Julia, ich freue mich, dass wir die Diskussion hier fortsetzen können. Danke für diesen Thread. Das Thema finde ich enorm wichtig.
Ich habe die Aussagen "Hund ist Hund" und "Hunde brauchen vor allem Ruhe" übernommen von schlauen Leuten, die sie in einem ganz bestimmten Kontext getroffen haben. Es gibt nämlich auch das genaue Gegenteil von Deinen Erfahrungen, und das leider immer häufiger: dass Hunden Unterforderung unterstellt wird, obwohl sie völlig überfordert sind, und das nur mit der Begründung, dass sie einer Arbeitsrasse angehören. Aussagen wie "Dein Hund gehört einer Arbeitsrasse an, der braucht viel mehr Auslastung" oder "ein Jagdhund gehört ausschließlich in Jägerhände" sind es, die MICH triggern, wenn sie pauschal getroffen werden.
Ich gebe Dir Recht, dass ein unausgelasteter Hund leidet, und dass das keine Lappalie ist. Ich gebe Dir auch Recht, dass es einige Arbeitshunderassen gibt, bei denen für jeden Hund dieser Rassen die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass man ihn in besonderem Maße und in rassespezifischer Art auslasten muss.
Aber man muss immer, bei jedem Hund, egal welcher Rasse er angehört, die individuellen Bedürfnisse herausfinden. Und diese befriedigen.
In meinen Augen ist es völlig egal, ob ich einen Arbeitshund habe oder einen, der zum Familienhund gezüchtet wurde. Wenn er nicht ausgelastet ist, muss ich seine Bedürfnisse, Talente und Vorlieben herausfinden und mir etwas zur Auslastung einfallen lassen. Nur dazu fehlt bei vielen die Bereitschaft. Wie oft lese ich hier, dass man nicht bereit ist, den Alltag dem Hund anzupassen, selbst für eine vorübergehende Trainingsphase nicht. DAS ist für mich das eigentliche Problem, dass der Hund mit seinen individuellen Bedürfnissen gar nicht ernst genommen wird.
Bei der Anschaffung eines Hundes halte ich es für sehr sinnvoll, sich anzuschauen, was bei der Zucht im Vordergrund stand. Sich schlau zu machen, wie die Vertreter der betreffenden Rasse durchschnittlich drauf sind. Und dann zu überlegen, was für ein Hund zu einem passen und welchem man gerecht werden kann.
Aber es gibt viele, die sich einen Vertreter der Rasse anders vorgestellt haben, als ihr Hund ist. Ich kenne viele Labbis, hatte selbst bis jetzt 4, die waren alle extrem unterschiedlich. Auch die Border Collies, die ich kenne, sind extrem verschieden. Einzelne müssen Arbeiten, etwas anspruchsvolles tun, um ausgelastet zu sein. Andere sind mit normalem Familienalltag zufrieden.
Wir haben mit Ella einen Arbeitshund aufgenommen (Segugio-Mix, extreme Jägerin). Auf keinen Fall ist sie mit den anderen 5 zu vergleichen. Ich kenne also den Unterschied zwischen Familien- und Arbeitshunden. Und natürlich ermögliche ich es, dass Ella jagen geht, denn das ist das, was sie glücklich macht. Sie darf in unserem Garten buddeln, wir verfolgen gemeinsam Wildfährten, beobachten zusammen die Tiere, die hier so rumlaufen. Sie ist ausgelastet, das zeigt mir ihr Verhalten im Haus. Gehört sie also zwingend in Jägerhand?
Ich kann verstehen, warum Dich - gerade wegen Deiner Erfahrungen - die von Dir zitierten Aussagen triggern. Aber ich plädiere dafür, neben genug und rassespezifischer Auslastung doch vorrangig den individuellen Hund zu betrachten und diesen nicht zu überlasten, nur weil er das als Vertreter einer Arbeitshunderasse angeblich braucht.
Ich kann da zu jedem Satz, den du schreibst nur nicken.
Ich habe zwei Vizslas, die auch noch miteinander verwandt sind.
So sehr, wie sie sich äußerlich wie ein Ei dem anderen ähneln, so unterschiedlich sind sie im Wesen.
Die Große ist die Ruhe in Person. Wollte ich ihr jagdliche Auslastung bieten, würde sie mir den Vogel zeigen. Ihr Hauptinteresse ist es, so viele Stunden wie geht gestreichelt zu werden. Draußen ist es ihr wichtig, im Trab den Feldrand abzulaufen und Amseln, Fasane, Meisen anzuzeigen. Kurzes Lob meinerseits und es geht weiter.
Die Kleine: das komplette Gegenteil. Und bei der würde es tatsächlich mit Anlauf in die Hose gehen, wenn ich ihr nicht jagdliche Auslastung bieten würde.
Durch das Jagdersatztraining bei einer Jägerin haben wir nun etwas gefunden, das dem Anspruch der Kleinen genügt. Es ist ernsthaft, anspruchsvoll, schwierig und spannend und sie konzentriert sich außerordentlich im Training. Plus noch ihre körperliche Power, die sich dann so richtig entladen kann.
Dazu machen wir noch „Aushalten von Reizen“, hier suche ich regelrecht das Wild, beobachten es und machen dann Alternativen in der Anwesenheit der Wildtiere.
Ohne dieses wirklich aufwändige Training und die Auslastung wären die Kleine und ich sicherlich die reinsten Nervenbündel und die Kleine wahrscheinlich auch bereits ein Wanderpokal.
Von daher: mMn ist es unfair, einem Hund - nur weil er einer Arbeitsrasse angehört - ein Auslastungsprogramm überzustülpen, dass er gar nicht will und braucht.
Genauso wie es unfair ist, einem Hund zu sagen „Du bist ein Hund, nun chill mal!“
Beides kann mächtig in die Hose gehen, aber sowas von.
Und ja, es werden sich ständig die falschen Hunde aus den falschen Beweggründen angeschafft, mit falschen Erwartungen. Und leiden tut dann zuvorderst der Hund.
Man liest es hier in fast jedem Thread: „hat jemand einen Tipp für mich?“ und „wir haben schon alles probiert“.
Die Leute wollen ernsthaft „Tipps“ und haben Dinge „probiert“. Das sind die Worte hier bei Dogorama, die mich triggern. Denn die Leute wollen eigentlich nur ne Wunderlösung für das aktuelle Problem mit dem Hund, damit sie fix ihre Ruhe haben und der Hund wieder unauffälliges Accessoire ist. Da bekomme ich die Wut.
Der Thread zum Beispiel „Wege zur Freundschaft“. Ein wunderbarer Thread für Leute mit jagenden Hunden. Sehr, sehr viele Antworten für kleine und große Jäger. Aber halt auch kein einfacher und „mal eben nebenbei“- Weg. Man weiß natürlich nicht, wieviele Leute nur still mitlesen, aber man könnte für den Eindruck gewinnen, man wäre dort in einer geschlossenen Gruppe mit 7 Mitgliedern unterwegs…. So wenig interessieren sich die Leute für richtig gute Auslastung.
Mein Fazit: die Rasse(n), die dein Hund in sich trägt, die geben dir Aufschluss, für was sich dein Hund interessieren könnte, was seine Neigungen und Bedürfnisse sind.
Aber du musst auch individuell schauen, ob das auch wirklich bei deinem Hund zutrifft und darauf dann Beschäftigung und Auslastung anpassen - genauso wie das Ruhebedürfnis.