Für mich lässt sich die Frage „Gene, Erziehung oder einfach Charakter?“ bei meinem Rüden nur mit alle drei gleichzeitig beantworten 😅
Neo ist 4 Jahre alt und schon sehr rüdenhaft unterwegs - aber zugleich passt er - und ich denke viele andere auch - nicht ins hormonelle Klischee. Er markiert, scharrt, zeigt deutliches Statusverhalten und knurrt, wenn Rivalen nicht mal unbedingt sichtbar, aber in der Luft sind. Dieses Knurren habe ich ganz bewusst erlaubt und auch bestärkt, weil ich Kommunikation wichtig finde. Mir ist ein Hund, der früh sagt „das stört mich“, „ich bin unsicher“, „ bis hierhin und nicht weiter“, deutlich lieber als einer, der lange aushält und dann ohne Vorwarnung eskaliert (hatten wir vorher, war blöd🙈).
Gleichzeitig wäre es blauäugig zu behaupten, dass damit alles geregelt ist. Gegenüber Fremdhunden reicht diese Kommunikation bei Neo nicht aus - ganz unabhängig von Geschlecht oder Alter des Gegenübers. Wenn eine Situation für ihn zu unübersichtlich wird und das trifft auf jede Begegnung zu, die jenseits fester Rahmung stattfindet, kippt das Ganze – dann geht es null um Austausch, sondern um Sicherheit und Selbstschutz. Für mich hat das wenig mit Dominanz zu tun, aber sehr viel mit seinem Bedürfnis in sozialen Kontakten die Kontrolle zu behalten. Neo braucht Vorhersagbarkeit und klare Rahmen, um reguliert zu bleiben. Sonst übernimmt er selbst und das kann dann sehr unschön werden.
Seine HSH- und Malamute-Anteile erklären für mich rückblickend einiges: Sicherheitsorientierung, Eigenständigkeit und dieses Bedürfnis, Situationen zu regeln, bevor sie aus dem Ruder laufen.
Besonders deutlich wird dieses Bedürfnis angesichts der Situ mit Ivy - unserer Zweithündin. Nach längerer Eingewöhnung kann Neo sich hier richtig fallen lassen. Hier zeigt er eine ganz andere Seite – weich, verspielt, albern, kooperativ, konflikttolerant. Er muss nichts regeln, nichts absichern, nichts kontrollieren. Die Beziehung ist für ihn sicher, vorhersehbar und emotional stabil. Genau das fehlt ihm in Kontakten mit flüchtigen Bekannten und erst recht mit Fremdhunden. Er ist wohl eher sozial unsicher mit konfliktbereiter Strategie. Sein Verhalten dient mE aber in erster Linie der Distanz- und Selbstsicherung, nicht einer rüdigen Machtdemonstration.
Aktuell ist er hormonell gechippt, weil bei uns die Läufigkeit von Ivy ansteht. Wir haben das lange und sehr gründlich mit unserer TÄ besprochen. Eine Testosteronspitze hätte seine innere Anspannung und sehr wahrscheinlich auch sein Aggressionsverhalten gegenüber anderen Hunde und vor allem Rüden weiter verschärft. Wir haben uns also für die Variante entschieden, mit der wir besser arbeiten können.
Seit der Chip wirkt, ist Neo tatsächlich etwas unsicherer und nervöser geworden. Das überrascht mich nicht, denn Testosteron wirkt ja auch oft stabilisierend. Diese Unsicherheit lässt sich bei ihm aber gut auffangen. Wir arbeiten aktuell viel über selbstwirksamkeitsfördernde Dinge wie Sucharbeit und klare, lösbare Aufgaben. Das hilft ihm spürbar, wieder in Handlungskompetenz zu kommen.
Interessant finde ich, dass sich sein „Sheriff spielen“ in der sozialen Interaktionsgruppe durch den Chip überhaupt nicht verändert hat. Er schützt Ivy gezielt, wenn „Zuviel“ Dynamik entsteht - andere Hunde werden geblockt und das Spiel kontrolliert.
Für mich durchaus ein Hinweis darauf, dass dieses Verhalten weniger hormonell als vielmehr charakterlich und lerngeschichtlich geprägt ist.
Ich denke, dass Neo gut ist, wie er ist. Das aller wichtigste für mich ist, dass er heute recht zuverlässig abbrechbar ist. Auch in schwierigen Situationen bleibt er ansprechbar. Da steckt viel Arbeit drin, aber genau das zeigt für mich, wie stark Beziehung, Führung und Erziehung Verhalten beeinflussen können.
Für mich ist er ein etwas kantiger, aber klar kommunizierender Rüde, der seinen Erziehungsauftrag Ivy gegenüber nicht nur ganz hervorragend versteht sondern auch mit Spiel und Spaß wunderbar ausbalanciert 😅