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Celine
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heute 13:17

Wann wird die Liebe zur Rasse eigentlich zur Tierquälerei?

Ich möchte heute ein Thema ansprechen, das mir sehr am Herzen liegt: Die Balance zwischen den genetischen Anlagen unserer Hunde und dem Umfeld, in dem wir sie halten. Oft konzentrieren wir uns bei der Auswahl eines Hundes auf die Optik oder ein bestimmtes Image. Dabei übersehen wir manchmal, dass viele Rassen über Jahrhunderte für ganz spezifische Aufgaben selektiert wurden, sei es für das autarke Bewachen von Herden über weite Strecken oder für hochspezialisierte Arbeitsleistungen. Meiner Meinung nach ist es schwierig, diesen Instinkten in einem eng besiedelten Umfeld wie einem Großstadt-Plattenbau wirklich gerecht zu werden. Ein Hund, dessen Natur auf Schutz und Weite ausgelegt ist, gerät in der Reizüberflutung und Enge der Stadt oft unter Dauerstress. Da stößt auch die beste Erziehung irgendwann an ihre Grenzen, weil es ein Konflikt zwischen der Biologie des Tieres und seinem Lebensraum ist. Wir diskutieren oft sehr intensiv über Trainingsmethoden, wenn Probleme auftreten. Aber vielleicht sollten wir früher ansetzen und uns öfter die Frage stellen: Passt mein Lebensumfeld wirklich zu den tief verwurzelten Bedürfnissen dieser speziellen Rasse? Wahrer Respekt vor dem Tier bedeutet für mich auch, die eigenen Grenzen und die des Wohnraums anzuerkennen. Ich glaube, wir würden vielen Hunden großes Leid ersparen, wenn wir die Genetik wieder mehr als das anerkennen, was sie ist: Ein fester Bauplan, den man nicht einfach wegerziehen kann. Wie geht ihr bei der Auswahl vor? Spielt die Genetik bei eurer Entscheidung für oder gegen eine Rasse im städtischen Raum die Hauptrolle? Wie sieht ihr einen Herdenschutzhund (zB Kangal) in einem Plattenbau/ Mehrfamilienhaus in der Großstadt?
 
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Celine
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2. Feb. 21:23
Wir müssten erstmal klären ob ein negatives verhalten am Gen oder am Trieb liegt. Klar hat es auch was mit der Genetischen Veranlagung zu tun welch ein Trieb ein Hund hat. Jetzt müsste man aber auch darüber diskutieren in wie weit man das Gen Trainieren kann um so den Trieb unter Kontrolle zu bringen. Klar ist es schön wenn ein Border sein Herde Hütten darf. Kenne jetzt aber kaum ein Border dem das Glück zu teil wird. Genauso wäre es schön wenn ein Husky über Kilometer Schlitten ziehen darf. Ich kenne nicht einen der diesem Glück nachkommen darf. Klar hat auch Zucht was damit zu tun. Aber wieviel ist von der Zucht abhängig und wie hoch ist der Einfluss vom Halter auf den Hund was überwiegt mehr. Das Gen der Trieb die Zucht oder der Halter oder Umfeld. Was hat denn größten Anteil am verhalten eines Hundes?
Man kann Gene und Triebe nicht voneinander trennen, der Trieb ist das genetische Erbe.

Natürlich kann (und muss) ein Halter Triebe kontrollieren und umlenken. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Kontrolle und Bedürfnisbefriedigung. Ein Border Collie, der nicht hütet, braucht einen adäquaten Ersatz für seine Genetik, um nicht neurotisch zu werden. Ein Husky, der niemals rennen darf, leidet.

Die Frage ist doch nicht, was prozentual mehr wiegt, sondern, Warum entscheide ich mich für einen Spezialisten, wenn mein Umfeld ihm nur Einschränkungen bietet?
Wenn der Haupteinfluss des Halters darin besteht, den Hund permanent darin zu deckeln, dass er seine rassetypischen Eigenschaften nicht zeigt, dann ist das für mich keine gelungene Erziehung, sondern ein Leben im ständigen Konflikt mit der Natur des Tieres. Ein Kangal im Plattenbau muss nicht 'trainiert' werden, seinen Schutzinstinkt zu vergessen, er müsste seine gesamte Identität aufgeben, um dort stressfrei zu funktionieren. Das ist für mich der Punkt, an dem das Umfeld die Genetik schlichtweg 'schlägt' und zwar zum Nachteil des Hundes..
 
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Sylvia
2. Feb. 21:15
Tolles Thema. Danke für die Erstellung dieses sehr interessanten Thread🤗
 
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Jörg
2. Feb. 21:18
Wir müssten erstmal klären ob ein negatives verhalten am Gen oder am Trieb liegt. Klar hat es auch was mit der Genetischen Veranlagung zu tun welch ein Trieb ein Hund hat. Jetzt müsste man aber auch darüber diskutieren in wie weit man das Gen Trainieren kann um so den Trieb unter Kontrolle zu bringen. Klar ist es schön wenn ein Border sein Herde Hütten darf. Kenne jetzt aber kaum ein Border dem das Glück zu teil wird. Genauso wäre es schön wenn ein Husky über Kilometer Schlitten ziehen darf. Ich kenne nicht einen der diesem Glück nachkommen darf. Klar hat auch Zucht was damit zu tun. Aber wieviel ist von der Zucht abhängig und wie hoch ist der Einfluss vom Halter auf den Hund was überwiegt mehr. Das Gen der Trieb die Zucht oder der Halter oder Umfeld. Was hat denn größten Anteil am verhalten eines Hundes?
 
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Celine
2. Feb. 21:23
Wir müssten erstmal klären ob ein negatives verhalten am Gen oder am Trieb liegt. Klar hat es auch was mit der Genetischen Veranlagung zu tun welch ein Trieb ein Hund hat. Jetzt müsste man aber auch darüber diskutieren in wie weit man das Gen Trainieren kann um so den Trieb unter Kontrolle zu bringen. Klar ist es schön wenn ein Border sein Herde Hütten darf. Kenne jetzt aber kaum ein Border dem das Glück zu teil wird. Genauso wäre es schön wenn ein Husky über Kilometer Schlitten ziehen darf. Ich kenne nicht einen der diesem Glück nachkommen darf. Klar hat auch Zucht was damit zu tun. Aber wieviel ist von der Zucht abhängig und wie hoch ist der Einfluss vom Halter auf den Hund was überwiegt mehr. Das Gen der Trieb die Zucht oder der Halter oder Umfeld. Was hat denn größten Anteil am verhalten eines Hundes?
Man kann Gene und Triebe nicht voneinander trennen, der Trieb ist das genetische Erbe.

Natürlich kann (und muss) ein Halter Triebe kontrollieren und umlenken. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Kontrolle und Bedürfnisbefriedigung. Ein Border Collie, der nicht hütet, braucht einen adäquaten Ersatz für seine Genetik, um nicht neurotisch zu werden. Ein Husky, der niemals rennen darf, leidet.

Die Frage ist doch nicht, was prozentual mehr wiegt, sondern, Warum entscheide ich mich für einen Spezialisten, wenn mein Umfeld ihm nur Einschränkungen bietet?
Wenn der Haupteinfluss des Halters darin besteht, den Hund permanent darin zu deckeln, dass er seine rassetypischen Eigenschaften nicht zeigt, dann ist das für mich keine gelungene Erziehung, sondern ein Leben im ständigen Konflikt mit der Natur des Tieres. Ein Kangal im Plattenbau muss nicht 'trainiert' werden, seinen Schutzinstinkt zu vergessen, er müsste seine gesamte Identität aufgeben, um dort stressfrei zu funktionieren. Das ist für mich der Punkt, an dem das Umfeld die Genetik schlichtweg 'schlägt' und zwar zum Nachteil des Hundes..
 
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Nad
2. Feb. 21:23
Mega spannendes Thema, das mich selbst immer wieder beschäftigt. Ich frage mich oft, warum gerade diese Person mit dieser Wohn- und Lebenssituation genau diesen Hund gewählt hat. Oder warum „Tierschutz“ Orgas genau dieses Individuum dorthin vermitteln. Und wie man dem Hund und seinen Bedürfnissen gerecht werden kann, die teilweise so konträr zu den Anforderungen sind. Dies denke ich insbesondere bei HSH und hoch spezialisierten Rassen. Viel „Problemverhalten“ sehe ich eher der Umgebung geschuldet als dem Hund an sich.

Für mich spielt Genetik bei der Auswahl eine zentrale Rolle, gerade im städtischen Raum. Nicht im Sinne von „Rasse X ist unmöglich“, sondern im Sinne von Wahrscheinlichkeiten. Ein Hund bringt keinen leeren Speicher mit, sondern ein sehr klares Set an Prädispositionen: Reizschwellen, Bewegungsbedarf, Selbstständigkeit, Territorialverhalten, Frustrationstoleranz.

Ich stimme dir zu: Training kann viel formen, aber es kann keinen jahrhundertealten Selektionsauftrag löschen. Man kann Management betreiben, Bedürfnisse umlenken, Kompromisse finden – aber man arbeitet immer gegen oder mit etwas, nie aus dem Nichts.
 
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Olli
2. Feb. 21:25
Wir müssten erstmal klären ob ein negatives verhalten am Gen oder am Trieb liegt. Klar hat es auch was mit der Genetischen Veranlagung zu tun welch ein Trieb ein Hund hat. Jetzt müsste man aber auch darüber diskutieren in wie weit man das Gen Trainieren kann um so den Trieb unter Kontrolle zu bringen. Klar ist es schön wenn ein Border sein Herde Hütten darf. Kenne jetzt aber kaum ein Border dem das Glück zu teil wird. Genauso wäre es schön wenn ein Husky über Kilometer Schlitten ziehen darf. Ich kenne nicht einen der diesem Glück nachkommen darf. Klar hat auch Zucht was damit zu tun. Aber wieviel ist von der Zucht abhängig und wie hoch ist der Einfluss vom Halter auf den Hund was überwiegt mehr. Das Gen der Trieb die Zucht oder der Halter oder Umfeld. Was hat denn größten Anteil am verhalten eines Hundes?
Die Genetik ist ja die Ursache für z.B. bzw. ein entsprechendes Rasseverhalten, wie Trieb. Züchter versuchen deshalb ja gewünschtes Verhalten zu erhalten und unerwünschtes zu vermeiden.

Und dann gibt's halt die Ausnahmen, der Kangal, der nicht wacht, der Schlittenhund, der nicht zieht, usw.

Das _kann_ passieren, aber man sollte sich bei der Wahl der Rasse eben nicht wundern, wenn dann die typischen Merkmale auftreten.
 
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Michi
2. Feb. 21:26
*** Jörg***
Es geht doch überhaupt nicht um ein negatives Verhalten.
Was soll das sein?
Ein negatives Verhalten ist menschengemacht.
Wenn ein Border nicht rassegerecht gehalten wird ( dazu braucht es nicht zwingend eine Schafherde), dann zeigt er Fehlverhalten und Stereotypen.
Das hat aber mit den Menschen zu tun, die ihm nicht das Umfeld für seine genetische Veranlagung geben.
Ein HSH zeigt Fehlverhalten, wenn man ihn in ein falsches Umfeld bringt usw.....
 
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Celine
2. Feb. 21:29
Mega spannendes Thema, das mich selbst immer wieder beschäftigt. Ich frage mich oft, warum gerade diese Person mit dieser Wohn- und Lebenssituation genau diesen Hund gewählt hat. Oder warum „Tierschutz“ Orgas genau dieses Individuum dorthin vermitteln. Und wie man dem Hund und seinen Bedürfnissen gerecht werden kann, die teilweise so konträr zu den Anforderungen sind. Dies denke ich insbesondere bei HSH und hoch spezialisierten Rassen. Viel „Problemverhalten“ sehe ich eher der Umgebung geschuldet als dem Hund an sich. Für mich spielt Genetik bei der Auswahl eine zentrale Rolle, gerade im städtischen Raum. Nicht im Sinne von „Rasse X ist unmöglich“, sondern im Sinne von Wahrscheinlichkeiten. Ein Hund bringt keinen leeren Speicher mit, sondern ein sehr klares Set an Prädispositionen: Reizschwellen, Bewegungsbedarf, Selbstständigkeit, Territorialverhalten, Frustrationstoleranz. Ich stimme dir zu: Training kann viel formen, aber es kann keinen jahrhundertealten Selektionsauftrag löschen. Man kann Management betreiben, Bedürfnisse umlenken, Kompromisse finden – aber man arbeitet immer gegen oder mit etwas, nie aus dem Nichts.
Vielen Dank für deinen Beitrag und die Sicht darauf.
Du triffst es mit dem Begriff der Wahrscheinlichkeiten genau auf den Punkt!

Natürlich ist jeder Hund ein Individuum aber wenn ich mich für eine Rasse entscheide, entscheide ich mich für ein Paket an Wahrscheinlichkeiten. Bei einem Herdenschutzhund ist die Wahrscheinlichkeit für starkes Territorialverhalten und eine niedrige Reizschwelle gegenüber Fremden im eigenen Bereich einfach genetisch ‚eingebaut‘.

Wenn ich in der Großstadt lebe, sollte ich doch versuchen, mit der Genetik meines Hundes zu arbeiten und nicht mein gesamtes Halterleben damit verbringen müssen, gegen sie anzukämpfen (Management), nur damit der Alltag irgendwie funktioniert. Dass dieses ‚Gegen die eigene Natur Arbeiten‘ für den Hund Dauerstress bedeutet, wird leider viel zu oft übersehen. Es freut mich sehr, dass hier der Fokus auf die Umgebung als Ursache für ‚Problemverhalten‘ gelenkt wird, denn oft ist nicht der Hund das Problem, sondern die fehlende Passung zwischen Rasse und Lebensraum..
 
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Sylvia
2. Feb. 21:30
Man kann Gene und Triebe nicht voneinander trennen, der Trieb ist das genetische Erbe. Natürlich kann (und muss) ein Halter Triebe kontrollieren und umlenken. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Kontrolle und Bedürfnisbefriedigung. Ein Border Collie, der nicht hütet, braucht einen adäquaten Ersatz für seine Genetik, um nicht neurotisch zu werden. Ein Husky, der niemals rennen darf, leidet. Die Frage ist doch nicht, was prozentual mehr wiegt, sondern, Warum entscheide ich mich für einen Spezialisten, wenn mein Umfeld ihm nur Einschränkungen bietet? Wenn der Haupteinfluss des Halters darin besteht, den Hund permanent darin zu deckeln, dass er seine rassetypischen Eigenschaften nicht zeigt, dann ist das für mich keine gelungene Erziehung, sondern ein Leben im ständigen Konflikt mit der Natur des Tieres. Ein Kangal im Plattenbau muss nicht 'trainiert' werden, seinen Schutzinstinkt zu vergessen, er müsste seine gesamte Identität aufgeben, um dort stressfrei zu funktionieren. Das ist für mich der Punkt, an dem das Umfeld die Genetik schlichtweg 'schlägt' und zwar zum Nachteil des Hundes..
Ich persönlich würde mir keinen Border Collie oder Husky zulegen. Es sind schöne Hunde, aber sie würden nicht in mein Leben passen. Auf einem Pferdehof kann ich keinen Hund mit starken Hütetrieb ( Gefahr vom Pferdetritt) noch mit Jagdtrieb ( Hof ist nicht eingezäunt und am Wald liegend) gebrauchen. Da ich nicht gegen deren Natur trainieren möchte, wären sie hier fehl am Platz.
 
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Heike
2. Feb. 21:34
Ein Beispiel aus meiner Umgebung:
Die Halter haben sich einen Border Collie angeschafft, da sie diese Rasse so hübsch finden. Wohnumfeld ländlich, großer Garten, scheinbar also alles gut.
Mit dem Hund wurde aber nichts unternommen, er wurde raus gelassen um seine Geschäfte zu erledigen und langweilte sich ansonsten im Haus. Keine Spaziergänge, keine Aufgabe, keine Erziehung.
Als Ergebnis davon suchte er sich seine Aufgabe an der Straße, lag abgeduckt im kleinen Straßengraben und wenn ein Auto kam, flitzte er am Auto entlang und begleitete es ein ganzes Stück, drehte dann um und nahm den Platz im Graben wieder ein. Brandgefährlich, nicht nur für den Hund, auch für die Autofahrer.
Niemand hatte ihm das beigebracht, das Verhalten kam aus seinen rassetypischen Veranlagungen.
 
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Bianca
2. Feb. 21:34
Für mich ist ganz klar…:
Wohne ich irgendwann nicht mehr so wie jetzt ( Alleinlage, 4km bis zum nächsten Haus, Pferdehaltung… kommt ein Herdenschutzhund als „ neuer“ Hund nicht mehr in Frage….
Das wäre der Rasse, den Genen nicht gerecht….