnittlich drauf sind. Und dann zu überlegen, was für ein Hund zu einem passen und welchem man gerecht werden kann. Aber es gibt viele, die sich einen Vertreter der Rasse anders vorgestellt haben, als ihr Hund ist. Ich kenne viele Labbis, hatte selbst bis jetzt 4, die waren alle extrem unterschiedlich. Auch die Border Collies, die ich kenne, sind extrem verschieden. Einzelne müssen Arbeiten, etwas anspruchsvolles tun, um ausgelastet zu sein. Andere sind mit normalem Familienalltag zufrieden. Wir haben mit Ella einen Arbeitshund aufgenommen (Segugio-Mix, extreme Jägerin). Auf keinen Fall ist sie mit den anderen 5 zu vergleichen. Ich kenne also den Unterschied zwischen Familien- und Arbeitshunden. Und natürlich ermögliche ich es, dass Ella jagen geht, denn das ist das, was sie glücklich macht. Sie darf in unserem Garten buddeln, wir verfolgen gemeinsam Wildfährten, beobachten zusammen die Tiere, die hier so rumlaufen. Sie ist ausgelastet, das zeigt mir ihr Verhalten im Haus. Gehört sie also zwingend in Jägerhand? Ich kann verstehen, warum Dich - gerade wegen Deiner Erfahrungen - die von Dir zitierten Aussagen triggern. Aber ich plädiere dafür, neben genug und rassespezifischer Auslastung doch vorrangig den individuellen Hund zu betrachten und diesen nicht zu überlasten, nur weil er das als Vertreter einer Arbeitshunderasse angeblich braucht.
Ich kann da zu jedem Satz, den du schreibst nur nicken.
Ich habe zwei Vizslas, die auch noch miteinander verwandt sind.
So sehr, wie sie sich äußerlich wie ein Ei dem anderen ähneln, so unterschiedlich sind sie im Wesen.
Die Große ist die Ruhe in Person. Wollte ich ihr jagdliche Auslastung bieten, würde sie mir den Vogel zeigen. Ihr Hauptinteresse ist es, so viele Stunden wie geht gestreichelt zu werden. Draußen ist es ihr wichtig, im Trab den Feldrand abzulaufen und Amseln, Fasane, Meisen anzuzeigen. Kurzes Lob meinerseits und es geht weiter.
Die Kleine: das komplette Gegenteil. Und bei der würde es tatsächlich mit Anlauf in die Hose gehen, wenn ich ihr nicht jagdliche Auslastung bieten würde.
Durch das Jagdersatztraining bei einer Jägerin haben wir nun etwas gefunden, das dem Anspruch der Kleinen genügt. Es ist ernsthaft, anspruchsvoll, schwierig und spannend und sie konzentriert sich außerordentlich im Training. Plus noch ihre körperliche Power, die sich dann so richtig entladen kann.
Dazu machen wir noch „Aushalten von Reizen“, hier suche ich regelrecht das Wild, beobachten es und machen dann Alternativen in der Anwesenheit der Wildtiere.
Ohne dieses wirklich aufwändige Training und die Auslastung wären die Kleine und ich sicherlich die reinsten Nervenbündel und die Kleine wahrscheinlich auch bereits ein Wanderpokal.
Von daher: mMn ist es unfair, einem Hund - nur weil er einer Arbeitsrasse angehört - ein Auslastungsprogramm überzustülpen, dass er gar nicht will und braucht.
Genauso wie es unfair ist, einem Hund zu sagen „Du bist ein Hund, nun chill mal!“
Beides kann mächtig in die Hose gehen, aber sowas von.
Und ja, es werden sich ständig die falschen Hunde aus den falschen Beweggründen angeschafft, mit falschen Erwartungen. Und leiden tut dann zuvorderst der Hund.
Man liest es hier in fast jedem Thread: „hat jemand einen Tipp für mich?“ und „wir haben schon alles probiert“.
Die Leute wollen ernsthaft „Tipps“ und haben Dinge „probiert“. Das sind die Worte hier bei Dogorama, die mich triggern. Denn die Leute wollen eigentlich nur ne Wunderlösung für das aktuelle Problem mit dem Hund, damit sie fix ihre Ruhe haben und der Hund wieder unauffälliges Accessoire ist. Da bekomme ich die Wut.
Der Thread zum Beispiel „Wege zur Freundschaft“. Ein wunderbarer Thread für Leute mit jagenden Hunden. Sehr, sehr viele Antworten für kleine und große Jäger. Aber halt auch kein einfacher und „mal eben nebenbei“- Weg. Man weiß natürlich nicht, wieviele Leute nur still mitlesen, aber man könnte für den Eindruck gewinnen, man wäre dort in einer geschlossenen Gruppe mit 7 Mitgliedern unterwegs…. So wenig interessieren sich die Leute für richtig gute Auslastung.

Mein Fazit: die Rasse(n), die dein Hund in sich trägt, die geben dir Aufschluss, für was sich dein Hund interessieren könnte, was seine Neigungen und Bedürfnisse sind.
Aber du musst auch individuell schauen, ob das auch wirklich bei deinem Hund zutrifft und darauf dann Beschäftigung und Auslastung anpassen - genauso wie das Ruhebedürfnis.
 
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Sonja
13. Sept. 05:03
Ich bin da total deiner Meinung Julia. Mich hat damals dieser Studienthread auch so getriggert, diese Studie wird bei der Laien-Argumentation ja gerne genutzt und absolut aus dem Zusammenhang gerissen. Die Ergebnisse sind für uns Hundehalter völlig irrelevant, sie sind interessant in den Händen von Wissenschaftlern. Aber bei der Hundewahl sollte sie niemals herangezogen werden. Wird sie aber von Leuten, die sich einreden wollen ein Husky als Begleithund in der Stadtwohnung ist bestimmt keine schlechte Idee, schließlich gibt es da eine Studie "die besagt", die Rasse habe ja keinen großen Einfluss. Boah... Völlig falsch eingeordnet.
Natürlich ist der Hund selbst mehr als seine Rasse. Und es gibt auch immer wieder welche, die ihre Beschreibung nicht gelesen haben 😂 Aber dennoch trifft der Kern auf so ziemlich alle zu und dessen sollte man sich bewusst sein. Man kann Veranlagung lenken und sich vieles zu nutze machen. Aber wegdeckeln lässt sie sich nicht.